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KULTUR

Improtheater: Das Theater ohne Drehbuch

Wenn der Vorhang fällt, ist Improvisation gefragt. Foto: pixabay]

26.12.2021 12:15 - Gastautor*in

Es gibt zahlreiche Formen von Theater wie das Illusionstheater oder das Kammerspiel. Doch kaum jemand weiß mit diesen Theaterformen etwas anzufangen. Das ist ziemlich schade, denn gerade das Improvisationstheater ermöglicht durch spontane Geschichten einmalige Aufführungen. Es lohnt sich, dahinter zu blicken, oder besser gesagt darauf: Auf die Bühne der Spontanität, auf das Improtheater.

Impro steht als Abkürzung für „Improvisation“, dementsprechend geht es bei dem Improtheater eben nicht um das Spielen von vorgegebenen Rollen. Die Figuren, der Text, die Handlung: alles wird spontan gespielt. Doch wie genau kann man sich das vorstellen? Vier begeisterte Schauspieler:innen berichten von ihren Erfahrungen und Eindrücken vom Improtheater.

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„Impro ist Theater ohne Drehbuch“, bringt es Lukas, mit einer der jüngsten Spieler der Improvisationstheater-Gruppe „RheinFlipper“, auf den Punkt. Schon seit mehreren Jahren existieren die RheinFlipper und proben seither einmal wöchentlich Improtheater in Duisburg-Meiderich. Dabei besteht die heterogene Gruppe aus knapp zehn Mitgliedern, welche sich durch ganz unterschiedliche Begabungen kennzeichnen: Lukas begeistert das Publikum insbesondere durch seine spontanen Reime und seine unglaubliche Phantasie.

Das Gesangs- und Tanztalent der Gruppe ist Andrea, welche schon seit zehn Jahren beim RheinFlipper aktiv ist. Sie schließt sich Lukas an: Es gibt kein Skript und keinen Vorhang. Die Schauspieler sind auch Regisseur:innen, Sänger:innen, Tänzer:innen und all dies gleichzeitig, wenn es verlangt wird.“ „Und es gibt keine Kostüme“, ergänzt Sabine. Sie spielt nicht nur facettenreiche Figuren, sondern inszeniert Geschichten auch gerne in unterschiedlichen Genres. „Man muss die Rollen durch die Körperhaltung, die Mimik, Gestik und durch die Handlung darstellen.“ Doch wie bereitet man sich auf einen Auftritt vor, wenn es keine Inszenierung zum auswendig lernen gibt? Impro umfasst eine ganze Bandbreite an unterschiedlichsten Spielen, welche nicht nur der Probe dienen, sondern auch bei Aufführungen auf der Bühne gespielt werden.

Christoph, das Urgestein und Organisationstalent der RheinFlipper, erklärt, welche Arten von Spielen es gibt: „Die Spiele lassen sich grundsätzlich in Kurz- und Langform aufteilen. Aufwärmspiele würden so zum Beispiel eher zu den Kurzformen gehören, diese werden natürlich nur in der Probe gespielt.” Allerdings werden auch Langformen; wie Regiespiele; geprobt. Diese dienen jedoch eher dem Ausspielen von Rollen und dem Aufbau einer Geschichte. Bei den Langformen gibt es im Grunde eine dramaturgische Leitlinie, sie lassen sich meistens in Akte einteilen. Was wie genau passieren wird, weiß man natürlich trotzdem nicht ganz genau. „Aber dass zum Beispiel der Protagonist im letzten Akt stirbt, kann schon vorgegeben sein“, meint Lukas.

Selbstbewusstsein kann man üben

Um sich eines der typischen Improspiele besser vorstellen zu können; erklärt Andrea, wie ihr aktuelles Lieblingsspiel „Switch and Change“ funktioniert: „Insgesamt spielen beim Switch and Change vier Personen mit, jeweils zwei davon bilden ein Paar. Allerdings spielen die beiden Paare die selben zwei Personen, deshalb ist immer nur ein Team auf der Bühne.” Andrea berichtet weiter, dass auf das Kommando „change“ vom Publikum die Spieler das Team auswechseln, bei dem Kommando „switch“ hingegen  werden die Rollen der beiden Spieler getauscht.

Doch kann man vom Impro noch etwas außer Spontanität lernen? „Ich finde es für die Kommunikation unglaublich wichtig. Dass man lernt zuzuhören, wahrzunehmen, was der andere einem gerade mitteilen will. Und man dementsprechend darauf reagiert und nicht an seinen eigenen Ideen festklammert“, so Sabine. Auch Lukas sieht das ähnlich, ebenso würde man beim Impro lernen, die Initiative zu ergreifen und über seinen eigenen Schatten zu springen. Gerade dies würde sich im Alltag gut umsetzen lassen. Impro fördert auch die Kreativität”, fügt Sabine noch hinzu. So würde es Impro ermöglichen, einen Aspekt auch mal aus mehreren Blickwinkeln sehen zu können, statt auf eine Perspektive festgefahren zu sein.

Für Andrea hat das Improtheater eine besondere Bedeutung hinsichtlich ihres Selbstbewusstseins: „Ich habe für mich viel Selbstbewusstsein aus dem Improtheater mitgenommen. Heute selber Impro zu spielen, vor Publikum oder nur so, stärkt einen.” An ihre erste Begegnung mit dem Improtheater als Zuschauerin kann Andrea sich noch sehr genau erinnern: Dort habe sie nur mit offenem Mund gesessen und gesagt, dass sie sich sowas niemals trauen würde. Doch das Blatt hat sich gewendet und nun steht Andrea selber auf der Bühne: Man lerne zu scheitern und Situationen auszuhalten, erläutert sie. Auch blöde oder blamable Situationen-hatte ich schon auf der Bühne und das hilft mir auch im Alltag.“

Theater für alle

Nicht jeder besitzt schauspielerisches Talent, oder die Mut freiwillig auf die Bühne zu springen. Aber sind wirklich das die Eigenschaften, um Improtheater spielen zu können? Generell eignen sich alle für das Improtheater, die Lust darauf haben. Angst darf man natürlich zunächst haben, aber man muss sie auch überwinden können“, erläutert Christoph. Besonders schüchterne Personen könnten sich durch Impro weiterentwickeln, dass sie zu mehr fähig seien, als sie denken. Christoph ist überzeugt, dass Impro auch für exzessive Leute bereichernd sei, indem sie Empathiefähigkeit erlernen könnten.
Insgesamt geht also weniger um schauspielerische Begabungen, sondern mit Motivation und Freude der Bühne der Spontanität beizutreten. So bietet das Improtheater eine Möglichkeit, mehr Kreativität und Aufmerksamkeit in den Alltag zu integrieren und bestenfalls sogar über sich selbst hinauszuwachsen.

 

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