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KULTUR

Irreversibel: Porträt menschlicher Brutalität

Einige Zuschauer:innen mussten den Kinosaal verlassen. [Foto: pixabay]

02.04.2022 14:11 - Ayssa Maiß, Nikita Marcus Verbitskiy

20 Jahre nach seiner Veröffentlichung gilt Irreversibel als Klassiker unter Film Liebhaber:innen. Was reizt die Zuschauer:innen, dass sie minutenlange Gewaltexzesse über sich ergehen lassen? Wir erörtern die Grenzen des außergewöhnlichen Rape-Revenge-Filmes.

Vorsicht! Es folgen Spoiler.

Kaum ein Film, den Gaspar Noé geschaffen hat, befasst sich mit etwas Anderem, als den tiefsten Abgründen der Menschheit. Oft wurde dem Regisseur vorgeworfen, reines Shock-Cinema zu machen. Laut eigener Aussage verschwende Noé keine Zeit damit, seine Filme auf eine bestimmte Reaktion der Zuschauer zuzuschneiden. Er achte bei seinen Filmen allein darauf, ob sie ihm gefallen. Etwas eigenartig in dem Zusammenhang erscheint die Aufschrift auf der DVD-Hülle des Films Irreversibel. Stolz verkündet sie, dass von 2400 Zuschauer:innen bei der Cannes-Premiere 200 den Saal verließen. Dass es sich dabei um eine fruchtbare Marketing-Strategie handelt, ist nicht auszuschließen. Und doch lässt sich bei Noé ein Muster der Abstoßung erkennen. Seine Filme testen, wie lange Zuschauer:innen auf den Bildschirm starren können. Gebannt und schockiert von dem, was sich dort abspielt, bevor sie dann doch den Blick abwenden müssen. Irreversibel ist keine Ausnahme, vielleicht sogar die Krönung. 

Verwirrung und Verfolgung 

Der Film beginnt mit einer rotierenden, desorientierenden Kamera, welche Betrachter:innen gleich zu Beginn vorwarnt, dass es sich bei dem Film nicht um eine angenehme Erfahrung handeln wird. Eine Tatsache, die von Daft Punks Thomas Bangalters Vertonung weiterhin bestärkt wird. Bangalter fügte absichtlich eine tiefe Frequenz von 30 Hz in den Soundtrack ein, die auch bei Aufständen von Polizisten verwendet wird. Die Frequenz soll die Zuschauer:innen verwirren und kann Übelkeit hervorrufen. Wir hören monotonen, nervenaufreibenden Techno und sehen einen BDSM Club, der das Berghain wie das Kinderparadies bei Ikea aussehen lässt. Die Kamera gibt weiter keine Ruhe. Die Szenen spielen sich in rückwärts angeordneter Reihenfolge ab und das Gefühl des Unwohlseins wächst ins Unermessliche, während wir unsere Protagonisten Marcus und Pierre verfolgen. Einhämmernd suchen sie nach „La Tenia“, bekommen jedoch kaum eine Antwort, die über ein „kenne ich nicht“ oder „fiste mich doch einfach“ hinausgeht. Ein Unwohlsein, welches seinen ersten Höhepunkt in der fast-Vergewaltigung des Protagonisten und der anschließenden extrem grafischen Tötung des Täters endet. Ruhe kehrt weiterhin keine ein. Der Protagonist ist manisch, besessen, sucht nach dem Club „Rectum“ in dem er „La Tenia“ zu finden hofft. Wir verfolgen die Jagd nach dem mysteriösen Täter, bis uns gezeigt wird, weshalb er gejagt wird. 

Eine der erbarmungslosesten Szenen, die vielleicht jemals gefilmt wurden, spielt sich in einem schlecht beleuchteten und noch schlechter gestrichenen Fußgänger-Tunnel in Paris ab. Eine Vergewaltigung, die sich neun endlose Minuten vor unseren Augen erstreckt. Während die Kamera zuvor keine Ruhe zu finden schien, liegt sie nun komplett starr auf dem Boden. Zuschauer:innen wird keine Pause, kein Cut und kein Soundtrack gegönnt. Noé zeigt uns nüchtern, was wir nicht sehen möchten oder können. Langsam verstehen Zuschauer:innen die zuvor gezeigte Manie des Protagonisten. Am Ende der Szene sitzt man still, versucht scheiternd das Gesehene zu verdauen und fragt sich, wie man noch die Hälfte des Films durchhalten soll. Neben den restlichen Szenen, ausgelassen und unschuldig, schlummert nun unsere wissende Vorahnung. Eine ausgelassene Party wirkt wie die Ruhe vor dem Sturm, ein triviales Gespräch über Sex wie eine düstere Vorahnung. Alex’ Freude über einen positiven Schwangerschaftstest zum Ende des Films entlässt uns. 

„Man muss nicht nostalgisch sein, um zu erkennen, dass der Film noch eine Relevanz hat.”

Revenge, Rape, Ruhe

Auf den Venediger Filmfestspielen von 2019 betont Vincent Cassel im Interview „man muss nicht nostalgisch sein, um zu erkennen, dass der Film noch eine Relevanz hat.” Im wortwörtlichen Mittelpunkt des Filmes steht dabei Alex Vergewaltigung durch den Fremden „La Tenia”. Dabei bedient sich Irreversibel trotz genialer und innovativer filmischer Kniffe einem alten Narrativ. Im Buch Sexuelle Gewalt im Film schreibt Julia Reifenberger über die Rape-Revenge-Filme der 1920er Jahre: „Die Täter sind verrückte Kriminelle, die Opfer provozieren die Taten, weil sie einen gesellschaftlichen Verhaltenskodex brechen.” Diese ersten Rape-Revenge-Filme portraitieren eine junge Frau von traditioneller Schönheit. In dem klassischen Schema rächen Vater, Bruder oder Ehemann das Opfer. Auch in Irreversibel ziehen Marcus und Pierre los, berauscht von Wut und Kokain, um herauszufinden, wer der Täter ist. Durch die umgedrehte Reihenfolge der Ereignisse entsteht hier keine Genugtuung. Zuschauer:innen empfinden bloßen Schrecken, während Pierre den vermeintlichen Täter zu Tode prügelt. Die Moral der Rache im klassischen Rape-Revenge-Film wird dadurch in Frage gestellt. Jedoch fehlt die sich im Rape-Revenge-Film etablierende feministische Siegesgeschichte des Opfers, das sich rächt. 

Sichtbarkeit um jeden Preis?

Ein triumphaler Geschlechterkampf bleibt vorenthalten, dafür bekommen wir umso mehr toxische Maskulinität. Man spürt Marcus rasende Wut, Pierres Mordlust bis hin zur grausamen Vergewaltigung und Misshandlung durch „La Tenia”. Nach dieser ersten entsetzlichen Hälfte des Filmes wird es ruhiger. Auf einer Bahnfahrt sprechen  Pierre und Marcus darüber, wie der Sex mit Alex war und ist. Die Zuschauer:innen holen langsam wieder Luft, doch ist es eine beklemmende Situation. Pierre offenbart durch seine löchernden Fragen seine sexuelle Unsicherheit und Alex will sich der Unterhaltung entziehen. Sind die Zuschauer:innen nach den grauenhaften Szenen sensibilisierter für die dauerhafte Sexualisierung der Frau? 

Regisseur Noé hält sich mit tiefgreifenden Interpretationen zurück. „Der Film ist ein Porträt menschlicher Erfahrungen”, erklärt er auf den Filmfestspielen. Die Brutalität dieser menschlichen Erfahrungen ist unumkehrbar, verrät uns der Titel des Filmes. Doch seine umgekehrte Erzählweise suggeriert auch, dass sie unausweichlich sind. Es ist wichtig, dass Themen wie sexualisierte Gewalt aus dem Privaten in die Öffentlichkeit gebracht und diskutiert werden. Doch wie stellt man die Realität dar, ohne den Zuschauer:innen nahezulegen, dass diese Verhältnisse “normal”, gar “sehenswert” seien? Das ist die Gratwanderung, die Künstler:innen bei diesem Thema machen.

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