Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

KULTUR

Trinkhallen vor dem Aus?

Die Trinkhalle der Rajedrans an der ruhigen Kreuzung in Huttrop.

[Foto: Erik Körner]

14.10.2019 10:40 - Laura Lindemann, Erik Körner

Kiosk, Trinkhalle, Büdchen. Aktuell gibt es etwa 23.500 Stück in Deutschland, schätzt der Handelsverband Deutschland (HDE). Doch die kleinen bunten Buden sind gefährdet. Auch im Ruhrgebiet geht die Zahl der Trinkhallen zurück.

„Wenn die Trinkhallen weichen, dann geht mit ihnen auch ein Stück Kultur verloren." Jan Pass arbeitet bei der Ruhrtourismus GmbH und veranstaltet den Tag der Trinkhallen im Ruhrgebiet mit, der durch den hohen organisatorischen und finanziellen Aufwand nur alle zwei Jahre stattfindet. Dann verwandeln sich 50 Trinkhallen in sogenannte Programmbuden wie Filmbuden, Poetryslam-Bühnen, Kabarett- oder Konzerthallen. „Mit diesem Tag wollen wir den Trinkhallen im Ruhrgebiet huldigen", beschreibt Pass. Denn diese seien wichtig für das Stadtbild. Im Pott gibt es offiziell 8.000 Buden, allerdings schätzt man die aktuelle Anzahl auf über 15.000 Stück. Laut einem ZDF-Artikel berichtet der Handelsverband Deutschland (HDE) von einem Rückgang von 2.000 Buden in den letzten zehn Jahren in Deutschland. 

Die Tendenz ist steigend. „Durch das Ladenschlussgesetz haben es die kleinen Buden schwer", erklärt Pass. „Supermärkte sind teilweise bis in die Nacht geöffnet und haben ein günstigeres Angebot. Das ist eine riesige Konkurrenz." Ebenso stellen Tankstellen eine Gefahr für die Trinkhallen dar. „Die Angebote sind deckungsgleich und relativieren das Alleinstellungsmerkmal der Buden", so Pass. An konkreten Beispielen kann er einen Rückgang der Trinkhallen im Ruhrgebiet jedoch nicht feststellen. „Sowohl aus kultureller als auch aus sozialer Sicht wäre ein Aussterben der Büdchen wirklich schade. Hier im Ruhrgebiet gilt die Trinkhalle als sozialer Nachbarschaftstreffpunkt."

Verschwindende Aura im Pott

Laut Pass gibt es drei Gruppen von Kund*innen: Stammkund*innen, die täglich zum Plaudern kommen und den Kiosk als eine Möglichkeit zum Austausch sehen, Gelegenheitskund*innen und Notkund*innen, die beispielsweise sonntags noch etwas einkaufen gehen. „Wenn für diese Menschen das Büdchen wegfällt, wäre das ein großer Verlust", sagt Pass. Früher galt er Kiosk im Ruhrgebiet als ein sozialer Treffpunkt für Bergleute. Sind die Trinkhallen hier deshalb von größerer Bedeutung? „Ich würde spontan sagen, ja. Denn dadurch, dass so viel Geschichte daran hängt, hat die Büdchenkultur eine besondere Aura, und somit einen hohen Stellenwert im Ruhrgebiet", findet Pass. 

„Durch das Ladenschlussgesetz haben es die kleinen Buden schwer"

Auf einer ruhigen Kreuzung an der Wörthstraße im Essener Stadtteil Huttrop befindet sich die Trinkhalle von Gowry Rajendran und ihrem Mann Rengasamy. Neben dem Eingang thronen ein Kühlschrank voller Getränke und eine Speiseeistruhe. Über letzterer hängt ein Regal mit diversen Snacks. „Wir haben unser Geschäft bereits seit elf Jahren", erzählt Gowry Rajendran mit einem stolzen Lächeln, während sie hinter dem von Süßigkeiten und Zeitschriften bedeckten Tresen steht.

Das Ehepaar arbeitet fast das gesamte Jahr lang, sowohl am Wochenende als auch an Feiertagen. Einen Einschnitt in ihr Privatleben stelle das laut Rajendran nicht dar: „Wir haben Aushilfen, die vor allem an Feiertagen für uns einspringen, sodass mein Mann und ich mehr Freizeit haben." Glücklicherweise ist ihr Weg zur Arbeit kurz. Eine Tür hinter der Kasse führt in ihre Wohnung. Häufig kommt eine*r der beiden von dort, wenn zuvor keine Kundschaft im Laden war.

Kundenzahlen sind für sie kein Grund zur Sorge. „Wir haben unsere Stammkunden", erzählt Rajendran selbstbewusst und fährt fort: „Selbst, wenn nur die blieben, könnten wir unseren Laden ohne Probleme noch eine ganze Weile betreiben." Anscheinend ist der Kiosk vor allem für Raucher*innen oder Partygänger*innen eine willkommene Anlaufstelle. „Die meisten Leute kommen am Morgen und am Abend. Morgens kaufen die Leute vor allem Tabak oder Zigaretten, am Abend eher Getränke oder Snacks", erläutert Rajendran, auf das reichhaltige Sortiment an Tabakwaren und die Kühlschränke voller Bier und Softdrinks hinter der Kasse deutend.

Anlaufstelle für Studis

Julian, Anglophone Studies- und Geschichtsstudent an der UDE, wohnt nur wenige Meter von der Trinkhalle entfernt. Diese kam ihm in einigen Nächten zur Rettung. „Gerade, wenn ich Hausarbeiten geschrieben habe, bin ich kurz vor zehn noch einmal schnell runter, um mir einen Energydrink zu kaufen", erinnert er sich. Auch außerhalb der Prüfungsphase war das Geschäft der Rajendrans ein Segen für den Studenten. „Wenn abends spontan Gäste vorbeikommen und man ihnen nicht nur Wasser anbieten möchte, ist es praktisch, auch spät am Abend in weniger als fünf Minuten Bier oder Softdrinks organisieren zu können."

Für Tom, Julians Mitbewohner, ist die Zwanglosigkeit der fußläufigen Bude eine ihrer größten Vorteile: „Ich kann dort problemlos in Jogginghose auftauchen, ohne mich deswegen schlecht fühlen zu müssen." Nicht nur Julian und Tom hoffen, dass ihnen die bunten Buden noch lange erhalten bleiben. Denn so wie die Zechen und der Fußball gehören auch die Trinkhalle zum Ruhrgebiet.

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