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KULTUR

Glitzer, Glamour, Magersucht?

(Symbolbild: Die Musical-Ausbildung ist nicht nur körperlich anstrenged.
seg)

29.10.2018 13:25 - Julia Segantini

König der Löwen, Tanz der Vampire, Phantom der Oper. Musicals erfreuen sich großer Beliebtheit. Was man hinter den glitzernden Kostümen und mitreißenden Soundtracks oft vergisst, ist die harte Arbeit, die dahinter steckt. Akduell hat mit Annett Bär, zuständig für Presse & PR und Marketing-Kooperationen an der Stage School in Hamburg sowie zwei Absolvent*innen über die Strapazen während der Ausbildung gesprochen.

Werdende Musicaldarsteller*innen müssen in ihrer Ausbildung in gleich drei Disziplinen glänzen: Gesang, Tanz und Schauspiel. Klar, dass die Ausbildung alles von den Schüler*innen fordert. Yeliz* und Tolja* erlangten ihren Abschluss vor zwei Jahren. „Ich könnte mir nicht vorstellen, etwas anderes zu tun. Wenn ich die Rolle bekomme, die ich wollte, an tolle Orte komme; wenn man das alles kann und darf, das ist einfach schön“, schwärmt Tolja. „Ich will auf der Bühne stehen, das erfüllt mich und mach mich glücklich“, ist sich auch Yeliz sicher. An ihre Zeit an der Stage School erinnern sich die beiden noch lebhaft. „Ich habe so viel über mich selbst gelernt und tolle Leute getroffen“, erinnert sich Tolja. Doch auch die schweren Tage sind nicht vergessen.

Anspruchsvolle Ausbildung

„Eigentlich war von Tag eins direkt klar, dass es richtig hart wird, weil von Anfang an gesagt wird, dass du an deine körperlichen

Bin ich gut genug? Werde ich jemals gut genug sein?

Grenzen kommst“, erzählt Tolja. Das gelte nicht nur für die Tanzkurse. „Man ist den ganzen Tag auf den Beinen. Wenn gerade kein Tanztraining ist, arbeitet man im Fitnessstudio, das ist ein fester Teil im Stundenplan. Im Schauspiel sitzen wir auch nicht herum, da war man am Ende der Stunde durchgeschwitzt“, bestätigt Yeliz. Auch das Singen erfordere körperliche Fitness.

„Zusätzlich zu dem äußerlichen Druck wie ‚dein Bein muss hoch genug sein‘ machst du dir selbst noch Stress und fragst dich ständig: ‚Bin ich gut genug? Werde ich jemals gut genug sein?‘ Du musst lernen, gesund damit umzugehen und Erfolge zu schätzen“, beschreibt Tolja. Auch wenn man sich nicht mit anderen vergleichen wolle, gehöre das zum Alltag. „Du kannst der Selbstreflexion nicht ausweichen. Um gut zu sein, muss man vollkommen ehrlich zu sich selbst sein und mit jeder Laune umgehen können. Manchmal hat man eben einen scheiß Tag und wenn privat etwas passiert, musst du trotzdem da sein. Im Beruf ist es noch mal viel härter“ berichtet er. „Deren Körper ist deren Instrument. Das gesamte Berufswerkzeug liegt in diesem Körper. Wir haben da eine ganz große Verantwortung“, stellt Annett Bär, zuständig für Presse & PR und Marketing-Kooperationen an der Stage School, klar. Deswegen unterrichte man die Schüler*innen unter anderem in Muskelbaufbau und Anatomie.

Ausbildung als Auslöser?

Einigen Schüler*innen scheint der psychologischen Verantwortung zu wenig Bedeutung beigemessen zu werden. Yeliz und Tolja berichten, sie hätten mehrere Fälle von Essstörungen und Depressionen miterlebt. „Ich glaube nicht, dass durch eine Ausbildung zum Bühnendarsteller Essstörungen verursacht werden“, sagt dagegen Bär. Viel eher lägen die Ursachen in der Kindheit. Häufig hätten Menschen mit schwerwiegenden Problemen „eine starke Opfermentalität und suchen oft die Schuld im Außen.“ Eine Berufsfachschule könne da nicht der Schuldige sein. Bei einer professionellen Tanzausbildung sei Übergewicht langfristig sehr belastend und gesundheitsschädlich. „Ich rede nicht von ein paar Kilos zu viel. Wenn es aber 15 oder 20 Kilo sind, können Gelenke, Muskeln und Sehnen extrem überbeansprucht werden. Das müssen unsere Dozenten den Schülern im Einzelfall auch vermitteln, alles andere wäre fahrlässig“, stellt Bär klar.

Zum Thema Ernährung verweist Bär auf das hauseigene Fitnessstudio. Einer der Trainer*innen sei Diplom-Sportwissenschaftler und biete

Ernährungsberatung. „Anfangs galt: Die Schlanken marschieren rein und die, die es bitter nötig hätten, schwänzen“, bemängelt Bär. Das habe sich aber zum Positiven geändert, „weil die Schüler langsam selbst feststellen, dass gezieltes Muskelaufbautraining und entsprechende Ernährung eine enorme Wirkung haben.“ Psychologischer Druck würde viel stärker von den gängigen Medien ausgeübt.

Bär ist sich sicher, dass „schwerer Gewichtsverlust auffallen würde und hier alle Alarmglocken angehen würden“. Davon, dass die harte Ausbildung ein Auslöser sein kann, ist Yeliz allerdings überzeugt. „Dass es nicht davon kommen soll, ist lächerlich, ich habe das selbst von Mitschülern mitbekommen. Das einzige Feedback war ‚toll, dass du abgenommen hast‘ oder ‚du solltest noch mehr abnehmen.’“ Die Lehrkörper hätten eindeutig nicht zur Besserung beigetragen.

Ängste in der Ausbildung

„Einige Dozenten wollen dich immer an die Grenzen bringen und haben Methoden, die aus pädagogischer Sicht nicht immer gesund sind. Sie wollen, dass du alles rausholst, was in dir steckt“, meint Tolja. Im Nachhinein sei das manchmal gut, es sei in dem Moment aber schwierig zu verarbeiten. Er habe sich aber einigen Lehrenden anvertrauen können. Yeliz fühlte sich weniger gut betreut. Laut Bär gebe es Vertrauenslehrer*innen, die die Problematiken der Schüler*innen aus eigenen Erfahrungen als Darsteller*innen nachfühlen könnten und eine große emotionale Nähe zu diesen hegten.

Die Behandlung ernster Probleme ginge allerdings weit an den Kompetenzen der Schule vorbei. „Wenn man merkt, da hat jemand eine schwere Angststörung oder Bulimie, muss derjenige professionelle ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen“, meint sie. „Die Leute, die dir hätten helfen können, hätten dir das Messer noch in den Rücken gesteckt“, ist sich Yeliz dagegen sicher. „Wenn die gemerkt haben, dass es dir nicht gut geht, wurde es gleich auf dein ganzes Sein projiziert, was keine Hilfe war, sondern den Druck erhöht hat“, meint sie. „Unsere Lehrer sind teilweise ausgerastet, wenn man im Unterricht etwas nicht hinbekommen hat oder man wurde rausgeschmissen. Ich hatte das Gefühl, dass besonders die Tanzlehrer uns gegeneinander aufgehetzt haben“, erinnert sie sich. Ein Vertrauensverhältnis habe man dadurch schwer aufbauen können.

Hilfreich sei nach Meinung von Bär hingegen auch die therapeutische Wirkung der Ausbildung auf schüchterne Menschen mit Lampenfieber. „Durch die Art, wie hier gearbeitet wird, ist es möglich, sich diesen Ängsten zu stellen. Das Praktische heilt Vieles“, erklärt sie. Über das Schauspiel könnten die Schüler*innen sich mit eigenen Themen auseinandersetzen, indem sie sie in ihr Spiel einarbeiten. Yeliz sieht das skeptischer. „Klar, du kannst was für dein Selbstbewusstsein tun. Ich kenne aber mehr Leute, bei denen das Selbstbewusstsein dabei verloren gegangen ist“, meint sie.

*Namen von der Redaktion geändert

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