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KULTUR

Vier Alben aus dem Hippiebus

Ein körniger Sound gehört zum Hörerlebnis. [Foto: Julia Segantini]
21.07.2020 13:07 - Julia Segantini

Unsere Redakteurin Julia nimmt euch im VW T1, besser bekannt als Hippiebus, mit in die 60er Jahre. Damals lösten die Beatles Justin Bieber-ähnliche Reaktionen bei ihren Fans aus und die Flower-Power-Bewegung setzte sich für weniger Krieg und mehr Liebe ein. Vielen mag der Sound aus dieser Zeit antiquiert erscheinen. Trotzdem stellen wir euch vier Alben vor, die der 60er Jahre Musik mit einigen modernen Kniffen zu neuer Frische verhelfen.

Tami Neilson - Sassafrass!, 2018

Auf der aktuellen Platte CHICKABOOM! schöpft die gebürtige Kanadierin zwar das enorme Potenzial ihrer gewaltigen Stimme aus. Dafür bietet Sassafrass! mehr Abwechslung. „Sassafrass“ ist übrigens ein amerikanischer Slangausdruck für eine Person, die offen ihre Meinung ausspricht. Das tut Tami Neilson und offenbart darin ihr Talent zum Songschreiben. Darin behandelt sie feministische Themen mit einem empowernden Ansatz („Stay Outta My Business“) oder kleidet das Thema in gefühlvollere Nummern („A Woman’s Pain“). Die Texte stehen im Kontrast zum typischen Sound der frühen Sechziger: Neilson wechselt mühelos zwischen energiegelandenen Soul-Nummern, bluesigen Country-Sounds und kessen Rockabilly-Anklängen – Musikstile, die in den 60ern männerdominiert sind. Dem Machismo begegnet sie selbstbewusst mit hochtoupierten Haaren, einem Eyeliner mit einem messerscharfen Wing, knallrotem Lippenstift und einer deutlichen Haltung die aussagt: Ich bin mehrfache Mutter, eine starke Frau, talentierte Musikerin und lasse mir von niemandem etwas sagen!

Für Fans von: Wanda Jackson, Amy Winehouse, Johnny Cash

Blues Pills - Lady in Gold, 2016

Die schwedische Sängerin Elin Larsson vereint in ihrem kraftvollen Organ gleich zwei stimmliche Größen: Janis Joplin und Aretha Franklin. So schafft sie es mühelos, mit dem gewaltigen Soundteppich, den vor allem die fetten Gitarren liefern, mitzuhalten. Hätte es Blues Pills schon 1969 gegeben, wären sie heute sicherlich als Woodstock-Legenden bekannt. Aber für moderne Ohren eignet sich der harte Bluesrock mit souligem Gesang ebenso gut. Blues Pills klingen wie ein Kaleidoskop. Bunt, psychedelisch und verträumt. Allerdings nicht nach Love & Peace, denn dafür sind Gesang und Gitarre zu kompromisslos. Da will man sich am liebsten die Haare lang wachsen lassen, am besten in Kombination mit einem stattlichen Schnurrbart (wer kann). Singen macht ja schon Spaß, wenn man es nicht kann, wie viel Spaß muss es erst machen, wenn man eine Elin Larsson ist? Normalsterblichen bleibt immerhin, die psychedelischen Sounds zu genießen, verträumt tanzen und bei den härteren Nummern kräftig mit dem Fuß mitzustampfen.

Für Fans von: Led Zeppelin, Kadavar, Cream

Stil und Eleganz – mit Samt-Sakkos statt Batik-Shirts

Seratones - POWER, 2019

Die Seratones aus Louisiana bestehen aus fünf Musiker*innen, die mit ihrem jazzinduzierten Southern Rock mit starkem Soul-Einschlag seit 2016 ihr Publikum begeistern. Die markante Stimme von Sängerin AJ Haynes wechselt dabei zwischen piepsig hohen Tönen und plüschig-gemütlichen Klängen. Damit liefert sie 1A Vintage-Sound mit Motown-Flair. In den 1960er Jahren war Motown ein Label mit einem charakteristischen Soul-Stil mit Mainstream-Pop-Appeal, der vielen BPoCs damals zumErfolg verhalf. Seratones bedienen sich entsprechend vielen Motown-Einflüssen und  orientieren sich im Song „Fear“ beispielsweise am Girl-Group-Pop der Sixties oder verleihen anderen Nummern einen eindeutigen Gospel-Touch. Trotzdem ist die Musik leicht angepunkt, wenn auch weniger als das Debütalbum. So kommt es zu einer ungewöhnlicher Genrevermengung aus Jazz, modernen Synthesizern, experimentellen Arrangements, geschmeidigem Soul, körnigen Punk, starken und selbstbewussten Texten über Rassismus und Feminismus.

Für Fans von: Martha Reeves & The Vendellas, Ella Fitzgerald, X-Ray-Spex

Temples - Sun Structures, 2014

Der Frisuren-Trend sagt bereits viel über die Musik der drei Briten aus. Beides bewegt sich zwischen Topffrisur und wilden Locken und damit zwischen John Lennon und Jim Morrison. Dieses Album könnte locker aus dem Jahr 1967 stammen. Die einwandfreie Produktion auf höchstem Niveau, die es damals so nie hätte geben können, verrät als einziges die Modernität der Platte. Die Musik orientiert sich am Pop der 60er. Deswegen hört man den für diese Zeit typischen zwei- bis dreistimmigen Gesang mit Hall und Echo und längere instrumentale Passagen. Dass das Cover dem „Who’s Next“-Album von The Who ähnelt, ist kein Zufall. Deren Einfluss schimmert konstant durch. Oft klingen die Songs psychedelisch und verträumt, als kämen sie aus anderen Sphären – LSD-Sounds aus dem Hippiebus. Fans der Beatles Alben „Revolver“ und „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ sollten definitiv die Ohren spitzen. Die Temples sind aber keine bunten Hippies mit langen Bärten, sondern legen Wert auf Stil und Eleganz – mit Samt-Sakkos statt Batik-Shirts.

Für Fans von: The Who, The Beatles, The Kinks

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