Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

KULTUR

Von der Vergangenheit betrogen: Wenn Filme aus der Kindheit sexistisch sind.

Nostalgie kann auch Desillusionierung bedeuten.

[Symbolfoto: Simeon Kloepfer]

20.10.2020 13:40 - Gastautor*in

Wer kennt es nicht? Man sucht sich angesichts anstehender Klausuren einen Film aus, um so jegliche Gedanken an Produktivität zu verdrängen. Es handelt sich um einen älteren Streifen, den man schon in Kindheitstagen auf DVD gesehen hat und nun seine eigenen Gedanken in Nostalgie ertränkt. Plötzlich wird man durch eine kleine Stimme im Kopf in die Gegenwart zurück befördert. Sie sagt: „Hey, Jack Sparrow ist ein sexistisches Arschloch!“ Na großartig, noch ein Stück Kindheit ruiniert! Aber muss das sein? 

Von Gastautor Simeon Kloepfer

Ob Indiana Jones oder Zurück in die Zukunft, Herr der Ringe oder Fluch der Karibik. Bei genauerem Hinsehen wird schnell klar, dass sich in vielen älteren Filmen misogyne oder auch rassistische Elemente verstecken. Dies stellt uns vor folgendes Problem: Einerseits fühlt man sich mit diesen Werken emotional verbunden, andererseits will man sich von ihren Inhalten distanzieren. Wie begegnet man solchen Werken als progressiver Mensch? Sind Schuldgefühle notwendig, wenn man solche Filme mag?

Das Generationen-Problem                           

Dass die Filmindustrie zu großen Teilen immer noch von patriarchalen Strukturen durchzogen ist, ist spätestens seit #MeToo kein Geheimnis mehr. Dass Hollywood & Co schon seit jeher Filme produziert haben, die diese sexistische Ideologie subtextuell propagieren, ist auch kein Wunder, wenn man bedenkt, dass ein Film auch immer ein Abbild der Gesellschaft ist, in der er produziert wurde. Die obligatorische Dame in Not, die in jedem Action-Film gerettet werden muss, oder die primitiven Ureinwohner:innen in Abenteuerfilmen sind nur zwei Beispiele für häufige Klischees.

Von Feuerzangenbowle benebelt

In der Fachschaftenkonferenz wurde ein Verbot des Films Die Feuerzangenbowle diskutiert.
 

Besonders große Blockbuster sind in dieser Hinsicht interessant, da sie sich in vielen Aspekten von anderen Kunstwerken unterscheiden. Während ein Gemälde in der Regel das Machwerk einer einzigen Person ist, wird ein Film von vielen Menschen geformt und ist dabei  gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Zwängen unterworfen. Nun aber anzunehmen, dass sie deshalb unideologisch sind, ist ein Fehlschluss. Ideologiefreiheit ist ein Mythos. Eher findet man dadurch die Weltanschauung einer Gesellschaft in stark konzentrierter Form vor. Wenn diese Anschauung nun zum Beispiel die der USA in den 70ern und 80ern ist, kommt es ganz natürlich bei Filmen zu Macho-Heldentum und Frauen in der Küche. Diese Filme fungieren  wie eine Zeitkapsel, die jüngeren Generationen ihre Werte vermittelt.

Dieses Problem ordnet sich in eine größere Diskussion über unser Verhältnis zu Kunstwerken und Urheber:innen aus älteren Generationen ein. An der Universität Duisburg-Essen (UDE) wurde erst neulich über ein Vorstellungsverbot von Die Feuerzangenbowle aufgrund von nationalsozialistischen Inhalten diskutiert. Natürlich sollen hier nicht Indiana Jones und Fluch der Karibik mit Nazi-Filmen verglichen werden; jedoch kann diesen Filmen mit derselben Grundeinstellung begegnet werden.

Aufwachsen durch Rückblick       

Als naives Kind konnte man Filme einfach genießen, da man nicht die kritischen Fähigkeiten besaß, um sie zu hinterfragen. Doch was will man als aufgeklärter Mensch tun, wenn man zwar auf rationaler Ebene weiß, dass hier patriarchale und/oder rassistische Weltanschauungen verbreitet werden, aber  emotional an diesen Filmen hängt? Muss man die eigene Kindheit verdammen?

Teil davon erwachsen zu werden ist  die eigene Kindheit zu reflektieren. Das, was einem früher mal großartig vorkam, kann sich als enttäuschend kleingeistig entpuppen. Noch schlimmer ist es, wenn man bemerkt, dass sich in geliebten Kindheitsgeschichten Werte versteckt haben, die man selbst verabscheut. Sollte man die Augen davor verschließen? Nein! Ignoranz ist ein Segen, aber Wissen ist Macht. Wer um die ideologischen Fehler dieser Filme weiß, kann sich trotz ihrer Fehler emotional mit ihnen verbunden fühlen, ohne gleich in nostalgischer Gefühlsduselei zu versinken. Das heißt auch, dass man sogar von Die Feuerzangenbowle oder Ähnlichem emotional bewegt werden kann, wenn man nur reflektiert an die Ursachen dieser Emotionen herangeht. Als Menschen sind wir zum Glück keine Sklav:innen unserer Gefühle, sondern frei.

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