Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

KULTUR

Math und Monkeys: 4 großartige Alben der 2010er

Bei einer großen Musikauswahl fällt die Entscheidung schwer.

[Foto: pixabay]

11.02.2020 16:22 - Erik Körner

Mit dem Beginn des Jahres ging eine Dekade zu Ende. Eine Dekade, die vor allem mit einem gefüllt war: fantastischer Musik. Eine Liste von einigen der besten Alben, die die 2010er Jahre zu bieten hatten.

tricot: 3 (2017)

„Was, wenn die beste Band der Welt aus Kyoto, Japan kommt?“ Diese Frage stellte das Magazin Vice 2017 in einem Artikel über tricots Album 3 – eine gewagte, aber gerechtfertigte These. 3 ist die perfekte Platte für alle, die beginnen möchten, bewusster komplexe Musik zu hören und ihren musikalischen Horizont in Sachen internationale Kompositionsstile erweitern wollen.

Sie ist ein Wolf im Schafspelz; gleichermaßen aufregend wie anspruchsvoll und dennoch leicht im Abgang. Einerseits serviert sie ihren Hörer*innen die absoluten Basics des Math-Rocks: unkonventionelle Rhythmen, ungerade Taktarten, wie 7/4, und den Wechsel von Taktarten. Dafür verzichtet die Platte auf die für das Genre typischen virtuosen, teils ausufernden Instrumentalpassagen oder unnötig lange Stücke. Andererseits strotzt 3 vor klassischem japanischen Songwriting. Jazzakkorde soweit das Ohr reicht, teils lieblich-verträumte, teils aufgeweckte, energetische Melodien, die sich merklich von ihrem westlichen Gegenstück abheben. Darüber hinaus sorgt die Produktion für ein auditives Fest. Alle Instrumente klingen luftig; atmen förmlich im Mix auf. Hier und da sind auch unsaubere Töne in der fertigen Aufnahme geblieben, wodurch die Lieder eine gewisse „Edge“ haben und authentischer wirken - gerade, wenn Sängerin Ikkyu zu lauteren, höheren Tönen ansetzt.

Paramore: After Laughter (2017)

After Laughter klingt, wie Pastellfarben aussehen. Eine sanfte, kunterbunte Platte, die durchgehend catchy ist, aber nie belanglos wird. Für langjährige Paramore-Fans sollte das Album erstmal ein Kulturschock sein: verzerrte Riffs und treibende Drums sucht man vergebens. Man könnte behaupten, Paramore seien altersweise geworden. Das würde aber implizieren, After Laughter sei langweilig – was nicht weiter von der Wahrheit entfernt sein könnte.

After Laughter klingt, wie Pastellfarben aussehen.

Die Platte erstrahlt in einem Neo-Eighties-Gewand; kontemporärer Rock gepaart mit sprunghaften Achtziger- beziehungsweise New Wave-Einflüssen. Dass Paramore dieser Stil besser zu Gesicht stünde, als es ihre Emonummern je taten, hätte ich nie erwartet. Zwar geht der Stil des Albums an der Oberfläche eher in Richtung Pop. Dafür kommen beim genaueren Hinhören erstaunlich eloquente Instrumentals zum Vorschein, die im Genre tendenziell die Ausnahme als die Regel sind. Zum Glück ist nicht jeder Track sprudelnd-froh. Die gemäßigten Songs stehen ihren strahlenderen Geschwistern in nichts nach. Sie liefern die nötigen kontrastreichen Tiefpunkte, die das Album zwischen all den verspielten Tönen auf den Boden bringen und festigen.

Polyphia: New Levels New Devils (2018)

Polyphia präsentieren ein Album, das in Sachen Diversität seines Gleichen sucht. In den YouTube-Kommentaren unter Polyphias Musikvideos vergeht kaum ein Tag, ohne dass über Genrezugehörigkeit debattiert wird. Manche hören Jazz-, andere Flamencoeinflüsse heraus. Viele Schlagzeugspuren hätten aus einem Trapsong stammen können. Dazu bittersüße Akkordprogressionen, wie sie oft in LoFi oder Neo Soul vorkommen. Oder eben Stücke, die wie eine Math-Interpretation von japanischer Electronic/Dance-Musik klingen. Trotz dieses musikalischen Rundumschlags bleibt New Levels New Devils primär eines: Math. Aber irgendwie doch nicht.

Es bewahrt den hohen technischen Anspruch des Progressive- und Math-Rocks. Allerdings nutzen die Gitarristen Tim Henson und Scott LePage ihr Können nicht, um sich selbst zu profilieren. Kein Song überschreitet die Fünf-Minuten-Marke; keine Passage bleibt länger, als sie willkommen ist. Lieber konzentrierten sie sich darauf, eine diverse akustische Landschaft zu zeichnen, die nach vielem klingt, nach der aber nichts anderes klingt. Dennoch mangelt es New Levels New Devils nicht an meisterhafter Instrumentalarbeit. Jedes Bandmitglied ist ein Freak – im besten Sinne des Wortes. Die meisten Parts sorgen schneller für ein Mitnicken, gepaart mit zugekniffenen Augen und heruntergezogenen Mundwinkeln, als man verstehen könnte, wie sie das, was sie gerade gespielt haben, überhaupt spielen können.

Arctic Monkeys: Suck it and See (2011)

Ist es eine Farce, eine Liste großartiger Alben der 2010er zu erstellen, die Arctic Monkeys zu nennen und dann nicht AM zu wählen? Auch bekannt als die Platte, die ihnen ihren Platz auf dem Thron des Rocks gesichert hat? Vielleicht. Doch Suck it and See ist Welten besser, als es sein Ruf vermuten lässt. Wenn sein Vorgänger, Humbug, das musikalische Äquivalent eines monsunartigen Regenfalls unter schwerem Gewitter war, ist Suck it and See der erste Sonnenstrahl, der sich seinen Weg durch die verschwindende, graue Wolkendecke bahnt.

Die Drums hingegen sind das Biest zu der Schönen, die die Saiten-instrumente darstellen.

Die Gitarren klingen erfrischend leicht; auf starke Verzerrung wurde außerhalb von Soli weitestgehend verzichtet. Stattdessen übernehmen wabernde, fast psychedelische Töne das Effektsteuer. Die Drums hingegen sind das Biest zu der Schönen, die die Saiteninstrumente darstellen. Sie füllen den akustischen Raum, den die dezenten Gitarren eröffnen, bis zum letzten Kubikzentimeter. Sänger und Gitarrist Alex Turner hat seine Begabung fürs Texten schon auf den vorherigen drei Alben unter Beweis gestellt. Allerdings war Suck it and See die Platte, die ihm die Türen zum Olymp der besten Schreiber*innen der Musikwelt öffnete. Zeilen wie „Call up to listen to the voice of reason and got the answering machine“ oder „If you’re gonna try and walk on water, make sure you wear your comfortable shoes“ demonstrieren, was Turner am besten kann: Geladene Metaphern und Bildspiele, die simpel sind und gleichwohl mehr ausdrücken, als die Summe der Wörter zulässt.

Die 10 besten Technoclubs in und ums Ruhrgebeat

Glück ist, wenn der Bass einsetzt: In diesen 10 Raveyards zwischen Ruhr und Rhein lässt es sich besonders gut feiern.
 

Wenig Feuer, viel Rotz: L7 feiern ihr Comeback

Wir haben in das Comeback-Album der all-female Punkband L7 reingehört.
 

Ich bin ein Hund und ich will nur deine Liebe – Konzertrezension Drangsal

Unser Redakteur Erik Körner war beim Drangsal Konzert am 22. März in Dortmund und berichtet von seinen Eindrücken.
 
Konversation wird geladen