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KULTUR

Frauen sind entweder dumm oder Huren

So vorteilhaft wie die Stadt New York werden Frauen leider nicht inszeniert.
[Foto: pixabay]

28.11.2019 15:42 - Julia Segantini

Wenn man in eine Sneak-Preview geht, weiß man nie, welchen Film man zu sehen bekommt. Wenn man Pech hat, prangen dann in riesigen Lettern die Worte „A film by Woody Allen“ auf der Leinwand. Warum A Rainy Day in New York ein furchtbarer Film und Woody Allen ein furchtbarer Mensch ist. Eine Rezension.  

Der aus wohlhabendem Hause stammende junge Gatsby (Timothée Chalamet) und die 21-jährige angehende Journalistin Ashleigh (Elle Fanning) verbringen ein Wochenende in Manhattan, denn Ashleigh darf für die Campus-Zeitung den berühmten Regisseur Roland Pollard interviewen. Während Gatsby ein romantisches Wochenende in seiner Heimatstadt plant, trifft Ashleigh Pollard. 

Dieser ist von Ashleighs Äußerem und ihrer naiven Art begeistert und lädt sie zu einer Privatvorführung seines neuen Films ein. Allein in der Stadt trifft Gatsby Shannon (Selena Gomez), die jüngere Schwester einer Ex-Flamme. Die beiden haben sofort einen Draht zueinander. Alle Versuche Gatsbys Ashleigh telefonisch zu erreichen scheitern, da sie von Pollard, seinem Autor und einem seiner Star-Schauspieler, die alle sehr von Ashleigh angetan sind, abgelenkt wird. 

Kontroversen um Woody Allen

Die Produktion des Films fiel mit dem Beginn der #MeToo-Bewegung zusammen. Dadurch wurde das öffentliche Interesses an den Anschuldigungen gegen Woody Allen, der in den 90ern seine damals siebenjährige Tochter Dylan Farrow vergewaltigt haben soll, erneut geweckt. Die Anschuldigungen wurden damals aus Mangel an Beweisen fallen gelassen. Seitdem distanzierten sich viele Schauspieler*innen vom Regisseur. 

Die Frauen sind dagegen machtlos, unabhängige Entscheidungen treffen sie kaum.

 

Zwar wurde der Film 2018 fertiggestellt, jedoch stoppte sein Vertrieb Amazon Studios die Veröffentlichung aufgrund der Kontroverse. Während der Film in anderen Ländern und Europa bereits gezeigt wird oder demnächst in die Kinos kommt, ist derzeit fraglich, ob der Film überhaupt in den USA ausgestrahlt wird. In Deutschland erscheint der Film am 5. Dezember.

Frauenbild bei Woody Allen

Schockierend ist aber nicht nur, dass Allen trotz der Anschuldigungen weiterhin gefeiert wird. In Reviews zu seinem neuesten Streifen wird kaum diskutiert, wie er seine weiblichen Charaktere zeichnet. In A Rainy Day in New York ist Ashleigh das typische naive Blondchen: hübsch, dümmlich und leicht zu beeindrucken. In ihrem Job als Journalistin wirkt sie eher wie ein Groupie. Shannon ist scheinbar eine unabhängige Frau mit coolen Sprüchen, aber am Ende aber doch nur auf der Suche nach kitschiger Romantik. Gatsbys Bruder will seine Verlobte Lily nicht heiraten, weil ihre Lache nervig ist. 

Und die anderen Frauen? Da hätten wir noch eine Ehebrecherin, eine Prostituierte und Gatsbys Mutter, jetzt reich und dekadent, früher natürlich was? Eine Prostituierte. Bis zum Schluss wartet man auf den Twist, in der Hoffnung, dass es doch nicht sein kann, dass ein Regisseur so ein offensichtlich hochproblematisches Frauenbild auf die Leinwand bringt. Aber der Twist bleibt aus. 

Die dumme Blondine

Die Lacher gehen fast ausschließlich auf Ashleighs Kosten, denn ständig sagt sie etwas naives oder dümmliches. Den Songtext „In the roaring traffic’s boom/In the silence of my lonely room“ hält sie für ein Shakespeare-Zitat. Voll witzig, wie dumm und ungebildet Frauen sind oder? 

Kombiniert wird das dann noch mit dem Klischee der dummen Blondine

Zwischen Ashleigh und ihren Verehrern (außer Gatsby) gibt es zudem erhebliche Altersunterschiede. Ich spreche keiner Frau, egal wie alt sie ist, ab, in der Lage zu sein, sich ihre Sexualpartner selbst auszusuchen. Darum geht es auch nicht, sondern um Allens Altmänner-Fantasien. In seinem Film Whatever Works heiratet eine naive, blonde 21-Jährige einen alten ehemaligen Professor, um nur eines der vielen Beispiele zu nennen. Wenn er seine Charaktere in A Rainy Day in New York dann noch Sätze sagen lässt wie “What’s so sexy about older men and younger women?” läuft es einem kalt den Rücken herunter, wenn man an die Anschuldigungen denkt. 

Wie vor allem Ashleigh als Charakter gezeichnet wird, ist problematisch, weil wir in einem Patriarchat leben und auch die Männer in A Rainy Day in New York ständig ihre Macht ausspielen. Die Frauen sind dagegen machtlos, unabhängige Entscheidungen treffen sie kaum. Kombiniert wird das dann noch mit dem Klischee der dummen Blondine, die leicht herumzukriegen ist und anderen Klischees, wie der Prostituierten. Was #MeToo bedeutet, ignoriert Woody Allen geflissentlich, obwohl er sich sogar – kein Witz – als Vorreiter der Bewegung sieht, wie er in einem Interview mit dem französischen Sender France24 erklärt. Könnte man fast drüber lachen, wenn es nicht so furchtbar wäre. 

Bildmaterial: lizenzfreies Bild von pixabay

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