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KULTUR

Tinder: Eine Dating-App aus der Gamedesign-Perspektive

Tinder: Die wohl bekannteste Dating App der Welt [Foto: pixabay]

25.04.2021 08:58 - Erik Körner

Tinder ist eine der bekanntesten Dating Apps der Welt. Sie hat das Design ihrer Nachfolger nachhaltig geprägt. Dennoch hat Tinder massive Schwächen, die auf dem Ausnutzen der Bedürfnisse der Nutzer:innen basieren.

Eine Rezension von Erik Körner

Eine Zehntelsekunde, die Länge eines Wimpernschlags. So schnell sollen sich laut Psychologe Alexander Todorov Menschen ein Urteil aufgrund des Aussehens bilden können. Dass auch die Dating App Tinder größtmöglichen Wert auf den Ersteindruck legt, ist wenig überraschend. Beim Öffnen der App sehen Nutzer:innen unmittelbar Profile. Im Mittelpunkt stehen die Bilder, sie strecken sich fast über den ganzen Bildschirm. Personeninformationen scheinen zweitrangig, denn Kurzbeschreibungen, schlagwortartige Interessen oder der Wohnort stehen am Fuß des Fotos. Die übersichtliche Bild-Text-Komposition maximiert die Menge an Informationen, die Nutzer:innen auf einen flüchtigen Blick erhalten können.

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Tinder möchte also schnell sein. Das zeigt auch die Navigation mittels einer einzigen Daumenbewegung. Bei Desinteresse sollen Nutzer:innen nach links wischen, bei Interesse nach rechts. Swipen sich zwei Personen gegenseitig nach rechts, folgt ein Match. Erst dann können sie miteinander chatten. Weitere Verben kennt Tinder nicht, nur das Swipen ist Teil des Vokabulars. Dadurch überfordert die App ihre Nutzer:innen nicht. Ein simples Ja-oder-Nein-Urteil ist die einzige Entscheidung, die sie treffen müssen. Die Frage, ob Tinder damit Dating auf äußerliche Aspekte reduziert, muss sich die App gefallen lassen.

Womöglich hatte das Konzept gerade wegen dieses Minimalismus weitreichenden Einfluss. Andere Dating Apps, wie OKCupid oder Bumble, haben die Mechanik ohne Veränderung übernommen. Und wer in der Bahn ein „Da habe ich direkt nach links geswipet“ überhört, weiß auch ohne Kontext, was gemeint ist.

Kostenlos, aber zu welchem Preis

So einfach wie die Nutzung ist selbst der Einstieg, da Tinder eine kostenlose App ist. Die Möglichkeiten der kostenlosen Version sind aber limitiert. Nutzer:innen dürfen auf die Standardfunktionen – Matchen und Chatten – zugreifen, haben jedoch begrenzte Likes am Tag und als Bonus ein Super-Like. Durch Super-Likes sticht das eigene Profil durch einen blauen Rahmen und einem Stern am Profil bei der gelikten Person hervor.

Drei kostenpflichtige Abomodelle locken mit ihrem Versprechen einer attraktiveren Erfahrung: Plus, Gold und Platinum. Sie enthalten verschiedene Features, zum Beispiel unbegrenzte Likes, mehr Super-Likes oder das Ausblenden von Werbeanzeigen. Damit ähnelt Tinders Monetarisierung der von Free-to-Play-Games. Wie ihr Name suggeriert, stehen sie gratis zum Download zur Verfügung. Dafür bieten sie In-Game-Gegenstände gegen Echtgeld an, wodurch die Entwickler:innen Umsatz generieren.

Fragwürdige Monetarisierung

Aus Designperspektive sind hierbei Gold und vor allem Platinum problematisch, weil sie bestimmte Grundregeln der App aushebeln und der zahlenden Kundschaft unfaire Vorteile garantieren. Normalerweise können Nutzer:innen nicht sehen, wer sie geliket hat. Gold erlaubt das. Platinum-Nutzer:innen genießen einen noch größeren Luxus. Sie dürfen schon vor einem Match Nachrichten verschicken, außerdem priorisiert das Abo ihre Likes. Das bedeutet: Die gelikte Person sieht Platinum-Abonnent:innen vor allen anderen.

Womöglich ist dieses Monetarisierungsmodell bei einer Dating App noch makabrer als bei einem Videospiel. Schließlich suchen viele Nutzer:innen nicht nach einem Highscore, sondern der Liebe. Personen über 28 sind davon besonders betroffen, weil Tinder von ihnen vielfach höhere Preise für die Bonusservices verlangt.

Überhaupt bewirbt Tinder seine Bezahlangebote aggressiv. Unter jedem Foto sitzen fünf Symbole, die auf die fünf Interaktionsmöglichkeiten verweisen. Das Herz und das Kreuz können die Swipes ersetzen. Der Blitz, Stern und runde Pfeil stehen für Boost, was die eigene Sichtbarkeit erhöht, Super-Like und das Zurücknehmen eines versehentlichen Links-Swipes. Ein Klick auf eine der drei Funktionen öffnet ein Angebotsfenster, das verschiedene Zahloptionen mit Mengenrabatten offenbart. Zwei der fünf konstant präsentierten Interaktionsmöglichkeiten stehen also hinter einer Bezahlschranke. Und dass ausgerechnet das limitiere Super-Like in der Mitte steht, wie der erste Platz auf einem Turnierpodest, suggeriert die vermeintliche Wichtigkeit der Funktion.

Seit Veröffentlichung im Jahr 2012 zählt Tinder zu den größten Namen in der Welt der Dating Apps. Der Erfolg scheint der App also recht zu geben. Die Frage bleibt, ob das den Preis wert ist.

 

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