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KULTUR

Illegale Raves sorgen für Ärger

Als Raves noch legal stattfinden konnten. [Symbolfoto: Jacqueline Brinkwirth]
16.02.2021 10:24 - Gastautor*in

Dass die Eventszene durch die Pandemie mit am meisten leidet, ist nichts Neues mehr. Trotz allem gibt es vermehrt schwarze Schafe in der Szene, die - obwohl die Fallzahlen steigen – aus illegalen Veranstaltungen Profit ziehen. Das ärgert vor allem diejenigen, die sich an die Regeln halten, so wie die beiden DJ und Producer aus der Techno- Szene, Nemeziz aka Batuhan Akca (25) und Jack Lee Cooper (22), der mit seinem Künstlernamen schon geboren wurde. 

Von Carla Cingil

Obwohl die beiden Kölner schon zusammen aufgelegt haben, könnte ihr Stil nicht unterschiedlicher sein. Nemeziz, der seit knapp eineinhalb Jahren dabei ist, beschreibt sein Stil als „schrcid“, eine Mischung aus Acid und Schranz: „Es ist eher harter und schneller Techno. Ich muss sagen, Acid hat mich schon immer gecatched, einfach diese Aliensounds und das Goamäßige“. Jack Lee Cooper ordnet sich nach knapp drei Jahren in der Szene eher dem Teckhouse zu: „Es ist ein entspannter Sound, der gute Laune bringt. Viele Menschen verbinden mit der Musik einfach einen Sommervibe“, erklärt er. 

Illegale Raves statt Partys mit Hygienekonzept

Warum müssen Veranstaltungen mit Hygienekonzept abgesagt werden, während zeitgleich illegale Partys stattfinden?
 

Auch wenn sie noch nicht zu den Oldies der Szene gehören, konnten sie schon einige Erfahrungen sammeln und sich vor der Corona-Pandemie einen Namen machen. 
Umso mehr regen sie sich über die Menschen auf, die sich nicht an die Regeln halten und im Wald oder in verlassenen Bunkern Raves veranstalten. So wie eine Veranstaltung, die vor einigen Tagen von der Polizei gestürmt wurde. In einem leerstehenden Gebäude in Köln-Fühlingen feierten knapp 50 Personen. Gegen 3 Uhr Nachts wurde die Party aufgelöst. Illegale Raves während Corona sind allerdings nicht nur in Deutschland ein Problem. In Frankreich hatte zum Jahresbeginn ein Rave in einer leerstehenden Fabrikhalle mit 2.500 Menschen für Aufsehen gesorgt. Den Verantwortlichen droht eine Geldstrafe von bis zu 600.000 Euro sowie eine mehrjährige Haftstrafe. 
„Am Ende ist natürlich jedem selbst überlassen. Wenn die Leute das nicht als schlimm ansehen, sollen sie ruhig machen, aber solidaritätsmäßig ist das natürlich scheiße“, meint Jack. „Die Zahlen steigen und die Idioten veranstalten immer noch Raves, das fuckt mich schon ab“, fügt Nemeziz hinzu.

Spaltung in der Szene

Diese Veranstaltungen sorgen dafür, dass sich auch innerhalb der Szene eine weite Spaltung vollziehe. „Es gibt welche, die konsequent sagen, ,ne wir machen keine Raves und gehen auch auf keine, damit die Clubs schneller wieder öffnen können’ und die, die darauf scheißen, mit mehreren hundert Leuten Veranstaltungen machen und unfairer Weise einen unfassbaren Profit daraus schlagen“, sagt Nemeziz.
Folgen seien neben dem Clubsterben und der Verschärfung der Maßnahmen auch, dass es den Künstler:innen schwer gemacht werde, weiterhin zu existieren. „In Köln sterben jetzt extrem viele Kollektive aus, weil das Geld fehlt und wiederum neue hinzukommen. Diese bekommen Unterstützung, die dadurch, dass sie jetzt Party machen, wo keiner Partys macht“, erklärt Jack. Gelb Linien Mann mit Sonnenbrille cool Foto Collage-3.jpg

Diese Kollektive könnten durch ihre Einnahmen weiter bestehen und sich auf die Zeit vorbereiten, in der die Maßnahmen gelockert werden und Veranstaltungen wieder erlaubt sind. „Teilweise werden pro Ticket 20 bis 25 Euro genommen und bei 400 bis 500 Leuten, macht man auf jeden Fall schon gut was“, stellt Nemeziz fest. 

Obwohl die Clubs geschlossen haben und Partys für sie gerade nicht in Frage kommen, wollen sie weiterhin präsent bleiben. So nahmen sie zum Beispiel Anfang des Jahres einen Podcast zusammen auf, indem sie allgemein über die Techno Szene reden. Aber auch Livestreams, in denen sie ihre Sets spielen, gibt es bereits. Auch wenn man einen Internetauftritt nicht mit einem Auftritt in einem Club vergleichen kann, bleiben manche Sachen gleich. „Ich bin vor jedem Auftritt immer ultra nervös, das ist tatsächlich auch immer fiftyfifty, ob ich mich übergebe oder nicht“, erzählt Nemeziz lachend. 

Warten auf bessere Zeiten

Beide hoffen, dass im Sommer kleinere Veranstaltungen mit 150 Leuten erlaubt sind und sie wieder feiern und auflegen können. „Das schönste und geilste Gefühl hat man einfach, wenn der Drop kommt, also wenn die Crowd ausflippt, man sieht wie sie durchdrehen und feiern. Dieses Gefühl löst Glücksgefühle aus, es ist einfach unbeschreiblich“, erzählt Jack. 
„Fast jede Technoparty hat was Außergewöhnliches. Man entkommt dem Alltag und lässt sich einfach fallen. Ich finde, nachts sind die Menschen eh ehrlicher und mehr sie selbst“, ergänzt Nemeziz. Für die Zwei steht fest, dass sie sich damit abfinden müssen, falls die Regelungen im Sommer nicht gelockert werden sollten. „Man kann ja nicht sagen, jetzt Partys zu machen geht nicht und dann im Sommer darauf scheißen. Das wäre schon heuchlerisch“, sagt Nemeziz. 

Hinter den Producern und DJs der Szene steht eine riesen Community, die es ebenfalls kaum abwarten kann, wieder zu dröhnender Musik in Clubs oder irgendwo im Nirgendwo zu feiern. „Die Leute auf Technopartys sind ganz anders als andere. Alle spüren diese Freiheit und man merkt, dass keiner auf jemanden fokussiert ist, man wird nicht angestarrt. Man kann einfach machen, was man will, tanzen wie man will und keiner verurteilt einen. Das macht eine Technoparty echt aus“, beschreibt Jack. 
Auch wenn die derzeitige Situation nicht danach aussieht, als könnten Veranstaltungen in den kommenden Monaten wie gewohnt stattfinden, verlieren die Beiden die Hoffnung nicht. „Wir müssen einfach weiterhin stark bleiben, damit sich langsam alles wieder normalisiert. Dafür, dass die Welt dann wieder tanzen kann, sollten wir das schaffen“, ist sich Nemeziz zum Schluss hin sicher. 
 

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