Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

KULTUR

Kulturbetrieb im Ausnahmezustand

Momentan bleibt der Vorhang zu.

[Symbolfoto: pixabay.com]

28.04.2020 12:28 - Alexander Weilkes

Die seit dem 20. April geltende Neufassung der Coronaschutzverordnung ermöglicht partielle Lockerungen. Trotzdem dürfen Kulturbetriebe ihre Türen weiterhin nicht für den Publikumsverkehr öffnen. Die meisten Künstler*innen können daher ihren Beruf nicht ausüben, was viele von ihnen in existenzielle Nöte bringt.

Seit dem 23. März gilt eine Coronaschutzverordnung in NRW, die Theatern, Opern- und Konzerthäusern, Museen und ähnlichen Einrichtungen den Betrieb verbietet. Künstlerische Darbietungen lassen sich seitdem nur noch aus der Konserve oder räumlicher Distanz erleben.

Insbesondere Musiker*innen und Schauspieler*innen, aber auch Opernsänger*innen oder Comedians und alle die Künstler*innen, deren Arbeitsort eine Bühne ist, sind derzeit ohne Publikum. Die meisten Betroffenen sind Solo-Selbstständige, die jetzt keine Einnahmen mehr erzielen. Für diese Berufsgruppe sowie kleine Unternehmen hat der Bund ein Soforthilfe-Programm verabschiedet.  

Beantragt werden können je nach Beschäftigtenzahl bis zu 9.000 Euro respektive 15.000 Euro, um damit Betriebskosten für die nächsten drei Monate zu begleichen. So können zum Beispiel Selbstständige mit eigenem Theater zumindest ihren Arbeitsplatz erhalten. Einer, auf den das zutrifft, ist Raphael Batzik vom Theater Essen-Süd. Die Soforthilfe hat er zwar erfolgreich beantragt, jedoch bisher nicht angerührt, weil er Zweifel an der Verwendungsweise der Gelder hat und noch auf verlässliche Informationen wartet. „Ein paar Reserven hatten wir noch“, so Batzik.

Zudem erhalte das Theater seit Anfang dieses Jahres institutionelle Förderung. „Glück im Unglück“ nennt der 28-Jährige das, aber endlos reichen die Rücklagen nicht. Für den persönlichen Lebensunterhalt darf die Soforthilfe nicht verwendet werden. Ein Dokument des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWi) weist auf einen erleichterten „Zugang zu Leistungen nach dem Sozialgesetzbuch II (SGB II), insbesondere zum Arbeitslosengeld II“ hin.

Finanzielle Hilfen noch nicht zufriedenstellend

Für viele Künstler*innen dürfte die Grundsicherung die letzte finanzielle Boje sein, die sie über Wasser hält. Zwar legte das Land NRW eine Soforthilfe in Höhe einer Einmalzahlung von 2.000 Euro auf, über die frei verfügt werden kann. Insgesamt standen aber nur fünf Millionen Euro bereit, die bereits aufgebraucht sind. Batzik war einer der Glücklichen, der die Hilfe noch erhielt, aber er „weiß auch von Kolleginnen und Kollegen, die diese nicht bekommen haben.“

 

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Theatermacher und Schauspieler Raphael Batzik im Foyer des Theater Essen-Süd.
[Foto: Alexander Weilkes]

 

Seine Einnahmen seien „komplett weggebrochen“ und zurzeit kann er mit seiner Kunst kein Geld verdienen. Dies treffe ebenfalls auf viele seiner Kolleg*innen zu. Derzeit sind die Hilfen für Künstler*innen in jedem Bundesland anders geregelt. Am 22. April reagierte die Kulturstaatsministerin Monika Grütters unter anderem auf den Druck der „Initiative Kulturschaffender in Deutschland“ und verkündete:„1.200 Euro im Monat für Künstler kann man ausschütten.“

Das wäre tendenziell mehr als die Grundsicherung. Letztere begleicht aber auch für sechs Monate die tatsächlichen Kosten für Wohnung und Energiekosten. Das gilt nicht für reguläres Arbeitslosengeld II, das lediglich Pauschalbeträge sowie eine “angemessene” Wohnungsgröße vorsieht. Die Grundsicherung für freischaffende Künstler, die keine Arbeitsuchendmeldung benötigt, könnte also in Einzelfällen die bessere Lösung sein.  

Künstler*innen suchen nach neuen Wegen

Aus dem Home-Office können viele Künstler*innen nicht arbeiten und digitale Bühnen waren zuvor meist keine etablierten Formate. Dies ändert sich gerade, aber die Monetarisierung dieser Vorhaben gestaltet sich als schwierig. Bisher werden vor allem kostenfreie Formate  angeboten. Batzik und seine Ensemblemitglieder starteten einen wöchentlichen Podcast mit dem Namen „Im Süden nichts Neues?“, deren erste Folge sie am 27. März, dem Welttheatertag, veröffentlichten.

„Kultur wird immer eine Nische finden“

In wechselnder Zusammensetzung erfährt man dort vieles über Menschen, die man sonst vielleicht nur in ihren Rollen sieht. „Wir können zu unserem Publikum ins Wohnzimmer, solange sie nicht zu uns dürfen“ sagt der Theaterbetreiber über den neuen Kommunikationsweg. Darüber hinaus seien Inszenierungen mit Kameraaufnahmen geplant. „Kultur wird immer eine Nische finden“, so Batzik. Allerdings irritiere es ihn, wenn Auto- und Einrichtungshäuser wieder geöffnet werden dürfen, aber selbst Kleinkunstbetriebe geschlossen bleiben müssen.

Einer der letzten verbleibenden Orte mit Kunstdarbietungen vor anwesendem Publikum ist das Theater an der Niebuhrg in Oberhausen. Der Parkplatz des Theaters wurde in ein „Drive-In-Theater“ umfunktioniert ein umgebauter LKW-Anhänger dient als Bühne für Theaterstücke, Musicals und Konzerte. Der Ton kommt wie in einem Autokino über die richtige UKW-Frequenz des Radios. Ein Beispiel, das als Vorbild für andere dienen kann, zumal immer mehr Autokinos eröffnet werden. Wer selbst etwas unternehmen möchte, kann Geld spenden oder Gutscheine erwerben, die in Zukunft eingesetzt werden können. Denn eines ist klar: Es wird eine Zeit nach Corona geben.

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