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KULTUR

Ein Porno(-Drama) im Kino

Der Kinosaal im 50er-Jahre Stil des Astra Theaters. [Foto: Saskia Ziemacki]

21.01.2022 10:43 - Saskia Ziemacki

Das Programmkino Astra Theater in der Essener Innenstadt versetzt einen mit seinem 50er-Jahre Flair zurück in die Vergangenheit und zeigt Filme außerhalb des Mainstreams. Dabei handelt es sich nicht immer um Klassiker der Filmgeschichte, sondern um brandaktuelle, anspruchsvolle Filme, die meist auf dem Cannes oder Sundance Film Festival gezeigt werden. So unter anderem das Spielfilmdebüt Pleasure der schwedischen Regisseurin Ninja Thyberg. Es erzählt die Geschichte einer jungen Schwedin, die nach Amerika reist, um ein Pornostar zu werden.

Ich sitze mit meiner Freundin fast allein im großen Kinosaal des Astra Theaters auf seinen pastellblauen Sesseln. Nur vereinzelnd kommen ein paar Männer vor Filmbeginn herein, die sich in großem Abstand zu uns setzen. Wir wissen nicht, was uns erwartet. Das Einzige, was wir über den Film Pleasure wissen, ist, dass er einen Einblick in das unbarmherzige Business der US-Porno-Industrie geben soll – und zwar aus weiblicher Sicht. Wie schonungslos und realistisch die Branche dargestellt wird, erfahren wir bereits in den ersten Minuten. 

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Die Protagonistin Bella Cherry – so ihr selbstgewählter Künstlername – kommt aus einer Kleinstadt in Schweden nach Los Angeles. Ihr Reisegrund, wie sie am Flughafen in den USA angibt: „Pleasure“ und nicht Business. Sex mache ihr einfach Spaß, gibt Bella Cherry immer wieder als einzigen Beweggrund an. Wir hätten gerne mehr darüber erfahren, was sie antreibt, doch Zahlen bei meiner Recherche sprechen Bände: Pornodarstellerinnen können millionenschwer werden. Der bestverdienendste Pornostar ist derzeit Tera Patrick mit einem geschätzten Vermögen von 17 Millionen Dollar. Alle 39 Minuten wird in Amerika ein neuer Porno gedreht. Damit stammen die meisten Pornoproduktionen aus den USA und erwirtschaften dort einen größeren Umsatz als Hollywood-Filme.

Dass das Business einer milliardenschweren Industrie im Vordergrund steht, merkt man auch im Film Pleasure schnell. Bella Cherry kommt an einem Porno-Set an und muss eine Einverständniserklärung über ihr Gehalt und die Aktionen beim Dreh in einem Video abgeben. Es ist ihr erster Film und sie ist kurz davor, einen Rückzieher zu machen, nachdem ihr Co-Star nackt vor ihr steht. „Keinen Druck, du kannst jederzeit abbrechen, aber Lampenfieber ist ganz normal“, heißt es vom Produzenten. Bella Cherry zieht den Dreh durch und wir können ganz unverblümt dabei zuschauen. Ein Geschlechtsteil hier, ein Bein da, ein Schlafzimmerblick in die Kamera und der Produzent steht Seite an Seite mit dem Paar, das gerade Sex hat. Erotisch ist dabei nichts. Es fühlt sich eher befremdlich an, diese Anleitung zu „gutaussehendem“ Sex mit fremden Menschen im Kino zu schauen.

So Hardcore ist die Branche

Bella Cherry hat Blut geleckt. Sie will hoch hinaus und eine der Top Darstellerinnen der Branche werden. Dass das nicht ohne weiteres geht, erfährt sie bei den nächsten Castings. „Wenn du was erreichen willst, musst du alles machen. Du darfst keine Grenzen haben“, flößen ihr Manager und Produzenten ein. Sie entscheidet sich für die Hardcore-Szene, um aus der Masse herauszustechen. Schon bald mündet das in einem Dreh, der außer Kontrolle gerät. Bella Cherry spricht bei ihrem Manager von Vergewaltigung. Ein Wort, das in der Branche zu einem Karriereaus führen kann. „Du hast allem eingewilligt“, entgegnet der Manager ihr. Der Druck, unter den sie gesetzt wurde, spielt dabei keine Rolle.

Die grellen und bunten Farben der Outfits und Partys stehen einer knallharten, düsteren Realität gegenüber. Begegnen wir anfangs noch Themen wie Freundschaft, Karriere und Selbstbestimmung, scheinen diese Stück für Stück wegzubrechen. Bella Cherry muss ihre Karriere über ihre neu gewonnenen Freundschaften stellen, muss alles tun, was ihr neuer Manager ihr sagt und wird zur Marionette im Business. Trotzdem bleiben wir gebannt an ihrer Seite. Wir lachen mit ihr, fühlen uns mit ihr gedemütigt, aber bewundern ihre Stärke.

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Filmkunsttheater zeigen Filme außerhalb des Mainstreams. [Foto: Saskia Ziemacki]
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Die Regisseurin Ninja Thyberg stellt die Ausbeutung und die männliche Dominanz der Industrie fast dokumentarisch dar. Mit sechzehn Jahren ist Thyberg Anti-Porno-Aktivistin. Bevor sie eine Filmausbildung macht, studiert sie Geschlechterforschung. Seit 2009 hat sie mehrere Kurzfilme gedreht, die alle das gleiche Thema behandeln: Sexualität mit dem Blick auf eine soziale Thematik. Für den Film Pleasure arbeitet sie fast ausschließlich mit echten Akteur:innen der Branche zusammen: vom Agenten Mark Spiegler bis zur Regisseurin Aiden Starr. Gedreht wird teilweise an echten Pornosets. Nur Hauptdarstellerin Sofia Kappel (Bella Cherry) ist Schauspielerin. „Viele von ihnen teilen dieselben Werte wie ich und wollen, dass die Branche sich wirklich ändert. Andere haben einfach nur mitgemacht, weil es ein Job ist“, gibt Thyberg in einem Interview an.

Durch den authentischen Einblick wird das Business von Thyberg weder komplett verurteilt, noch verherrlicht. Wir sind weniger entsetzt von Bella Cherrys Handlungen als von den Bedingungen, unter denen sie arbeitet. „Die Pornoindustrie ist ein Spiegel der Gesellschaft“, so Thyberg in einem Interview, „und weil die Industrie von Männern dominiert wird, ist das Produkt eben das Resultat einer misogynen Kultur.“ Leicht beschämt und mit viel Redebedarf husche ich mit meiner Freundin aus dem Kinosaal, um nicht Seite an Seite mit den anderen Zuschauern in die Realität treten zu müssen.

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Am Ende des Films gibt es kostenlose Kondome. [Foto: Saskia Ziemacki]

 

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