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KULTUR

Museum Folkwang: Die Emotionen der Expressionisten

Expressionisten kommunizieren tiefste
Emotionen durch eine außergewöhnliche Farbgebung.

[Foto: Freya Pauluschke / Ernst Ludwig Kirchner: Kaffeetisch (1923), Ausstellung „Expressionisten am Folkwang. Entdeckt – Verfemt – Gefeiert“ 20.08.22-08.01.23, Museum Folkwang, 2022]

09.09.2022 19:12 - Freya Pauluschke

Prächtige Farben, wilde Pinselstriche und markante Formen. Zum 100. Jubiläum des Museum Folkwang rückt die aktuelle Ausstellung „Expressionisten am Folkwang. Entdeckt – Verfemt – Gefeiert“ einen Sammlungsschwerpunkt in den Fokus, der die Geschichte des Museums prägte. Wir haben uns die Ausstellung genauer angeschaut.

Das hell getrübte Gelb der Wandfarbe lässt die Räumlichkeiten des Museums in einem warmen, einladenden Licht erscheinen. Die gesättigten Töne der Gemälde hauchen der Ausstellung Leben ein. Zu Beginn der Ausstellung steht an einer Wand ein Zitat des expressionistischen Künstlers August Macke: „Es ist eine ausgewählte schöne Sammlung, wie sie wohl selten zustande kommt.“ Die Bilder drücken gewaltige Emotionen aus, die auf die Betrachtenden abfärben.

Seien es Kriegstraumata oder ekstatische Tänze: Die Art der Darstellung mittels Farbe, Form und Malweise beeinflusst unsere Sinne.

Karl Ernst Osthaus, der 1902 das Museum Folkwang gründete, war Bewunderer moderner Malerei, pflegte engen Kontakt mit den Expressionisten und stellte ihre Werke oft zum ersten Mal aus. Der Expressionismus galt als revolutionäre Kunstbewegung, gegen die sich in der damals herrschenden Industrialisierung verändernde Gesellschaft. Die Stilrichtung kam Anfang des 20. Jahrhunderts erstmals in Deutschland auf und reichte bis circa 1925. Künstler:innen projizierten ihre Gefühle, Sorgen und Vorstellungen auf die Leinwand und nutzten die Kunst als Medium der individuellen Ausdrucksform.

Leid und Lebendigkeit

Ernst Ludwig Kirchner, Mitglied der Künstlergemeinschaft Brücke, verarbeitet seine psychischen Folgen des Ersten Weltkriegs in einer Holzschnittfolge. Er vergleicht sich mit Peter Schlemihl, eine Figur aus Erzählungen von Adelbert von Chamisso, die ihren Schatten an den Teufel verkauft. Dieser Akt schließt Schlemihl aus der Gesellschaft aus und Kirchner transferiert dieses Gefühl auf sich selbst als Soldat, der sich ausgeschlossen fühlt: „Der Verkauf an das graue Männlein (Anm. d. Red: der Teufel) war das Freiwilligentum, da ich daran selbst schuld war.“ Nebst solch düsteren Werken, kreierte Kirchner auch erheiternde Farbtänze für die Wandgestaltung im Festsaal des Erweiterungsbaus des Museums.

Anstatt politische oder soziale Probleme in seinen Bildern zu verarbeiten, konzentrierte sich Franz Marc auf tiefe Emotionen. Er stellte Tierwelten und Natur in einer flamboyanten Farbgebung dar. Das Gemälde „Pferd in Landschaft“ lässt den Blick der Betrachtenden mit der Perspektive des Pferdes verschmelzen, so dass man in eine weite Gelb-, Grün- und Rot-gefleckte Landschaft schaut. Marc möchte die verlorene Einheit von Mensch und Natur wiederherstellen. Der Expressionist schrieb jeder Grundfarbe eine Bedeutung zu: „Blau ist das männliche Prinzip, herb und geistig. Gelb das weibliche Prinzip, sanft, heiter und sinnlich. Rot die Materie, brutal und schwer und stets die Farbe, die von den anderen beiden bekämpft und überwunden werden muss.“

„Entartete“ Kunst

Die Machtübernahme der Nationalsozialisten zog einen drastischen Wandel der Kulturwelt mit sich. Der Kunsthistoriker und SS-Führer Klaus Baudissin übernahm ohne Zustimmung des Folkwang-Museumsvereins das Amt des Direktors. In Stuttgart organisierte er 1933 die anschließend durch Deutschland wandernde Ausstellung „Entartete Kunst“, womit er die Kunst der Moderne verachtete. 1937 wurde deutschlandweit eine Beschlagnahme vor allem expressionistischer Werke, die als „entartet“ betitelt wurden, durchgeführt. Kunst von jüdischen Künstler:innen, Sinti und Roma, LGBTQIA+ und politisch Andersorientierten wurden beschlagnahmt. Insgesamt wurden 1.400 Werke aus dem Museum Folkwang konfisziert. Nach der „Entartete Kunst“-Ausstellung wurden die Werke nicht wieder an die jeweiligen Kunstschaffenden zurückgegeben, sondern an Sammler:innen und Museen im Ausland verkauft. Was nicht verkauft wurde, wurde zerstört.

Noch bis zum 08. Januar 2023 werden Meisterwerke von Kandinsky, Munch, dem Künstlerkollektiv Brücke, Modersohn-Becker und vielen mehr präsentiert.

In unserer Fotostrecke könnt ihr einen Eindruck der Ausstellung bekommen:

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1. [Foto: Freya Pauluschke / Ausstellungsansicht „Expressionisten am Folkwang. Entdeckt – Verfemt – Gefeiert“ 20.08.22-08.01.23, Museum Folkwang]
2. [Foto: Freya Pauluschke / Franz Marc: Pferd in einer Landschaft (1910), Ausstellung „Expressionisten am Folkwang. Entdeckt – Verfemt – Gefeiert“ 20.08.22-08.01.23, Museum Folkwang, 2022]
3. [Foto: Freya Pauluschke / Ernst Ludwig Kirchner: Tanzpaar (1914), Ausstellung „Expressionisten am Folkwang. Entdeckt – Verfemt – Gefeiert“ 20.08.22-08.01.23, Museum Folkwang]
4. [Foto: Freya Pauluschke / Ausstellungsansicht „Expressionisten am Folkwang. Entdeckt – Verfemt – Gefeiert“ 20.08.22-08.01.23, Museum Folkwang]
5. [Foto: Freya Pauluschke / Franz Marc: Nackte unter Bäumen (1911), Ausstellung „Expressionisten am Folkwang. Entdeckt – Verfemt – Gefeiert“ 20.08.22-08.01.23, Museum Folkwang, 2022]
6. [Foto: Freya Pauluschke / Ausstellungsansicht „Expressionisten am Folkwang. Entdeckt – Verfemt – Gefeiert“ 20.08.22-08.01.23, Museum Folkwang]
7. [Foto: Freya Pauluschke / Ausstellungsansicht „Expressionisten am Folkwang. Entdeckt – Verfemt – Gefeiert“ 20.08.22-08.01.23, Museum Folkwang]
8. [Foto: Freya Pauluschke / Ausstellungsansicht „Expressionisten am Folkwang. Entdeckt – Verfemt – Gefeiert“ 20.08.22-08.01.23, Museum Folkwang]
9. [Foto: Freya Pauluschke / Ausstellungsansicht „Expressionisten am Folkwang. Entdeckt – Verfemt – Gefeiert“ 20.08.22-08.01.23, Museum Folkwang]
10. [Foto: Freya Pauluschke / Ernst Ludwig Kirchner: Sitzender Akt auf orangem Tuch (1909), Ausstellung „Expressionisten am Folkwang. Entdeckt – Verfemt – Gefeiert“ 20.08.22-08.01.23, Museum Folkwang]

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