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KULTUR

Marokko: Ein besonderer Ausblick

08.10.2018 12:19 - Gastautor*in

Foto: Gastautor*in

Ab in den Urlaub! Semesterferien sind Reisezeit. Sonne, Meer, Berge, Wüste, Wälder und eine reiche Kultur locken 2017 über 11 Millionen Tourist*innen nach Marokko, al-Maghrib, das Land der untergehenden Sonne. Ein neuer Rekord. Also einfach Ticket buchen und ab in den Süden?

Autor*in der Redaktion bekannt

Vera, 24-jährige Kulturwirt-Studentin an der UDE, strahlt, als sie von ihrem Marokkourlaub im März dieses Jahres erzählt. Sie würde so gern zurück. Zwei Wochen hat sie mit ihrem Freund Tobi einen Roadtrip durchs Land gemacht. Planlos fliegen sie nach Tanger, der nördlichsten Stadt, die durch die Straße von Gibraltar von Spanien getrennt ist. Im Gepäck die ersten zwei gebuchten Übernachtungen und einige Infos zu kulturellen Unterschieden wie der Kleidung. „Wir wollten etwas Außergewöhnliches sehen und von der Reise überrascht werden.“ Dabei ist ihnen wichtig nicht wie privilegierte Europäer*innen aufzutreten.

Denn auch ohne Wissen über das Leben in der ehemaligen französischen Kolonie merken die beiden schnell, dass Reisen ins Ausland, vor allem nach Europa, für die Mehrheit der Marokkaner*innen schwer zu realisieren sind. Während Vera nur ihren Reisepass zur Einreise braucht, wartet auf Menschen aus Marokko ein langwieriger Prozess, um ein Touri-Visum für Europa zu bekommen. Außerdem sind viele Menschen arm, bekommen viel niedrigere Löhne oder haben gar keinen Job. Die Arbeitslosenquote liegt bei 10,2 Prozent, die Jugendarbeitslosenquote beträgt sogar 43,5 Prozent.

Der König und sein Volk

Noch in Tanger wird Vera und Tobi von einem Marokkaner empfohlen am besten mit dem Bus von Stadt zu Stadt reisen. In Rabat, der Hauptstadt des Landes, kommen die beiden über AirBnb bei einer Frau unter, die mit ihren drei Kindern und Eltern zusammenlebt. Für Vera

„die schönste Erfahrung“ ihrer Reise, da sie sehr herzlich aufgenommen werden, viel erleben und kennenlernen. Zum Beispiel fällt Vera die Alltagspräsenz von König Mohammed VI auf, der seit 1999 die konstitutionelle Monarchie regiert. In den meisten Geschäften entdeckt Vera Fotos von der Königsfamilie.

Trotz Respekt vor dem König, steigt im Land die Unzufriedenheit gegenüber dem Machthaber. Kein Wunder, denn von den Kultur- und Naturschätzen Marokkos oder dem steigenden Tourismus profitieren vor allem die Reichen. Zusätzlich werden die Kosten für die königliche Hofhaltung von rund 230 Millionen US-Dollar im Jahr von den marokkanischen Steuerzahler*innen bezahlt. Eine Schieflage, die ins Auge springt, wenn sich neben den bewachten Palästen Slums mit selbst gezimmerten Hütten befinden. „Ich glaube, an einigen Stellen wollen sie die Armut der Leute verstecken und dann gibt es Stellen wie die Altstadt von Essaouira, die nur für die Touristen gemacht sind“, beschreibt Vera ihre Beobachtung.

Urlaub zu Hause

Der steigende Tourismus ermögliche aber auch vielen Menschen, ein Business aufzubauen und den Lebensunterhalt zu finanzieren, erzählt Hamsa. Der 27 jährige Marokkaner hat sich in Essaouira ein Hostel aufgebaut. Allerdings würden sich auch viele reiche Europäer*innen Häuser unter den Nagel reißen und Einheimische für wenig Geld beschäftigen.

Für viele junge Menschen ist die Situation im Land nicht auszuhalten. Sie versuchen ihr Glück im Westen. So auch die beiden Brüder Mohammed (38) und Mustafa (40), die vor gut 20 Jahren in die USA ausgewandert sind. Jedes Jahr kehren sie zurück nach Marokko. „Es gibt hier einfach viele Menschen, die in Armut leben. Ein kleiner Teil ist reich und kümmert sich einen Scheißdreck um die anderen. Das Gesundheitssystem ist eine Katastrophe.“

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Beschäftigung für Touris                                      (Foto: Gastautor*in)

Beide haben gerade ihren Vater verloren. In dem marokkanischen Krankenhaus mussten sie sich um das meiste selbst kümmern. Das Dialysegerät sollten sie selbst mitbringen, für Unterkunft, Bluttests, Auswertungen und vieles mehr mussten sie extra bezahlen. Mohammed, selbst gläubiger Muslim, sieht auch einen Zusammenhang zwischen den islamischen Vertreter*innen und den Zuständen im Land. „Staat und Religion sollten unabhängig sein, denn die islamischen Vertreter beeinflussen die Menschen, damit sie still bleiben.“

Wer nicht still bleibt, bekommt es mit der Staatsgewalt zu tun. So wie etwa 50 junge Aktivist*innen, die im Juli 2017 in der Berber-Region Al Hoceima für bessere Lebensverhältnisse demonstriert hatten. Nasser Zafzafi, bekannteste Stimme der größten Protestbewegung seit dem Arabischen Frühling, ist dafür im Juni 2018 zu 20 Jahren Haft verurteilt worden. Auch Medienvertreter*innen, die unabhängig berichten wollen, müssen mit Haftstrafen rechnen, denn Kritik am König ist verboten.

Land der Widersprüche

Von diesen Problemen bekommen nur die wenigsten Tourist*innen etwas mit. Offensichtlicher sind dafür andere kulturelle Unterschiede wie die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau. Vera ist überrascht, in den meisten Cafés nur Männer zu sehen. Wenn sie sich eine Zigarette anzündet, wird sie meist von ein paar Männern abwertend beäugt. Oft werden die beiden aber auch freundlich von vorbeigehenden Männern angesprochen, die interessiert am Leben der Reisenden sind. Mit einem jungen Kellner in Marrakesch unterhalten sich Vera und Tobi über ihre Beziehung. Denn die beiden sind nicht verheiratet - für den jungen Marokkaner unvorstellbar.

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Grüne Landschaften wohin das Auge reicht.         (Foto: Gastautor*in)

Durch ihn erfährt Vera aber auch, dass sich in Marokko immer mehr Frauen mit ihren Rechten beschäftigen. 2004 stärkte der König das Familienrecht. Seitdem sind beide Geschlechter juristisch gesehen gleichgestellt und Frauen können unter anderem selbst die Scheidung einreichen. Marokko ist ein Land voller Widersprüche. Ein Land, in dem viel möglich sein könnte. König Mohammed VI. kündigte im August 2018 zahlreiche Bildungs- und Sozialreformen an. Was davon wirklich umgesetzt wird, wird sich zeigen.

Vera kommen jedenfalls viele positive Bilder in den Kopf, wenn sie an Marokko zurückdenkt. „Es war manchmal, wie auf einen Berg zu steigen.“ Anstrengend durch das Unterwegssein, und die vielen neuen Eindrücke, aber all das hat ihr einen besonderen Ausblick ermöglicht.

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