Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

KULTUR

Sechs Jahrzehnte voller Kunst und Kohle

„Dreiteilige Plastik“ von Erich Reusch (Fotos: Lorenza Kaib)
27.06.2018 16:43 - Lorenza Kaib

Dieses Jahr läuft im Ruhrgebiet die Steinkohleförderung aus. 17 Kunstmuseen nehmen das zum Anlass für eine Betrachtung der industriellen Vergangenheit unter dem Titel „Kunst & Kohle“. Die Ausstellung „SCHWARZ [ˈʃvaʁʦ]“ im Museum unter Tage in Bochum nimmt zeitgenössische Künstler*innen sowie Vertreter der Konkreten Kunst in den Blick, die zum einen Kohle als Arbeitsmaterial verwenden, sich zum anderen mit der Farbe Schwarz auseinandersetzen. Darüber hinaus thematisieren einige in ihren Werken explizit die Geschichte des Ruhrgebiets. Die Ausstellung ist noch bis zum 16. September zu sehen.

„Nichts ist wie es war“ strahlt mir beim Betreten des Museums von der Wand über der Treppe entgegen. Die Schrift ist verschnörkelt, das Leuchtmittel hell und warm – doch der Inhalt stimmt nachdenklich. Es geht hinab zu den Ausstellungen, der Alltagslärm und das Treiben im Schlosspark bleiben zurück. Vereinzelt dringen Geräusche wie das eines schreienden Kindes gedämpft nach unten, sonst ist nur die Lüftung zu hören.

In dieser ruhigen, fast schon kontemplativen Atmosphäre fällt es nicht schwer, sich auf die Kunstwerke einzulassen. „Fremd bin ich eingezogen“, prangt plakativ die Arbeit vom Künstler Lars Breuer als geometrischer Schriftzug Schwarz auf Weiß und Weiß auf Schwarz im Eingangsbereich. Die Inhalte der Ausstellung sind vor allem Material und Struktur. Viele der hier vertretenen Künstler*innen haben mit Kohle experimentiert und sie als Gestaltungsmittel für ihre Arbeiten eingesetzt, was im Titel der Ausstellung bereits anklingt.

Kohle als Gestaltungsmittel

Der Raum hinter Breuers Arbeit wird von Rechtecken – in zwei und

Ein Teil von Lars Breuers Arbeit "Fremd bin ich eingezogen, Fremd zieh ich wieder aus" (2018)

drei Dimensionen – dominiert. Die Arbeit „Dreiteilige Plastik“ (1969) des Bildhauers und Architekten Erich Reusch bildet das Zentrum des Raumes und besteht aus drei durchsichtigen Quadern, die von innen mit Rußpigmenten bedeckt sind und den Eindruck machen, als würde in ihnen eine unsichtbare Person wie ein Schlot rauchen.

Neben Reuschs Arbeiten sind Werke von dem international vor allem für seine großen Stahlskulpturen bekannten Künstler Richard Serra zu sehen. Von weitem flächig und klobig anmutend, entfaltet sich beim näheren Betrachten eine schwarze, hügelige, leicht glitzernde Landschaft der Radierungen „Weight I“ und „Weight II“. Die Oberflächen erinnern an das Muster eines Tierfells oder einer Raufasertapete.

Die gezeigten Arbeiten von Landart-Künstler James Turrell („First Light“, 1989/90) und Gerhard Richter („128 Fotos von einem Bild (Halifax 1978), II"), der vor allem für seine fotorealistisch anmutenden Gemälde berühmt ist, haben – trotz ihrer Verhaftung auf der Leinwand – eine noch raumgreifendere Wirkung. Die Ruhe in der Ausstellung wird durch ein abgespieltes Lied aufgehoben, eine einzelne Stimme singt.

rot und politisch

Sie kommt aus dem Raum dahinter, der aus dem monochromen Schema ausbricht. Kleine rote Blätter, gefüllt mit Buchzitaten, sind auf die Museumswände zwischen analogen Schwarz-Weiß-Fotografien plakatiert. In ihrem Werk „Fotografien aus ‚Der rheinisch-westfälische Landbote’“ (2018)“ spürt Elisabeth Neudörfl, Fotografin und Professorin für Dokumentarische Fotografie, der Geschichte der Roten Ruhrarmee nach. Die Fotografien zeigen die jeweiligen Orte sowie Gedenktafeln und -statuen. In der Roten Ruhrarmee wehrten sich 1920 50.000 bewaffnete anarchistische sowie kommunistische Arbeiter*innen gegen den sogenannten Kapp-Putsch, während dem eine völkisch-rechte Bewegung unter Leitung mehrerer Generäle versuchte, in der gerade demokratisierten Weimarer Republik die Macht zu ergreifen.

Eine audiovisuelle Erweiterung findet sich in Neudörfls Arbeit „Brücke der Solidarität 1988“ (2017). Zu sehen ist eine Autofahrt auf einer Rheinbrücke, der Brücke der Solidarität, zwischen den Duisburger Stadtteilen Hochfeld und Rheinhausen. Die Brücke steht als historischer Ort für die Stahlkrise: Am 10. Dezember 1987 wurde sie von Krupp-Arbeitern besetzt, die gegen die Schließung ihres Werkes demonstrierten und am 20. Januar 1988 überquerten 50.000 Stahlkocher den blauen Stahl.

Hier macht sich der sparsame Einsatz von Informationstafeln in der Ausstellung negativ bemerkbar – abgesehen vom Einführungstext am Anfang der Ausstellung gibt es nur kleine Schilder mit knappen Informationen zu Werktitel und Künstler*innen. Ausstellungsbesucher*innen, die mit der Geschichte der Roten Ruhrarmee und der Geografie des Ruhrgebiets gar nicht oder wenig vertraut sind, können die Vielschichtigkeit und die verschiedenen Ebenen von Neudörfls Arbeit nur erahnen und tappen möglicherweise im Dunkeln.

Zum Ende von „SCHWARZ“ stoße ich erneut auf die Arbeit von Lars Breuer: „Fremd bin ich ausgezogen“ ist ebenso plakativ auf eine Wand aufgetragen. Im letzten Raum ist die Arbeit des Fotokünstlers Miles Coolidges „Coal Seam, Bergwerk Prosper-Haniel 3 + 4“ (2013) zu sehen. Zunächst wirken die Fotografien wie abstrakte Malerei, erst auf den zweiten Blick kann man erkennen, dass es Aufnahmen von Kohle sind. Bevor ich wieder an die Oberfläche auftauche, gibt es eine weitere Leuchtschriftnotiz an mich: „Nichts wird sein wie es ist“.

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