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KULTUR

Fernsehen und chillen statt Netflix und Frust

Streaminganbieter machen einem die Programmwahl nicht leicht. [Foto: pixabay]

09.01.2021 13:15 - Özgün Ozan Karabulut

Der gute alte Röhrenfernseher hat längst ausgedient. Streaminganbieter wie Netflix bieten einem ein großes Angebot an Serien und Filmen. Wieso hat für mich das klassische Fernsehen seinen Charme nicht verloren?

Eine Kolumne von Özgün Ozan Karabulut

Man hat es heutzutage selbst in der Hand, welchen Film man gucken möchte. Das Problem hierbei ist für mich die zu große Auswahl. Das Fernsehprogramm ist wie eine reduzierte Speisekarte in einem Restaurant: wenige Gerichte, aus denen man sich leicht etwas Passendes aussuchen kann. Bei Streaminganbietern wie Netflix oder Amazon Prime ist es leider anders. Jedes Mal tritt das Problem der Suchkosten auf: Bis eine interessante Serie oder einen spannenden Film bei dem Überangebot gefunden wird, verstreicht meist viel Zeit.

Selbst wenn kein interessanter Streifen in Sichtweite scheint, wird die Suche nicht aufgegeben. Alternativ suchtet man einfach die neue Staffel der Lieblingsserie. Bei Netflix oder Prime Video fehlt mir die Selbstkontrolle. Wieso nach zwei Folgen von selbst abschalten, wenn mehrere Staffeln zur Verfügung stehen? Ich hasse die Autoplay-Funktion aus tiefstem Herzen. Sie ist symptomatisch für unsere Konsumgesellschaft. Anstatt gemäßigt und bedacht zu gucken, stopfen wir alles Verfügbare in uns rein. Ein Sättigungsgefühl ist nicht vorgesehen. Mir ist bewusst, dass man die Funktion abstellen kann. Aber ich verachte allein schon die Möglichkeit des Binge Watchings. Besser wäre es doch, sich aktiv für sie zu entscheiden. Nach unzähligen Stunden auf Netflix fühle mich wie nach einem Besuch eines All-you-can-eat-Restaurants: viel zu voll. Welche Daten Netflix über mein Sehverhalten mittels Algorithmus sammelt, möchte ich erst gar nicht herausfinden. 

Fernsehen als Anker

Im Gegensatz zum Video on Demand (VoD) verleiht das Fernsehprogramm meinem Tag eine Struktur. Meine Lieblingssendungen stellen eine feste Konstante zwischen Zoom-Calls und Homeoffice dar, auf die ich mich verlassen kann. Wenn die Titelmelodie von „Navy CIS“ ertönt und ich Mark Harmon als Special Agent Gibbs im Vorspann sehe, bin ich bereit für einen weiteren Fall, der gelöst werden muss. Klar sind die Werbeunterbrechungen auch nervig. Sie geben einem jedoch die Möglichkeit, sich kurz vom Bildschirm zu entfernen, Snacks zu holen oder auf Toilette zu gehen.

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Völlig übersättigt [Foto: pixabay]
 

Netflix und Co haben einen entscheidenden Vorteil gegenüber dem Fernsehprogramm: die Kategorisierung nach Genres. Möchte man sich in dunklen Stunden etwas aufheitern, genügt die Eingabe des Stichworts Komödie. Wenn im TV gerade nichts Lustiges läuft, guckt man in die Röhre. Das ewige Warten auf die neuste Folge oder der Film im Free-TV hat sich mit VoD zum großen Teil auch erledigt. Die Flexibilität bringt aber auch ihre Nachteile mit sich. Mit Gleichgesinnten über den neuen Tatort zu diskutieren funktioniert, da man auf dem gleichen Stand ist. Wer bei der aktuellen Lieblingsserie hinterher hinkt, hat das Nachsehen und wird vermutlich mit den Geschehnissen der neusten Folge gespoilert.

Trotz der vielen Vorteile des VoD bleibe ich ein großer TV-Gucker. Gerade das Programm der öffentlich-rechtlichen Sender mit ihren diversen kulturellen Programmen erfreut mich immer wieder aufs neue. Netflix mag zwar aktuelle und wichtige gesellschaftliche Themen aufgreifen, an die Relevanz und Qualität der Programme von Arte und 3sat kommen die Streamingdienstleister jedoch nicht ansatzweise heran. Wo sonst bekommt man die Möglichkeit, Metal Festivals bis hin zu Opern und klassische Konzerte zu gucken, auch als VoD? Dafür zahlt man doch gerne die „GEZ-Zwangsgebühren“.

Die Mattscheibe gibt mir etwas, das in unserer schnelllebigen Internetwelt selten möglich ist: offline sein und einfach mal abschalten. Als interessante und abwechslungsreiche Leckerbissen kann ich den privaten Streamingplattformen durchaus etwas Positives abgewinnen. Meine Vorliebe für das klassische Fernsehen bleibt trotzdem bestehen, auch wenn die Zukunft des linearen Fernsehens ungewiss ist.

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