Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

KULTUR

K.O. auf dem Floor

Der Umgang mit G muss im Dialog zwischen Veranstalter:innen und Besucher:innen stattfinden. [Foto: unsplash]  16.08.2022 12:45 - Nikita Marcus Verbitskiy

Nagellacke, die sich bei Kontakt mit versetzten Getränken verfärben, abschließbare Deckel für den Becher. Die Warnung vor K.O.-Tropfen ist nichts Neues. Neu ist dagegen das Problem des freiwilligen Konsums. Das mittlerweile unter dem Namen „G“ bekannte Betäubungsmittel ist so verbreitet, dass es als Krankheit der Techno-Szene bezeichnet wird. Techno-Veranstalter Gianni* und DJ und Konsumentin Maren* erzählen, was es mit der Popularität der Droge auf sich hat.

„In Berlin ist es schwer, eine Party ohne G zu finden“, sagt Gianni. Der Veranstalter lebt und arbeitet in NRW, ist jedoch regelmäßig für seine Arbeit und zum Feiern in Berlin. G steht für Gamma-Hydroxybuttersäure oder kurz GHB und ist ein Betäubungsmittel. Es fand seinen Einzug zunächst in den Metropolen und ihren Techno-Szenen. Seit zwei Jahren beobachtet Gianni, dass auch in NRW immer mehr Menschen die Droge einnehmen. „In Köln und Essen ist der ‚Trend‘ angekommen. In Düsseldorf wird weniger G konsumiert, aber die Tendenz steigt.“ Maren kann das bestätigen. Sie beobachtete, dass sich der Konsum der Droge in Köln in der letzten Zeit weiter verbreitet hat.

Gianni bemerkte zunächst, wie einige Menschen Opfer von „Spiking“, also dem heimlichen Versetzen eines Getränks mit GHB, wurden. Er sah zum Beispiel, wie eine Gruppe von Männern eine fast bewusstlose Frau aus dem Club herauszerren wollten, die sie vermutlich vorher unter den Einfluss der Droge gestellt hatten und alarmierte die Security. Maren hat dagegen schon freiwillig zu der Substanz gegriffen. „Ich hatte tatsächlich das erste Mal eine gute Erfahrung“, sagt sie. „Die Dosierung war extrem niedrig und ich habe nur die angenehmen Effekte der Droge gespürt.“  

Mischen auf eigene Gefahr

Der Grat zwischen erwünschter Ekstase und gravierenden Schäden ist schmal. „Zwischen der ‚gewünschten‘ Menge und der Überdosierung liegen nur wenige Tropfen”, beobachtet Gianni. Unerfahrene und unvorsichtige Konsument:innen können sich schnell verschätzen und in Lebensgefahr geraten. Auch verursacht die Form des Konsums Schwierigkeiten. Tropfen zu dosieren ist nicht leicht, ein kurzer Moment der Unachtsamkeit kann verheerende Folgen haben.

Mischkonsum spielt bei der GHB-Problematik ebenfalls eine entscheidende Rolle. So stuft die Praxis für Suchtmedizin der Schweiz die Mischung aus GHB, Alkohol und Ketamin  als “lebensgefährlich” ein. „Trotzdem sehe ich zu oft Konsumenten mit einer frischen Bierflasche in der Hand“, so Gianni. Der Konsum jeder Droge ist im besten Fall freiwillig und das Risiko sollte eigentlich nur der:die Konsument:in tragen. Oft ist jedoch das Gegenteil der Fall. „Wenn jemand klar überdosiert ist, kann das für die Mitmenschen genauso traumatisch sein wie für einen selbst“, erklärt Gianni.

Kein Safe Space in der Zukunft?

Maren hat bereits eine ähnliche Erfahrung gemacht. „Vor kurzem habe ich in einem Berliner Club mitbekommen, wie jemand wegen einer Überdosis G von der Tanzfläche weggetragen wurde“, erzählt Maren. „Das hat meine Freunde und mich in dem Moment ziemlich verstört.“ Für das unmittelbare Umfeld können diese Erfahrungen traumatisch sein, da es nicht weiß, ob die Person wieder aufsteht.

Die sexuelle Übergriffigkeit, die unter dem Einfluss von G gefördert wird, ist ein weiteres Problem. Konsument:innen empfinden bei bestimmten Dosierungen eine gesteigerte Lust und Hemmungen verfallen. Sie können sich so wenig selbst kontrollieren, dass andere Menschen unter ihrem Konsum leiden müssen. Maren erzählt, dass sie schon einige Male beobachten musste, wie Konsument:innen andere Besucher:innen des Clubs sexuell belästigten.

Obwohl sie persönlich gute Erfahrungen mit der Droge machen konnte, ist sich Maren nicht sicher, ob sie sie noch einmal konsumieren möchte. „G in der Techno-Szene ist extrem problematisch, da der Floor sich nicht mehr anfühlt wie ein Safe Space.“ Auf die Frage, wie die Clubs in Zukunft besser mit dem Konsum umgehen sollen, sieht Gianni Aufklärung als beste Möglichkeit. Ein Verbot helfe seiner Meinung nach nicht, da es sich nicht durchsetzen lasse. „Man müsste mehr über GHB aufklären und sich als Veranstalter klar vom Konsum distanzieren. Vielleicht würde dies für mehr Bewusstsein beim Konsum sorgen und manche sogar davon abhalten“.

*Namen von der Redaktion geändert

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