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KULTUR

Studio Ghibli: Magie in Bildern

Das Ohngesicht, eine bekannte Figur des Ghibli-Universums.
[Foto: Erik Körner]

11.05.2020 12:41 - Erik Körner

Seit dem 1. April sind fast alle Filme des japanischen Zeichentrickstudios Studio Ghibli auf Netflix verfügbar. Warum ihre Geschichten nach über dreißig Jahren immer noch aktuell und wertvoll sind.

„Ich möchte Filme machen, die Kindern sagen: Es ist gut, am Leben zu sein“ – eines der bekanntesten Zitate von Ghibli-Co-Gründer Hayao Miyazaki. Nach diesem Motto ist einer der weltweit populärsten Kinderfilme aller Zeiten entstanden: Mein Nachbar Totoro. Satsuki und Mei, zwei junge Schwestern, ziehen mit ihrem Vater aufs Land.

Dort kommen sie in Kontakt mit den Totoros, Geistern des Waldes. Der älteste der drei Totoros ist zum Maskottchen Ghiblis geworden: eine riesige, hasenähnliche Kreatur, deren liebste Accessoires ein meterbreites Lächeln und ein Regenschirm sind.

Viel mehr als diese Zusammenfassung passiert in Mein Nachbar Totoro nicht. Die Geschichte hat kein Interesse, mehr als ein simples, modernes Märchen zu sein. Dafür ist sie ein respektvoller, feinfühliger Blick in die Wahrnehmung und Gefühlswelt von Kindern, die die Wunder ihrer Umwelt entdecken. Miyazaki bietet jedoch nicht nur Kindern Geschichten zum Wohlfühlen. Auch für Jugendliche hat er einige Filme im Repertoire, deren Botschaften dabei helfen können, die Schwierigkeiten dieser Lebensphase zu meistern. So zum Beispiel Kikis kleiner Lieferservice. Kiki ist ein dreizehnjähriges Mädchen, das ihr Elternhaus verlässt, um Fortschritte in ihrer Hexenausbildung zu machen. Um zu sehen, was sie vom und im Leben möchte.

Auf der Suche nach sich selbst

Aber Kiki merkt schnell: Herauszufinden, wo die eigene Bestimmung liegt, ist schwierig. Sie scheitert, verlernt zu fliegen und mit ihrem Kater Jiji zu sprechen – wenn auch nur vorübergehend. Am Ende hinterlässt Kiki ihre Zuschauer*innen mit einer wichtigen Botschaft: Fehlschläge sind in Ordnung. Sie sind nicht synonym mit Versagen, sondern unabdingbar für persönliches Wachstum und Fortschritt. 

Wer als erwachsene Person nach nach einem seriösen Narrativ, sollte Prinzessin Mononoke sehen. Der Film thematisiert den jahrhundertelangen Konflikt von Mensch gegen Natur. Prinz Ashitaka findet sich zwischen zwei Fronten wieder. Eboshi führt eine dieser Fronten an. Sie ist die Herrin einer Eisenhütte und hat für die Herstellung von Waffen große Teile des umliegenden Waldes vernichtet.

Fehlschläge sind in Ordnung.

Die Herrin plant, den Gott des Waldes zu töten. Der Tennō, vergleichbar mit einem Kaiser, verspricht ihr dafür, sie vor ihren Feinden zu verteidigen. Auf der anderen Seite steht San, eine junge Frau, die als Kind von der Wolfsgöttin adoptiert wurde und im Wald lebt. Mithilfe der Waldbewohner und -götter versucht San, Eboshis Vorhaben zu verhindern.

Das zentrale Motiv des Films ist die Kritik an unkontrolliertem, wirtschaftlichem Wachstum, politischer Machtgier und ihrer Auswirkung auf die Natur. Allerdings ist Eboshi keine eindimensionale Antagonistin. Sie gibt vielen Frauen und Männern Arbeit und Unterkunft. Sie kümmert sich um die Kranken und Verfluchten, die ohne sie sterben müssten. Ab wann beginnt Wachstum also schlecht zu sein? Und muss erst ein Gott sterben, um Sicherheit und Wohlstand zu garantieren?

Viel zu lernen

Entfernt man sich von diesen Mikrokosmen und blickt auf das Gesamtwerk Ghiblis, zeigen alle Filme gemeinsame Werte und Eigenschaften. In Sachen Frauenbilder sind Ghibli-Filme vor allem für Kinder eine wertvolle Fundgrube. Nicht zuletzt, weil gerade ältere Disneyfilme selbst ihre Protagonistinnen von Männern abhängig machten. „Viele meiner Filme haben starke Protagonistinnen, die für das kämpfen, woran sie ganzen Herzens glauben“, erklärt Gründer Miyazaki.

„Sie brauchen [höchstens] einen Freund oder einen Unterstützer, aber niemals einen Retter.“ In Chihiros Reise ins Zauberland erhält Protagonistin Chihiro am Anfang der Geschichte Hilfe von dem Jungen Haku. Am Ende ist sie es, die Hakus Fluch bricht und ihn rettet. Im Verlauf der Handlung meistert sie allein die Schwierigkeiten, in einem Badehaus für Gottheiten und Geister zu arbeiten, um ihre Eltern zu retten.

Die Prämisse von Chihiros Reise ins Zauberland basiert auf „Kamikakushi‟. Übersetzt bedeutet das: „von den Kami versteckt‟. Kami sind die Gottheiten im Shintoismus, die ethnische Religion Japans. Wörtlich verbirgt sich hinter Kamikakushi die Idee, dass wütende Götter Menschen aus ihrer Welt reißen. Und was passiert in der Einleitung des Films? Chihiros Eltern erzürnen durch ihre Gier die Kami. Sie werden in Schweine verwandelt und in der Welt der Götter gefangen gehalten. 

Durch Disneyfilme kamen Generationen von Kindern erstmals in Kontakt mit westlicher Kultur. So behandelt Pinocchio ein über einhundert Jahre altes Kinderbuch und Schneewittchen das gleichnamige Märchen der Gebrüder Grimm. Japanischen Sagen, Religion und Kultur sind jedoch nicht nur den meisten Kindern, sondern auch Erwachsenen der westlichen Welt fremd. Mit ihren Filmen liefert Ghibli einen niedrigschwelligen Unterricht in japanischer Folklore.

Wie wunderschön der Alltag ist

Ghiblis Stärke ist der Zauber des Profanen. Zahlreiche Filme verzichten freiwillig auf den großen Epos. Stattdessen rücken sie das alltägliche Leben ihrer Figuren in den Vordergrund. Charaktere werden beim Einkaufen gezeigt. Fahren sie abends auf einer Straße Fahrrad, weichen sie Autos aus, die ihnen entgegenkommen. Diese Szenen treiben die Handlung nicht voran. Dafür hauchen sie den fiktiven Welten Leben ein. Am Schluss bleibt das Gefühl, die Welt existiere nicht für die Zuschauer*innen, sondern für sich selbst.

Sie sind die liedgewordene Form kindlicher Begeisterung für die Welt

Spricht man über Ghibli, ist es unmöglich, nicht auch die Musik zu anzuschneiden. An dieser Stelle soll es weniger um die Soundtracks, als viel eher die großen Hits gehen. Um Stücke wie A Town With an Ocean View (Kikis kleiner Lieferservice), Path of the Wind (Mein Nachbar Totoro) oder The Name of Life (Chihiros Reise ins Zauberland). Die meisten der Kompositionen bestehen aus klassischen Orchesterinstrumenten.

Aus Streichern, Bläsern, oft auch einem Klavier. Selten scheuen die Lieder davor, in ihrem Verlauf die Stimmung oder das Tempo zu wechseln. So erzählen sie selbst isoliert vom Film ihre eigene, stets im Wandel befindende Geschichte. Sie sind die liedgewordene Form kindlicher Begeisterung für die Welt, der sanften Anmut der Natur sowie eine unergründliche, aber herzerwärmende Sehnsucht – und damit die Essenz Ghiblis.

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