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KULTUR

Rezension: Neon Genesis Evangelion

Der Third Impact ist einer der Dreh- und Angelpunkte

der Geschichte von Neon Genesis Evangelion


[Symbolfoto: Erik Körner]

08.07.2019 12:03 - Erik Körner

Neon Genesis Evangelion gilt weitläufig als eine der wichtigsten, einflussreichsten Shows aller Zeiten. Über 15 Jahre mussten Fans des Anime auf eine erneute Veröffentlichung außerhalb Japans warten. Am Freitag, den 21. Juni, nahm Netflix die Serie in ihre Bibliothek auf. Eine Rezension.

Triggerwarnung: Depressionen, Suizid, psychische Traumata

Im Jahr 2000 führte eine mysteriöse Explosion am Südpol, der Second Impact, zum Schmelzen des antarktischen Eises. Der Meeresspiegel stieg drastisch an und begrub große Teile der Welt unter sich, mehrere Milliarden Menschen starben. Die Erde veränderte ihren Neigungswinkel, was zu einem massiven Klimawandel führte. Fast das ganze Jahr lang herrschte nun Sommer.

15 Jahre später sieht sich die Menschheit durch außerirdische Lebensformen, die Engel, einer neuen Gefahr ausgesetzt. Die Geheimorganisation Nerv wurde gegründet, um mithilfe riesiger Roboter, den Evangelion-Einheiten, die Engel zu vernichten. Als Pilot*innen dieser Roboter dienen die drei Schulkinder Rei Ayanami, Shinji Ikari und Asuka Langley Sohryu.

Seele, die Nerv übergeordnete Organisation, arbeitet derweil an einem ominösen Projekt namens Human Instrumentality Project. Dessen Ziel soll die Vervollständigung der Menschheit sein. Was genau das bedeutet und wie sie ihr Ziel erreichen wollen, ist vorerst unklar.

Langsam, aber sicher

Die Story der Serie kommt vor allem in der ersten Hälfte nur schleppend in Fahrt. Neon Genesis Evangelion lässt sich Zeit, seinen Zuschauer*innen mit allen Charakteren, deren Beziehungen und Vergangenheit vertraut zu machen. Des Weiteren dienen die ersten 13 der 26 Folgen dazu, einen Großteil der Engel zu beseitigen. Die dadurch gewonnene Zeit wird in der zweiten Hälfte genutzt, um die Story mit allen großen Hintergrundinformationen zu füllen, wie zum Beispiel was wirklich während des Second Impact passierte oder was genau hinter den Evangelion-Einheiten steckt.

Die Serie scheut sich nicht, psychische Traumata, Depressionen, Suizid oder Bindungsängste ungeschönt zu thematisieren.

Wichtiger ist jedoch, dass somit außerdem mehr Raum für die Darstellung der Psyche der Protagonist*innen geschaffen wird. Schöpfer Hideaki Anno litt während des Storywritings an schweren Depressionen. Er versuchte, durch seine Geschichte seine Krankheit besser verarbeiten zu können. Die Serie scheut sich nicht, psychische Traumata, Depressionen, Suizid oder Bindungsängste ungeschönt zu thematisieren. Dementsprechend verzichtet Anno auf konventionelle, heroische Figuren. Stattdessen zeigt er Menschen, die aufgrund ihrer Vergangenheit und der Bürde auf ihren Schultern langsam an sich selbst zerbrechen. Ein klassisches Happy End bleibt den meisten verwehrt.

Die unterschiedlichen Auswirkungen unbehandelter Kindheitstraumata werden vor allem zwischen Shinji und Asuka deutlich. Shinji hat Angst, anderen Menschen in sein Leben zu lassen, flüchtet vor seinen Problemen und folgt jeder Anweisung, aus Angst, verletzt zu werden. Asuka hingegen überkompensiert ihre Unsicherheit mit ihrer Rolle als Pilotin. Sie wird aggressiv, wenn jemand besser als sie abschneidet, sieht Shinji und Rei als unwürdig. Ihr Stolz verbietet es ihr, sich anderen gegenüber Personen zu öffnen oder sich Beziehungen einzulassen. Sie versucht ihr Möglichstes, sich als starke Person zu profilieren und ihre verletzte Seite zu verstecken.

Es ist nicht alles Gold

Neon Genesis Evangelion ist berüchtigt dafür, eine schwierige Produktionsphase gehabt zu haben. Wegen eines Terroranschlags der Kultbewegung Aum Shinrikyo in Japan im Jahr 1995 verzögerte sich die Produktion, was zu enormen Zeitproblemen führte. Die Animationsqualität einiger Folgen litt darunter. Allerdings gelang es Anno, aus dieser Not eine Tugend zu machen. In Episode 22 gibt es eine Aufzugszene mit Asuka, die wütend auf Rei ist. Sie besteht lediglich aus 53 Sekunden Standbild. Aufgrund der mangelnden Interaktion oder Bewegung erhielt die Sequenz eine einzigartige Spannung, die mit einer aufwändigen Gestaltung nicht denselben Effekt erzielt hätte. Eine ähnliche Situation ereignet sich in den Episoden 4 und 24.

Schon wenige Stunden nach Veröffentlichung sah sich die Netflix-Version von Evangelion harscher Kritik ausgesetzt, vor allem wegen ihrer Übersetzung. Während einer Szene gegen Ende der Serie sagt ein Charakter statt „Ich liebe dich“ „Ich mag dich“. Obwohl das ursprüngliche japanische Skript bewusst vage gehalten wurde, war es für den Kontext relevant, eine klarere Botschaft zu vermitteln. Gerade, weil dieser Satz zwischen zwei männlichen Charakteren geäußert wird und für die persönliche Entwicklung einer der beiden bedeutend ist.

Aufgrund mangelnder Lizenzen mussten ebenfalls die zahlreichen ikonischen Coverversionen von Frank Sinatras Fly Me to the Moon, die in den Credits liefen, weichen. Die Netflixfassung Neon Genesis Evangelions ist weit davon entfernt, perfekt zu sein. Allerdings ermöglicht sie einer neuen Generation den problemlosen Zugang zu einer der von Kritiker*innen meist geschätzten Serien aller Zeiten. Einige Abstriche sind für Fans der ursprünglichen Veröffentlichung sicherlich unangenehm, verderben aber nicht das Gesamtwerk.

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