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KULTUR

Sophie Scholl: „Man muss einen harten Geist und ein weiches Herz haben“

 „Einer muss ja anfangen“ von Werner Milstein. [Foto: Lena Janßen]
25.06.2021 15:37 - Lena Janßen

Am 09. Mai wäre Sophie Scholl 100 Jahre alt geworden. Werner Milstein ist Lehrer an einem Berufskolleg und hat ein Porträt über Scholl geschrieben. akduell-Redakteurin Lena Janßen hat mit ihm über das Buch, seine Recherchen und Gespräche mit Zeitzeug:innen gesprochen.

ak[due]ll: Sie haben mit „Einer muss ja anfangen“ bereits Ihr zweites Buch über Sophie Scholl herausgebracht. Woher kommt ihr Interesse an der Person Sophie Scholl?

Werner Milstein: Es gibt dafür zwei Gründe. Zum einen habe ich als Kind ein Bild gesehen: Das berühmte Bild von Sophie Scholl am Zaun. Da muss ich zirka acht Jahre alt gewesen sein. Dieses Bild hat sich mir eingeprägt, als ich es damals im Fernsehen sah. Ich wusste zu der Zeit nicht, um welche Person es sich handelt, aber diese Szene hat mich neugierig gemacht. Irgendwann habe ich begonnen, über die Geschwister Scholl zu lesen. Zuerst das Buch der älteren Schwester Inge Scholl, „Die weiße Rose“. Ich war immer faszinierter und beeindruckter. Das war mein erster Berührungspunkt. Der zweite Grund, der mir wichtig ist: Die Geschwister Scholl oder generell die Menschen des Widerstandes sind für mich eine Orientierung für das Existieren in der heutigen Zeit und für unser Verhalten. Menschen, die mutig genug sind, „Nein“ zu sagen. Auch wenn man die Zeit des Dritten Reiches mit der Zeit heute nicht vergleichen kann. 

ak[due]ll: Im Zuge Ihrer Recherchen hatten Sie die Möglichkeit, mit Zeitzeug:innen ins Gespräch zu kommen. Welche Eindrücke konnten Sie dadurch  von Sophie Scholl gewinnen?

MilsteinBei Sophie Scholl war ich in der glücklichen Situation, sehr nah an Zeitzeugen heranzukommen. Ich konnte mit ihrer Schwester, Elisabeth Hartnagel, sprechen und mit Susanne Hirzel, einer Freundin von Scholl. Später sprach ich auch mit Anneliese Knoop-Graf. Ich erinnere mich gut, wie ich Elisabeth Hartnagel fragte, wie ihre Schwester war und sie sagte: „Schauen Sie mich an, sie war wie ich.“ Elisabeth Hartnagel war eine zurückhaltende, fast scheue Persönlichkeit, die eher zuhörte und sehr langsam und bewusst sprach. So muss es auch mit Sophie Scholl gewesen sein. Das war die eine Seite. Scholls Freundin Susanne Hirzel sprach sehr leidenschaftlich und lebendig über Sophie. Sie sagte: „Die Sophie, das war eine Radikale, das war eine sehr Konsequente.“ Ich denke: Die Wahrheit wird zwischen diesen Aussagen liegen. Anneliese Knoop-Graf hat eine Zeit lang bei der Familie Scholl gelebt. Sie hat für mich etwas ganz Wunderbares gesagt: „Ich habe Sophie Scholl gekannt, aber nicht erkannt.“ Denn Knoop-Graf hat zwar bei den Scholls gelebt, aber nie bemerkt, dass die Geschwister Flugblätter vorbereitet und verteilt haben. 

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Milstein ist Lehrer an einem Berufskolleg und hat bereits mehrer Bücher veröffentlicht. [Foto: privat]
 

ak[due]ll: In unserem Vorgespräch haben Sie gesagt, dass Sophie Scholl in der Vergangenheit häufig instrumentalisiert wurde. Was genau meinen Sie damit, woran machen Sie die Instrumentalisierung fest?

Milstein: Das beginnt bei „Jana aus Kassel“, dem aktuellsten Fall. Nur, weil man ein paar Flugblätter verteilt, ist man noch lange nicht Sophie Scholl. Dann denke ich vor allem an die DDR, die Briefmarken mit den Gesichtern der Geschwister Scholl herausgebracht hat. Für sie war Sophie Scholl eine linke Antifaschistin. Über den Begriff Antifaschistin kann diskutiert werden, aber links war sie auf gar keinen Fall. So hat die DDR sie instrumentalisiert und für ihre eigenen Ziele gebraucht. Das gilt für viele andere Widerstandskämpfer auch. Man kann Sophie Scholl einiges nachsagen, aber links war sie definitiv nicht. Ihr Engagement war christlich geprägt. Und das trifft auch auf andere Mitglieder der Weißen Rose zu. 

ak[due]ll: Warum war es Ihnen wichtig ein Porträt über Sophie Scholl zu schreiben?

Milstein: Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass Menschen wie Scholl es verdient haben, sich an sie zu erinnern. Sie können Mut machen, sich gegen etwas zu stellen. Mut machen, zu handeln. Sophie Scholl wusste all das. Als sie sich entschied, den Weg des Widerstandes zu gehen, war für sie klar: Ich gehe diesen Weg bis zum Schluss, letztlich auch bis zum Tod. So kam es dann auch. Sie ist sehr aufrichtig und mutig zur Guillotine gegangen. Der Scharfrichter sagte damals, er habe noch nie jemanden so anmutig und aufrichtig zur Guillotine laufen sehen, wie Sophie Scholl. Vermutlich waren ihre letzten Worte, die auch der Titel meines Buches sind: „Einer muss ja anfangen.“ Das lässt sich allerdings nur schwer belegen. 

ak[due]ll: Finden Sie, es wird genug Erinnerungskultur gelebt?

Milstein: Die Gesellschaft könnte durchaus mehr tun. Auch im Zusammenhang mit Antisemitismus und so weiter: Jede Schulklasse sollte meiner Meinung nach einmal ein Konzentrationslager besucht haben. Ich halte Erinnern für sehr wichtig. Ich halte es auch für wichtig, uns selbst daran zu erinnern: Wie sollten wir uns verhalten? Aber es darf nicht alleine beim Erinnern bleiben, sondern es muss auch kritisch reflektiert werden. Was können wir heute besser machen? Was kann ich in meinem Leben umsetzen? Bei Sophie Scholl ist die Botschaft: das Annehmen von Konsequenzen und dann den Mut haben, etwas zu tun. Dafür ist sie ein gutes Beispiel. 

ak[due]ll: Zum Abschluss noch eine letzte Frage: Haben Sie ein Lieblingszitat von Sophie Scholl?

Milstein: Mein Lieblingszitat steht ganz zu Beginn des Porträts: „Man muss einen harten Geist und ein weiches Herz haben.“ Für mich ist dieses Zitat das Kernprogramm der Weißen Rose. Man muss mutig, konsequent, eindeutig und klar sein. Auf der einen Seite also der harte Geist, ein klarer analytischer Verstand, ohne Sentimentalitäten. Und dann muss man ein weiches Herz, Sympathie und Mitgefühl mit den anderen Menschen haben und mit der gesamten Natur. 

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