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KULTUR

„Ich bin nicht für die Moral der Gesellschaft verantwortlich” – Schriftstellerin Karosh Taha im Interview

  Welche Bücher gelesen werden, entscheiden die Konsument:innen.
[Symbolfoto: pixabay]
25.10.2021 07:38 - Gastautor*in

Was bedeutet es für eine nicht-weiß gelesene Autorin im Jahr 2021 ein Buch zu veröffentlichen? Karosh Taha hat im letzten Jahr ihren zweiten Roman Im Bauch der Königin veröffentlicht. Gastautor Felix Stern hat mit ihr unter anderem über den Trend zur ‚migrantischen‘ Buchpreisnominierung und Solidarität als Prinzip gesprochen.

ak[due]ll: Frau Taha, was ist Literatur für Sie? Was sollte sie leisten und wie würden Sie ihre Rolle in der Gesellschaft beschreiben?

Karosh Taha: Literatur heißt, die Wirklichkeit mit Sprache anders zu sehen. Sie ist keine soziologische oder kulturwissenschaftliche Feldforschung. Literatur ist immer Fiktion, immer der Gegensatz von Wirklichkeit oder was Wirklichkeit sein könnte. Deswegen verstehen wir auch Kafkas Die Verwandlung nicht – weil es die Wirklichkeit umkehrt. Für mich heißt Schreiben meine Überzeugungen zu widerlegen, was ich in meinem zweiten Roman Im Bauch der Königin gemacht habe, wird eventuell für das dritte Buch nicht mehr relevant sein. Mit jedem Buch will ich das Schreiben neu lernen.

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Karosh Taha wurde für den diesjährigen Literaturpreis Ruhr nominiert. [Foto: Havin Al-Sindy]
 

ak[due]ll: Was ist das Problem an deutschsprachiger Gegenwartsliteratur und dem Festhalten am Kanon, an Schiller, Goethe und Thomas Mann? Inwiefern ist diese Literatur für Sie eben nicht empathiebildend?

Taha: Literatur an sich ist nicht unempathisch. Aber die Überzeugung, Literatur könnte Empathie ausbilden, ist ein klassistisches Argument. Literatur ist für viele Menschengruppen unwichtig. Sie lesen nicht, was nicht heißt, dass sie unempathische Menschen sind. Und umgekehrt: Belesene Menschen sind nicht empathischer. Eine Person, die in ihrer Erziehung keine Empathie erfahren hat, wird keine Empathie lernen. Auch nicht, wenn sie eine ganze Bibliothek liest. Die genannten Schriftsteller sind durch die deutsche Identität vereinnahmt worden. Viele ihrer Stücke sind Geister ihrer Zeit, wie zum Beispiel Schillers Die Jungfrau von Orleans, was ein nationalistisches Stück ist. Heute wissen wir mehr als Schiller. Wir wissen, dass Patriotismus zu einer Einheit führen kann, die nicht nur das „Andere“ ausschließt, sondern im schlimmsten Fall auch vernichten kann. Mit Vorsicht und dem schärfsten Blick sollte man diese Klassiker lesen und nicht mit Ehrfurcht.

ak[due]ll: Durch welche Mechanismen verfestigt sich mangelnde Diversität im Kulturbetrieb, in den Verlagen und Feuilletons? Fühlen Sie selbst sich als Vertreterin deutschsprachiger Gegenwartsliteratur wahrgenommen?

Literaturpreis Ruhr beweist Diversität

Die kleine Liste der nominierten Bücher (Shortlist) für den diesjährigen Literaturpreis Ruhr ist divers, im Gegensatz zu der des Leipziger Buchpreises. Karosh Taha hat es mit ihrem Roman Im Bauch der Königin – einem von vorne und hinten lesbaren „Wende-Buch“ – auf die Liste geschafft. Ihr Werk erzählt aus zwei widersprüchlichen Perspektiven eine komplexe Geschichte rund um Weiblichkeit, Stolz und gesellschaftlichen Machtverhältnissen. Ebenfalls nominiert ist Mithu Sanyals Debattenroman Identitti. Am 28. Oktober ist die Preisverkündung.

Taha: Ich will nicht ihre Vertreterin sein, höchstens ein Teil davon. Ich erfahre ständig Diskriminierung, weil der Kulturbetrieb sehr langsam ist, sich der neuen Realität anzupassen. Ich gehöre nicht zur ersten Generation der zweisprachigen Schriftsteller:innen in Deutschland und trotzdem werde ich wie die „Andere“ behandelt. Dass ich so behandelt werde, interessiert mich nicht, aber ich will nicht, dass dies mit meiner Literatur passiert. Ich sehe die Buchpreisnominierungen von migrantischen Kolleg:innen eher als Trend, in ein paar Jahren wird man sie wieder ignorieren: Ich hoffe ich habe Unrecht.

ak[due]ll: Was ist das Besondere an nicht-hegemonialer Literatur, an Literatur von Arbeiterkindern, Trans-Personen oder aus (post-)migrantischer Perspektive? Sie sprechen selbst davon, beim Schreiben dem Prinzip der Solidarität folgen zu wollen. Was bedeutet das?

Taha: Solidarisch im Sinne von: Ich möchte von den Unerzählten erzählen, die in der deutschsprachigen Literatur nicht vorkommen, die aber vorkommen sollten. Die nicht durch die Literatur noch einmal ausgelöscht werden sollten. Und wenn ich von ihnen erzähle, dann mit einer anderen Sprache als der, die ich gelernt habe. Weil die Sprache, die ich gelernt habe, nicht meine ist. Sie ist mir gegeben worden, aber ich muss eine andere finden, um die Wirklichkeit zu erzählen. Erziehung will ich mit meiner Literatur aber nicht betreiben. Ich bin nicht für die Moral der Gesellschaft verantwortlich. Ich werde sie kritisieren, aber ich will sie nicht ausbilden.

ak[due]ll: Wie hat sich die Pandemie auf die Diversität am deutschen Buchmarkt ausgewirkt? Wie haben Sie diese Zeit als Autorin wahrgenommen?

Taha: Über die Auswirkungen kann ich nichts sagen. Ich kann die Situation nicht mit einem alternativen Verlauf von 2020 vergleichen, dann bewegen wir uns wieder im Bereich der Fiktion. In Anbetracht der pandemischen Situation ist das Buch gut gelaufen. Ich bekomme immer noch Anfragen für das Buch, das im Frühjahr 2020 erschienen ist. Jetzt haben wir Herbst 2021. Das stört mich eher: die Kurzlebigkeit neuer Bücher. Wie der Markt überflutet wird und die Bücher so sehr um Aufmerksamkeit buhlen müssen, dass dem Publikum nicht die Chance gegeben wird, mich als Schriftstellerin oder meine Bücher kennenzulernen. Dieser Umgang mit Büchern fand schon vor der Pandemie statt. Die Auswirkungen der Pandemie auf die literarische Vielfalt wird sich in den nächsten Jahren wohl erst richtig zeigen, weil die Verlage nur noch auf Bestseller setzen werden.
 

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