Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

KULTUR

Tauschen statt Ausbeutung

Die BUND-Jugend aus Soest beim Kleidertausch vor der Primark-Filiale in Essen. (Foto: Gerne)

14.03.2015 18:56 - Linda Gerner



Essen am Samstagmorgen. Die Innenstadt erwacht langsam zum Leben. Bei Primark und Co drängeln sich schon bald Menschen, die extra zum Shoppen in die Einkaufsstadt gekommen sind. Ein gegenteiliger Grund bewegt 18 junge Menschen dazu, nach Essen zu kommen. Mit einer Kleidertauschaktion vor Primark auf dem Kennedyplatz wollen sie auf die schlechten Produktionsbedingungen bei der Textilherstellung hinweisen und eine mögliche Alternative zeigen.

Die BUND-Jugend aus Soest ist heute früh aufgestanden, um ab 11 Uhr vor der Primark-Filiale in Essen eine öffentlichkeitswirksame Aktion zu starten. Die Devise ist anstatt neue Billiganziehsachen zu kaufen, gut erhaltene Kleidung zu tauschen. Schon bald ist eine ansehnliche Menge an Klamotten auf den Wäscheständern und den Decken auf dem Kennedyplatz zusammen gekommen. Interessierte Passant*innen bleiben stehen und lassen sich von den Jugendlichen über die Hintergründe der Aktion aufklären.

Anfangen nachzudenken

„Mir ist es wichtig heute hier zu sein, weil ich darüber aufklären möchte, wo unsere Kleidung herkommt. Man konsumiert und konsumiert und macht sich gar keine Gedanken darüber, welche Prozesse dahinter stehen“, so Verena, die gerade ein freiwilliges-ökologisches Jahr beim BUND absolviert. Die Arbeitsbedingungen in den Fabriken und auf den Baumwollfeldern, die Umweltverschmutzung durch die eingesetzten Pestizide und die Wasserverschmutzung, beispielsweise durch Färben von Kleidern, sind nur einige der Kritikpunkte, die die Jugendliche anbringt. „Wir wollen aber nicht nur sagen: Hey, das ist alles scheiße, sondern auch zeigen, wie man es anders machen kann“, sagt Verena.



Dafür hat die Gruppe die öffentliche Kleidertauschaktion organisiert. Angelehnt ist der Kleidertausch an eine Aktion der Berliner BUND-Jugend, die bei der Eröffnung einer Primark-Filiale auf dem Alexanderplatz dabei großen Zulauf hatte. „Uns geht es vor allem darum, auf die Arbeitsbedingungen hinzuweisen, die ausschlaggebend dafür sind, dass die Klamotten so billig verkauft werden können. Die Näherinnen können sich geradeso von der Arbeit ernähren und das ist menschenunwürdig“, sagt Vroni Burgmayer, die bei der BUND-Jugend NRW arbeitet.

Die Aktion in Essen zeigt Wirkung: „Es kommen hier permanent neue Leute, die viele Kleider mitbringen“, freut sich Burgmayer. Ihr Tipp für Jugendliche, die nicht länger die Billigmode von Primark kaufen möchten, sind zeitlose Klamotten, die eine gute Qualität haben und dadurch lange halten. „Man sollte dabei auch auf die Materialien und die Herstellung achten und nach Möglichkeit in Deutschland produzierte Kleidung kaufen“, rät sie. Ein weiterer wichtiger Punkt sind beim Klamottenkauf die Materialien: „Baumwolle zieht im konventionellen Anbau super viel Wasser und es ist Gentechnik mit im Spiel. Dafür sind Anziehsachen aus Hanf zum Beispiel eine spannende Alternative“, so Burgmayer.

„Primark ist ein Symbol für alles, was schief läuft“

So begründet Verena, wieso sich die BUND-Gruppe vor den irischen Billigmodeladen gestellt hat. Sie weiß jedoch auch, dass es gerade auch bei vielen Luxusmarken ähnlich schlechte Produktionsbedingungen gibt. Sie stört besonders die Intransparenz bei der Herstellung, die bei den meisten großen Modeherstellern vorliegt.

Die Reaktionen der Passant*innen, die am Stand in Essen vorbeikommen, sind gemischt. „Manche Leute gehen einfach weiter und ich hab auch schon ein „Verpiss dich“ gehört, aber größtenteils nehmen die Leute die Flyer mit und sind recht interessiert“, erzählt Nathan, der die Menschen direkt beim Herein- und Rausgehen aus Primark anspricht. „Eigentlich ist das Thema auch in der Öffentlichkeit ziemlich bekannt, aber die Problematik muss immer wieder in die Köpfe reingebracht werden. Das darf nicht nur relevant sein, wenn eine riesige Fabrik in Bangladesch eingestürzt ist.“

Worauf er anspielt, ist das Unglück vom 24. April 2013, wo in Sabhar, Bangladesch eine achtstöckige Textilfabrik einstürzte, in dem unter anderem Kleidung für den Moderiesen Primark produziert wurde. Bei dem Einsturz starben 1127 Menschen, die dort für einen Billiglohn arbeiteten. Trotz Warnungen vor Rissen in dem Gebäude wurden die Arbeiter*innen von den Fabrikbetreiber*innen gezwungen, weiter in dem Haus zu arbeiten. Bangladesch gilt als eines der ärmsten Länder der Welt, ist jedoch mit jährlichen Textilexporten von rund 20 Milliarden US-Dollar inzwischen nach China die Nummer 2 der Bekleidungs-Produzenten weltweit.

Was brauche ich wirklich?

Die Kritik der BUND-Jugendlichen richtet sich auch gegen das generelle Konsumverhalten Vieler. Die meisten Menschen hätten in ihren Schränken mehr als 20 Teile, die sie überhaupt nicht tragen. Anstatt diese jedoch in einen Second-Hand Laden zu geben oder mit anderen zu tauschen, werden weiter neue gekauft. Auch würde viel nur aus Kauflust erworben, glaubt Nathan: „Viele Leute, die einkaufen gehen, haben gar nicht die Intention, dass sie neue Klamotten brauchen. Das Absurde ist mittlerweile, dass wir kaufen, ohne dass wir wirklich neue Sachen benötigen.“ Er selbst versucht vor allem in Second-Hand Läden einzukaufen und Anziehsachen nach Möglichkeit auch immer wieder zu reparieren.

Die Kleidertauschaktion der BUND-Jugend zeigte den Passant*innen in Essen direkt vor Ort eine „positive Alternative“ zu der Wegwerfkleidung – und das an der frischen Luft. Denn wie ein kleines Mädchen beim Verlassen von Primark treffend zusammenfasste: „Mama, da drin stinkt’s!“

/Beyond Borders/

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