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KULTUR

Perfektion und Chaos

Otoboke Beaver in Nijmegen.
[Foto: ekn]

25.02.2020 14:26 - Erik Körner

Dass Bands aus Japan ihren Weg Richtung Europa finden, ist selten. Im Februar waren zumindest die Gruppen Babymetal und Otoboke Beaver zu Gast im Westen. Impressionen zweier Konzerte von Bands, die nicht unterschiedlicher sein könnten.

Manche Dinge klingen in der Theorie so absurd, dass sie in der Praxis nicht zusammenpassen sollten. Wie Erdnussbutter-und-Marmeladen-Sandwiches. Bei Babymetal ist es ähnlich. Drei tanzende japanische Frauen, die zu schweren Metal-Tönen poppige Melodien singen. Trotz oder gerade wegen dieser ungewöhnlichen Kombination sind Babymetal weltweit erfolgreich geworden. Während sie am Anfang ihrer Karriere noch Schokolade oder das Geräusch eines heiter schlagenden Herzens am Morgen besangen, sind sie mittlerweile zu einem ernstzunehmenden Act in der Metalwelt avanciert. Am 13. Februar spielte das Trio im Kölner Carlswerk Victoria.

Wie erwartet lässt sich ihre Show mit einem Wort zusammenfassen: Perfektion. „Die  höchste Vollendung in der [technischen] Beherrschung“, so der Du-den. Die Wurzeln der Band liegen in der japanischen Idol-Kultur – die fernöstliche Antwort auf den westlichen, weiblichen Popstar. Idols bedienen das realitätsferne und antiquierte Stereotyp einer femininen, makellosen Frau; sind das personifizierte Idealbild der konservativen moralischen Werte Japans. Sie haben einen festen Platz in der gesamten japanischen Pop-kultur-Landschaft und sind von Beginn ihrer Karriere an perfektionistischem Drill ausgesetzt.

Das Ergebnis dieser rigorosen Ausbildung zeigten Babymetal in einer zirka sechzigminütigen Performance. Moametal und Rihometal, die Tänzerinnen und Backgroundsängerinnen der Gruppe, lächelten ununterbrochen – trotz der sichtbar anstrengenden Choreografien. Bei Sängerin Su-Metal, die ebenfalls an Teilen der Choreografien teilnimmt, saß jeder Ton wie auf einem handgefertigten Thron – wenngleich sie hier und da minimal neben dem Takt sang. Wie üblich trug die Band ihre maßgeschneiderten, mit Pailletten besetzten Bühnenoutfits und penibel gestylte Haare.

„Die Band ist wohl das Allerniedlichste auf der Welt.“

Klara* hatte vor dem Konzert keine Berührungspunkte mit der Band; besuchte das Konzert lediglich auf Empfehlung eines Freundes. Nach dem Auftritt war sie sich nicht sicher, was sie besser fand: die Show oder die Rezeption des Publikums. „Während der ersten drei Lieder war ich regungslos mit einem breiten Grinsen im Gesicht. Ich war so begeistert von diesen bärtigen, schwarz gekleideten Zwei-Meter-Männern, die zu dieser Sailor-Moon-Metal-Musik gehüpft sind und sich gefreut haben“, erzählt sie lachend.

Ohne merklich  Luft zu holen ergänzt Klara: „Die Band ist wohl das Allerniedlichste auf der Welt. Auf Metal so eine süße Melodie zu singen und dabei so eine coole Choreo zu tanzen, ist eigentlich unfassbar.“ Zwar ist die Musik Babymetals nichts, was sie sich abseits der Liveshows regelmäßig anhören könnte. Allerdings wäre sie aufgrund der Show für weitere Konzerte  bereit: „Ich werde mir die Band auf jeden Fall nochmal bei Rock im Park anschauen“, versichert Klara.

We are Otoboke Beaver

„Punk ist tot“, sagen die einen. „Punk legt nur eine Pause ein“, die anderen. Vielleicht ist Punk an einem Ort, an dem sie einfach nie gesucht haben: Japan. Und zu Besuch in den Niederlanden. Die vierköpfige, ausschließlich aus Frauen bestehende Hardcore-Punkband Otoboke Beaver aus Kyoto legte am 14. Februar einen Stopp im Kultclub Doornroosje in Nijmegen ein.

Nach und nach betraten die Bandmitglieder die Bühne. Eines ihrer Markenzeichen fiel schon hier auf: die bunten Kleider, deren Muster an Tapeten der Siebziger erinnern; jedes Kleid einer anderen Farbe. Dazu schreiendes, grellbuntes Makeup. Gitarristin Yoyoyoshie und Bassistin Hiro-chan werkelten an ihren Effektpedalen und stimmten ihre Instrumente. Drummerin Kahokiss testete, ob ihr Schlagzeug  für die Show bereit ist.

Währenddessen wärmte sich Sängerin Accorinrin auf der Bühne mit Yogaübungen auf. Ihr war es sichtbar gleichgültig, wer oder wie viele Leute ihr unter den Rock schauen konnten. Apropos schreien: Wie auch Babymetal spielten Otoboke Beaver zirka sechzig Minuten lang. Sechzig Minuten voller stimmbandzerfetzender Schreie und augenbrauenversengend schneller Instrumente.

Fabian* lernte Otoboke Beaver durch ein YouTube-Video  des Musikkritikers  Anthony  Fantano  kennen. Obwohl er Punk normalerweise nichts abgewinnen kann, avancierte die Band schnell zu einem seiner neuen Lieblingsacts. „Otoboke Beaver sind so viel mehr als Punk. Im Ersteindruck wirkt die Musik wie Chaos. Aber mit jedem weiteren Hören stechen die Feinheiten hervor“, meint er. Fabian fügt hinzu: „Zudem enthalten viele Songs spannende Umbrüche und Experimente, die sich an Einflüssen anderer Genres bedienen.“ Neben der Musik hat ihn auch die Performance begeistert: „Liveshows mit rauer Energie gibt es zuhauf. Dennoch ist es noch einmal etwas gänzlich anderes, wenn vier japanische Frauen die Bühne aufräumen.“

Ähnliches schien sich das restliche Publikum zu denken. Zu meiner Rechten gab sich eine stetig steigende  Zahl  Leute Ellenbogenküsse im Moshpit. Vor mir spielte ein junger Mann zeitweise Luftschlagzeug. Auf allen Gesichtern, die ich sehen konnte, zeichnete sich  eine sichtbare, nahezu  kindliche  Faszination  beim Anblick des tobenden Sturms auf der Bühne ab. Dass wahrscheinlich niemand nur eines der Wörter, die aus den Boxen dröhnten, verstand, spielte keine Rolle. Songtitel wie 6 day working week is a pain oder Love is Short vermittelten den Besucher*innen eine ausreichende Vorstellung über den Inhalt der Texte. Braucht es dann mehr als vier wütende Frauen, die sich ihren Frust aus dem Körper schreien? Ich denke nicht.

*Namen von der Redaktion geändert

 

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