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KULTUR

Kunst hautnah spüren

Beim Performance-Kollektiv dorisdean hat Diversität einen hohen Stellenwert.
[Foto: Nicolas Oswald]

02.04.2021 12:58 - Julia Segantini

Gefühle sind das Stichwort beim aktuellen Projekt „Fühlst du das auch?“ von dorisdean, einer freien Performance-Kompanie aus NRW. Auf kreative Weise setzen sich die Darstellenden mit der (Un-)Möglichkeit der Vermittlung von Gefühlen auseinander. Warum eigene Gefühlswelten eine genauso große Rolle wie Inklusion und Barrierefreiheit spielen, haben uns die Ensemblemitglieder Miriam Michel und Philipp Hohmann erklärt. 

Von außen sieht das Gebäude in der Bochumer Rottstraße unscheinbar aus. So grau und angeschlagen das äußere Gemäuer wirkt, so bunt geht es innen zu. „Fühlst du das auch?“ heißt das aktuelle Projekt vom freien Performance-Kollektiv dorisdean. Kreativ nähern sich die Darstellenden dem großen Thema Gefühle. Das setzen sie auf unterschiedlichem Wege durch Texte, Musik, Medienkunst und Performance um. „Essentiell war für uns, generell darüber zu reden, was ist Fühlen? Was fühlen wir? Was ist uns wichtig und was ist anderen Leuten wichtig zu fühlen? Wie kann man diese Gefühle transportieren?“, erklärt Miriam Michel das Projekt.

Die Performance beschäftige sich nicht explizit mit der aktuellen Corona-Situation, schließlich sei das Projekt schon vor zwei Jahren erdacht worden, „aber es ist krass, wie sehr es jetzt passt.“ Gerade jetzt setzen sich Menschen gezwungenermaßen mehr mit ihren Gewfühlswelten auseinander. Als Teil des Ensembles habe sie viel für sich selbst gelernt, so Michel. Sie habe erfahren, dass nicht immer alle mit allem einverstanden sein können und dass das in Ordnung ist. Man müsse lernen, das auszuhalten.

Wie geht es dir?

Umgesetzt wurden solche Gedanken als „Raum im Raum“. Betritt man die Halle, hat man die Wahl, wohin man zuerst gehen möchte. Philipp Hohmann, Ideengeber für das Projekt, beschreibt die Szenerie so: „Weiße Vorhänge trennen manche Räume voneinander ab, akustisch durchdringen sie sie aber. In einem weiß-goldenen Raum läuft ein Video im Loop, in dem ständig gefragt wird, wie es dir geht. Dort kann man über die Frage nachdenken, etwas dazu schreiben oder ein Foto machen.“

Einen der Räume kann man nicht betreten, sondern nur durch ein Guckloch hineinsehen. Ensemble-Mitglied Patrizia zertrümmert darin laut rufend Teller und lässt Luftpolsterfolie zerplatzen, indem sie mit ihrem Rollstuhl darüber fährt. Im nächsten Raum ist ein Kleid aus goldenem Lametta zentral positioniert, darauf steht ein Fernseher, auf dem Boden ist Kreide verteilt. Zu sehen ist ein Video von Miriam, wie sie sich um sich selbst dreht und darüber berichtet, was andere Menschen berührt. Verlässt man den Raum, trägt man etwas von der Kreide durch den Rest des Gebäudes.

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Komplexe Gefühlswelten als Kunst darstellen [Foto: Lukas Zander]
 

„Und dann kommt man zu Birk, der steht bei einer Glaskugel und fragt dich, ob du deinen Puls zur Verfügung stellen möchtest, damit er diesen in Feuer übersetzen kann. Dann schießt ein Gerät in der Mitte des Raumes gemäß deines Pulsschlags Feuer in die Luft“, schildert Hohmann eine andere Installation. Wie ein Hintergrundrauschen hört man die Audiospur des ersten Videos, die immer wieder fragt „Wie geht’s dir?“ Welcher Sinn dahinter steckt, erklärt der Künstler: “Wenn man die Frage ernst nimmt, kann es sehr anstrengend sein, diese Frage zu stellen, aber auch, sie zu beantworten. Wir haben uns mit der Floskelhaftigkeit der Frage und die der Antwort beschäftigt. Wie kann denn zum Beispiel wirklich ‚alles gut‘ sein?“ Die Installation schaffe Raum für Besuchende, sich selbst mit der Frage auseinander zu setzen. 

Inklusion in den darstellenden Künsten 

Einen zentralen Gedanken des Projekts schildert Michel so: „In der künstlerischen Arbeit und grundsätzlich ist es immer ein Ringen darum, wo Konsens richtig und wichtig ist und wann man auf seinen Standpunkt bestehen darf.“ Sie wolle den Begriff des Kollektiven neu denken, „nämlich nicht als Herde von blinden Lemmingen, die sich einem faschistoiden Abgrund entgegen werfen, sondern als Gruppe aus nicht vereinbaren Wahrnehmungen, die versucht, etwas zusammen zu machen.“ Einen Konsens könne es nicht immer geben, aber es sei wichtig, alle Stimmen zu hören. „Radikale Unterschiede in den Gefühlen existieren auch in einzelnen Identitätsgruppen. Unter Menschen mit Behinderung fühlen nicht alle dasselbe und es fühlen sich nicht alle durch die gleichen Dinge diskriminiert“, betont sie. 

Der Gedanke von Inklusion und Barrierefreiheit sei von Anfang an Teil des Projekts gewesen, so Hohmann. „Das fängt schon damit an, dass bei uns alle eine gleichberechtigte Stimme haben und gemäß ihrer Fähigkeiten mitwirken können.“ Für den Instagram-Livestream holte sich das Team eine Gebärdensprachen-Dolmetscherin dazu, die alles live übersetzte. „Das war eine Herausforderung, weil dabei viel Improvisation und Spontanität im Spiel ist. Im YouTube-Stream habe ich versucht, viel von dem, was man sieht, zu beschreiben.“ Digitale Angebote könnten Wege für mehr Barrierefreiheit sein, so der Künstler. Für den 7. Mai plant das Ensemble eine Videoinstallation mit Audiodeskription im Bochumer Schaubüdchen zu zeigen. „Man muss Inklusion von Anfang an mitdenken, Geld dafür einplanen und sie kreativ in die Arbeit einfließen lassen, statt sie als störendes Extra wahrzunehmen“, findet Hohmann. 

Coronabedingt kann man die Installationen zur Zeit nur als Streams auf Facebook, Instagram und YouTube erleben.

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