Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

KULTUR

„Tschick“: Inklusives Road-Trip-Theater

Alexey Ekimov und Tobias Roth als Tschick und Maik.

[Foto: Birgit Hupfeld] 

Von Gastautorin und ehemaliger akduell-Redakteurin Anna Riemen
19.03.2020 14:04 - Gastautor*in

Maik ist 14 Jahre alt, wohlstandsverwahrlost, ein selbsterklärter Langweiler. In einem geklauten, schrottreifen Lada begibt er sich auf eine Odyssee quer durch Deutschland. Begleitet wird er dabei vom gleichaltrigen Tschick, der aus Russland kommt, kaputte Klamotten trägt und oft betrunken zum Unterricht erscheint. Der zugleich leichtfüßige wie tiefgründige Roadtrip-Bestseller „Tschick“ hat seit seiner Bühnenadaption in den vergangenen acht Jahren ca. 120.000 Besucher*innen in deutsche Theater geführt. Die ausverkaufte Vorstellung am 11. März ist die 81. Aufführung der märchenhaften Inszenierung von Jana Milena Polasek. Sie wird außerdem in deutsche Gebärdensprache übersetzt.

„Ein Lada steht im Parkverbot, in 100 Jahren sind wir tot.“ Auf die letzten Worte der Vorführung von „Tschick“ verlöschen abrupt alle Lichter in der „Casa“ des Theater Essen. Das Ende des Stücks ist so schnörkellos wie die in Teenagermanier gehaltene Schilderung seiner Geschichte: ohne viel Aufhebens um schöne Worte oder komplexe Sätze, dafür ab und an überraschend reflektiert und tiefsinnig. Minimalistisch sind auch die Elemente, mit denen es inszeniert wurde: Das Bühnenbild besteht aus einem goldenen, in Glitzerpulver ertrinkenden Sessel, dem ein Adler und ein Rhinozeros entwachsen. Ein weißer Stoffballon nimmt den Großteil des oberen Bühnenraums ein. Drei Schauspieler*innen treten heute Abend auf. Außerdem zwei Dolmetscherinnen, die das Stück in deutsche Gebärdensprache übersetzen und dabei eine nicht weniger bühnenreife Performance abliefern.

Schwarz ist der glänzende Bühnenboden, schwarz ist die Kleidung der Schauspieler Alexey Ekimov und Tobias Roth. In ihrer Garderobe aus Samt und Brokat, silbernen Applikationen und Krönchen wirken sie wie Prinzen, die einer Märcheninszenierung entlaufen sind.
Ähnlich wie zwei Freunde, die eine Anekdote schildern, wechseln die Hauptdarsteller zwischen wörtlicher Rede, Rahmengeschichte und anderen Charakteren der Geschichte. Allein Isa - ein Mädchen, das Tschick und Maik auf einem Schrottplatz treffen - wird durch Silvia Weiskopf verkörpert. Sie ist ganz in weiße, luftige Kleidung gehüllt und trägt ein pinkes Blütenkopfteil. Der wie ein Wasserfall redenden, ungepflegten und leicht neben der Spur wirkenden Isa drückt Weiskopf ihren eigenen schauspielerischen Stempel auf: Ein Auge blinzelt unentwegt, die Körperhaltung ist krumm, ihre Bewegungen wirken abgehackt und dennoch athletisch.

Die selbstständigen Dolmetscherinnen Sophia Rißler und Sabine Fischer-Kowalewski scheinen auf der Bühne den Schauspieler*innen beinahe gleichberechtigt. Ihre Übersetzung verstärken sie mit körpersprachlichen Elementen. Bei Schilderungen der wilden Automanöver kurbelt Rißler mit spitzbübisch herausgestreckter Zungenspitze an einem imaginären Lenkrad, eingespielte Musik wird von Fischer-Kowalewski gelegentlich mit einem Luftgitarrensolo symbolisiert. „Für Gehörlose und Hörgeschädigte ist es durch die Mimik und Gestik ein besseres Nachfühlen“, sagt Philipp. Er sitzt mit anderen Schüler*innen eines Internats für hörgeschädigte Schüler*innen des Diakoniewerk Essen im mittleren Block. Der linke Flügel des Theatersaals wird von einer hörenden Schulklasse der Mittelstufe belegt. Sowohl hörende Teenager als auch junge, gehörgeschädigte Erwachsene suchen nach dem Stück das Gespräch mit den Dolmetscherinnen und sprechen ihnen Komplimente aus. 
„Es ist auch unser Ziel, dass man in Austausch kommt, dieser inklusive Gedanke,“ so Sonja Sturny vom Diakoniewerk Essen. Die Diakonie unterhält mehrere Einrichtungen für gehörlose und gehörgeschädigte Personen. Das Theater Essen begann vor sechs Jahren, Stücke dolmetschen zu lassen, um Internatsschüler*innen Theaterbesuche zu ermöglichen. Inzwischen werden zwei bis drei Stücke pro Jahr übersetzt und im ganzen Ruhrgebiet ausgeschrieben. Das Theater Essen setze damit ein positives Exempel in der sonst selten auf Barrierefreiheit versierten Theaterszene, sagt Sturny. „Es wäre unser Wunsch, dass auch andere Bühnen das einfach mal mitdenken. Kultur und Theater sind Dinge, auf die alle Menschen einen Anspruch haben, ob mit oder ohne Hörschädigung.“

Ihre Übersetzung verstärken sie mit körpersprachlichen Elementen.

Rißler und Fischer-Kowalewski haben bereits mehrfach mit dem Theater Essen zusammengearbeitet, um ausgewählte Stücke einem gehörlosen sowie gehörgeschädigten Publikum zugänglich zu machen. Da Gebärdensprache eine eigene Sprache mit einer eigenen Grammatik ist, bedarf die Übersetzung eines Theaterstücks gründlicher Vorbereitung. Es sei sehr anspruchsvoll, künstlerische Elemente zu übersetzen, so Rißler. „Theater ist ein ganz besonderes Setting für uns Dolmetscher, eben, weil Sprache da so anders benutzt wird. Normalerweise übersetzen wir in alltagssprachlichen Situationen. Schnelle Sprechwechsel, hohes Sprachtempo, Wortwitze, Lieder – das alles kommt so zum Beispiel bei einem Arztbesuch nicht vor.“ Die Dolmetscher*innen lesen vorher das Skript und schauen sich eine Vorstellung an. Da ein Transport von Emotionen über die Stimmlage bei Gehörlosen nicht möglich sei, müssten Tonfall und Stimmung der Schauspielenden durch die Mimik rübergebracht werden, ergänzt Fischer-Kowalewski. Auch ahmten sie die Position der Schauspielenden nach, um zu verdeutlichen, wessen Rede sie gerade übersetzen. „Wir müssen versuchen, uns anzupassen, damit die Leute uns zusehen können, als wären wir ein Teil des Stücks“, so Rißler.

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