Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

KULTUR

Ein STOPOVER in die Digitalfotografie

Clara Mühles Werk „Das Ende der Fotografie?” [Foto: Saskia Ziemacki]
02.02.2022 10:50 - Saskia Ziemacki

Das Museum Folkwang hat eine lange und bedeutsame Fotografiegeschichte. Neben einer Ausstellung zu zeitgenössischen Fotograf:innen zeigt das Folkwang jedes Jahr ein „STOPOVER“ – einen Zwischenstopp – von Arbeiten der Masterstudierenden der Folkwang Universität. „Photography Studies and Research“-Studentin Clara Mühle begleitet durch die Ausstellung, die noch bis zum 06. Februar läuft und gibt einen Exkurs in die Geschichte der Digitalfotografie.

Wir schreiben das Jahr 1989. Das Museum Folkwang zeigt eine Ausstellung mit dem Namen „Digitale Fotografie“. Ein Werk der Fotografin Esther Parada, das wie die gesamte Ausstellung ursprünglich aus San Francisco kommt, wird in Essen von der Kuratorin Ute Eskildsen ausgestellt. Dabei handelt es sich um eine Collage aus verschiedenem schon bestehendem Material, das Parada digitalisiert und an einem der ersten Computer für den Heimgebrauch zusammensetzt. „The Monroe doctrine“ heißt die Arbeit und beschäftigt sich mit der Südamerikapolitik der USA. 

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Clara Mühle wird stutzig, als sie davon hört. Denn: 1989 gibt es noch keine digitalen Kameras. Auch der Terminus „Digitale Fotografie“ ist noch nicht verbreitet. Der erste Prototyp einer Digitalkamera wird zwar bereits 1975 von Kodak entwickelt, sie lässt jedoch, genau wie die 1981 von Sony hergestellte „Ur-Digitalkamera“, keine digitale Speicherung von Daten zu. Kamerahersteller wie Canon, Nikon und Fuji bringen in den USA stetig Weiterentwicklungen der Modelle auf den Markt, während das Interesse in Europa eher gering bleibt. 1991 stellt die kalifornische Firma Dycam die erste richtige Digitalkamera vor. Sie kann Bilder direkt auf den Computer übertragen.

Eine technische Innovation

Die Presse in den Vereinigten Staaten ist begeistert. Das Wirtschaftsmagazin Fortune schreibt über die neue Errungenschaft: „Ein Sturm technologischer Innovationen und neuer Produkte sammelt sich über der Welt der Fotografie an, der viel von dem wegblasen wird, was bis heute altbekannt ist. Filme, Chemikalien und Dunkelkammer werden ersetzt werden durch eine Technologie, die blendend und altbacken zugleich ist: den Computer.“ Der „Personal Computer“ zieht in den 1980ern langsam in die Haushalte ein. Erst zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist er in beruflichen und privaten Bereichen allgegenwärtig. 

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Der Ausstellungsraum im Untergeschoss des Museums [Foto: Saskia Ziemacki]
 

1994 gilt als das Startjahr der Digitalfotografie in Deutschland. Eingesetzt wird die Kamera jedoch hauptsächlich zu Werbezwecken, da die ersten Modelle mit einem Preis von rund 2000 DM nicht für Otto-Normalverbraucher:innen zugänglich sind. Selbst fünf Jahre nach der Ausstellung „Digitale Fotografie“ ist die Digitalkamera also noch nicht überall angekommen. „Mit Ute Eskildsen hatte das Museum Folkwang eine sehr engagierte und nach vorn gewandte Kuratorin für Fotografie. Sie hat früh den Wert des Fotografischen für die künstlerische Betrachtung erkannt und immer versucht, Fragen am Zahn der Zeit zu stellen“, erklärt Clara.

Der Tod der Fotografie

In der Ausstellung damals hat man nicht nur angefangen, erste digitale Fotografien oder was man als solche betiteln kann, zu zeigen, sondern hat versucht, darüber nachzudenken, was mit dem Medium der Fotografie passiert. „Es war eine starke Umbruchsituation. Wenn wir über digitale Fotografie nachdenken, würden wir an etwas anderes denken als an das, was Esther Parada gemacht hat“, so Clara. 

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[Foto: Saskia Ziemacki]
 

Heutzutage bestreiten wir einen Großteil unserer Kommunikation mit digitalen Bildern. Als die Fotografie sich 1989 zu verändern begann, verbreitet sich jedoch eine starke Technik-Skepsis. Es gibt einige theoretische Auseinandersetzungen zur Fotografie, die dort einen Bruch erkennen. Der Fototheoretiker William J. Mitchell ruft den Tod der Fotografie aus: „From the moment of its sesquicentennial in 1989 photography was dead - or more precisely, radically and permanently displaced - as was painting 150 years before." Der Fotografie soll das gleiche Schicksal ereilt sein, wie der Malerei zuvor durch die Fotografie. Schuld sei dabei die „Digitalisierung und der allmächtige Computer“.

Clara nimmt dieses Postulat zum Aufhänger ihrer Arbeit in der Ausstellung STOPOVER: „William Mitchell sagt, dass die Fotografie durch die Digitalisierung jeden Bezug zur Realität und zur Wahrheit verloren hätte.“ In ihrem Werk bespricht sie, welche Rolle Fotografie aktuell in unserem Leben spielt. Die Masterstudentin präsentiert kein praktisches Werk, sondern eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der 1989 präsentierten Ausstellung. Denn dieses Jahr stellen im Untergeschoss des Museum Folkwang zwei verschiedene Masterprogramme aus: Photography Studies and Practice sowie Photography Studies and Research. Die beiden Tandemmaster studieren Hand in Hand, aber mit unterschiedlichen Zielsetzungen. So kommt es zu dem Untertitel der Ausstellung: Fotografische Begegnungen

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Künstlerische und theoretische Arbeiten kommen zusammen. [Foto: Saskia Ziemacki]
 

„In diesem Jahr haben wir die Ausstellung etwas aufgebrochen“, sagt Clara. Es gibt sowohl künstlerische Arbeiten, die sich mit Themen wie Identität, amerikanischer Geschichtsschreibung oder dem Medium selbst auseinandersetzen, als auch fototheoretische Arbeiten, die sich mit der Kolonialgeschichte, der Kollektivität oder den Ursprüngen der Digitalisierung befassen. Alle theoretischen Positionen beschäftigen sich mit der Ausstellungsgeschichte des Museums, das als eines von wenigen Museen schon sehr früh angefangen hat, Fotografien auszustellen. Dabei geht es weniger darum, die Fotogeschichtsschreibung linear zu erzählen.„Wir haben interessengeleitet einzelne Punkte herausgesucht und dazu geforscht“, erklärt Clara. Die Studentin arbeitet schon länger an größeren Diskursfragen in der Fotografie. Ute Eskildsens Ausstellung 1989 hat sofort ihr Interesse geweckt: „Ich schaue zurück, wie damals nach vorne geschaut wurde.“
 

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