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KULTUR

Freilaufender Alligatoah in Köln gesichtet

Windmühlen und Felder gehören zu
Alligatoah wie seine bissigen Texte.
[Pressefoto: Kristof Jansen, 2015, CC BY-SA 2.0,keine Änderungen vorgenommen]

24.09.2019 10:58 - Erik Körner

Besser spät als nie. Alligatoah wollte im Rahmen seiner „Wie Zuhause"-Tour Köln schon im Januar diesen Jahres besuchen. Der Rapper musste den Auftritt aufgrund gesundheitlicher Probleme jedoch verlegen. Am 15. September hat er die Show nachgeholt.

Die Halle in der Kölner Lanxess Arena war bis in die obersten Ränge gefüllt. Jubel und Beifall drangen aus allen Ecken, als das Bild einer roten Sonnenblume auf dem die Bühne verdeckenden schwarzen Vorhang erschien. Aus ihrer Blüte ragte ein Sturmhaube tragender Alligatoah hervor. Ein schelmisches Lächeln blitzte aus der Mundöffnung der Maske.

Mühelos führte der Rapper mit Charisma durch den Abend.

Als die ersten wabernden Töne von Counterstrike Song spielten, flammte der Jubel erneut auf. Der satirische Track über die Community des First-Person-Shooters war der Beginn eines Medleys älterer Hits. Titel wie Raubkopierah oder Mein Gott hat den Längsten folgten. Eine Hommage an vergangene Tage, als Alligatoah noch die Band des fiktiven Rapterroristen Kaliba 69 und dessen Discjockey DJ Deagle war, die Lukas Strobel, wie der Rapper mit bürgerlichem Namen heißt, beide verkörperte.

Willkommen im Hotel Kalliforniah

Der Terrorist zog sich zurück, die Sonnenblume verschwand. Der Vorhang fiel und enthüllte die im Stil eines Hotels der 1950er Jahre designte Bühne. Über dem Dach des Gebäudes prangte der Schriftzug „Hotel Kalliforniah". Alligatoahs Band trug thematisch passende senfgelbe Bademäntel, modebewusst mit Adiletten gepaart. Sein Background-Rapper, BattleBoi Basti, der von Strobel während der Show auch Liftboy genannt wurde, trat in einer ebenfalls senfgelben Pagenuniform auf. Als Direktor des Hotels war Alligatoah in einen weit geschnittenen Anzug mitsamt Hut gehüllt, der farblich der Kleidung seiner Mitmusiker glich.

Das Herzstück der Bühne war der drehbare, sich passend zu den Themen der Lieder wechselnde Mittelteil. Beispielsweise ähnelte sie für den Song Ein Problem mit Alkohol der Theke einer Bar. Liftboy Basti mimte einen Barkeeper, der sich einen Drink nach dem anderen genehmigte. Da Alkohol der Treibstoff des Motors guter Ideen ist, spielte der Klarinettist der Band seine Flöte nicht mit dem Mund, sondern der Nase. Trotz der unorthodoxen Verwendung des Instrumentes traf er jeden Ton.

Alligatoah spendierte seinem konsumkritischen Titel Wo kann man das kaufen das opulenteste Programm. Die drehbare Bühne erinnerte an einen mit Mikrofonen gespickten Tisch aus Pressekonferenzen. Fiktive Markennamen zierten die Wand im Hintergrund, zum Beispiel „Sinnlosium Akut", das in seinem Lied Doktor spielen erwähnte Allheilmittel. Dort sitzend trällerte er Zeilen wie „Merci, dass es dich gibt" oder stimmte die deutsche Nationalhymne des Grillens, den Bratmaxe-Song, an.

Gekommen, um zu unterhalten

Seit über 13 Jahren schreibt Alligatoah seine Lieder selbst, ist Multiinstrumentalist, ein technisch versierter Rapper und verbesserte, als Spitze des Eisbergs des Talents, seinen Gesang von Album zu Album. Eine seiner größten Qualitäten kommt auf seinen Platten jedoch nicht zum Vorschein: Strobel ist ein geborener Entertainer. Er sprang, rannte und räkelte sich auf der Bühne, ohne eine Note zu verfehlen. Mühelos führte der Rapper mit seinem Charisma und der aus seinen Texten bekannten Wortgewandtheit durch den Abend. Die Gespräche mit den Besucher*innen wirkten herzlich und organisch, als scherze er mit einem alten Freund. Dennoch bewahrte er selbstbewusst eine professionelle Distanz. Er genoss die Wärme des Scheinwerferlichts und die Kooperationsbereitschaft aller Anwesenden.

Alligatoah war und ist ein musikalischer Schauspieler.

Elf der dargebotenen 21 Lieder stammen von Alligatoahs neuester Platte Schlaftabletten, Rotwein V (StRw V). Publikumslieblinge vom 2013er Album Triebwerke, wie Fick ihn doch oder Wer weiß, und seinem Nachfolger Musik ist keine Lösung, wie Lass liegen oder Du bist schön vervollständigten die Setlist. Die Reihenfolge der Tracks sorgte für eine Balance sanfter Melodien, poppiger Refrains und verzerrter Gitarrenriffs.

Alligatoah verzichtet auf die vollständige Darbietung älterer Werke, was sein Repertoire auf drei Alben reduziert. Mehr als Hits und die obligatorische Dominanz der jüngsten Platte brauchten Besucher*innen des Konzertes nicht zu erwarten. Strobel rundete die Zugabe mit dem neuen Nicht wecken, seiner wohl populärsten Single Willst du und – passend zum Namen der Tour – Wie Zuhause ab.

Zeit, loszulassen

Mein innerer Kaliba 69-Fan hoffte, dass ihm Alligatoah der Nostalgie halber während der Führung durchs „Hotel Kalliforniah" ein paar der ältesten Räume zeigen würde. Wohlwissend, dass sie längst modernen, luxuriösen Zimmern weichen mussten. Stattdessen musste ein Verweis auf das gewaltbereite Blumenbeet im Vorgarten reichen.

Das Crossover von Namen machen, einer der populärsten Songs seines Mixtapes Schlaftabletten, Rotwein III aus dem Jahr 2011, und Elvis Presleys In the Ghetto war eine willkommene Überraschung. Die Darbietung hatte neben der Lyrics allerdings wenig Ähnlichkeit mit der Originalfassung. Wahrscheinlich ist es fairer, die Vergangenheit ruhen zu lassen. Alligatoah war und ist ein musikalischer Schauspieler. Hätte er die Rolle des Terroristen nicht längst an den Nagel gehangen, würde er wahrscheinlich noch durch Clubs touren, statt ein Hotel zu führen.

Das Konzert in Köln schloss die „Wie Zuhause"-Tour ab. Eine Empfehlung, für die jetzige Tour Karten zu kaufen, bleibt somit aus. Wer bisher nicht die Chance hatte, Alligatoah live zu sehen, muss bis nächstes Jahr warten. Strobel versicherte dem Publikum, dass er nach der Winterpause seine Liveauftritte nächstes Jahr fortsetzen wird. Konzerte, bei denen abseits der Musik vor allem deren Darbietung für ein von Ohr zu Ohr reichendes Lächeln sorgt, sind selten. Wer auch nur einen Funken Begeisterung für Rap in sich trägt, schuldet sich selbst den Besuch einer Alligatoah-Show.

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