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KULTUR

„Drinnies“, der Podcast für Introvertierte

Giulia Becker und Chris Sommer sind die „Drinnies“. [Foto: Julian Lausen]
15.05.2021 09:59 - Canberk Köktürk

Der für den diesjährigen deutschen Podcastpreis nominierte „Drinnies“ spricht introvertierte Menschen an. Die beiden Autor:innen Giulia Becker und Chris Sommer reden nicht nur über die Schwierigkeiten des Introvertiertseins, sondern auch über aktuelle Ereignisse, Vormittagsfernsehen und alltägliche Tipps, die einem das Leben leichter machen. Dabei fließt auch die ein oder andere Lachträne. Im Interview mit der akduell sprechen sie über den Podcast und geben introvertierten Studierenden Tipps, wie sie Videocalls überstehen können.

ak[due]ll: Euer Podcast „Drinnies“ ist im Dezember 2020 mitten in der Pandemie erschienen. Wollt ihr uns einen kleinen Einblick in den kreativen Prozess geben, wie ihr auf die Idee und Thematik gekommen seid?

Chris Sommer: Die Idee, gemeinsam einen Podcast zu machen, hat schon länger geköchelt. Wir leben zusammen, machen beide Comedy und arbeiten auch schon bei verschiedenen Projekten zusammen. Ideale Voraussetzungen also. Nur ob das überhaupt jemand hören will, da waren wir dann doch zu unsicher.

Giulia Becker: Aber dann ging die Pandemie los. Wir verbringen seitdem noch mehr Zeit zuhause und viele Leute sehnen sich mehr denn je nach Ablenkung und einem Wohlfühlort in schwierigen Zeiten. Wir haben uns also zwei Podcast-Mikrofone auf den Dachboden gestellt und einfach mal ausprobiert. Dass das tatsächlich so viele Leute gerne hören wollen, hätten wir niemals gedacht.

ak[due]ll: Wie äußert sich eure Introvertiertheit?

Becker: Ich empfinde soziale Kontakte, vor allem spontane, oft als sehr anstrengend. Während andere aus ihnen Kraft schöpfen, brauche ich danach erstmal Zeit alleine, um mich zu regenerieren.

Sommer: Mir geht es ähnlich. In der neoliberalen Leistungsgesellschaft, in der wir leben, wird einem suggeriert, dass etwas nicht mit einem stimmt, wenn man nach der Arbeit nicht gern mit Kolleg:innen mit einem Bier in der Hand netzwerkt. Aber ich habe inzwischen verstanden, dass das nicht unbedingt was Schlechtes ist. Es völlig ok ist, abzusagen. 

ak[due]ll: Gibt es einen markanten Moment in eurer Erinnerung, in der ihr selbst gemerkt habt, dass ihr introvertiert seid?

Becker: Schon früh beim Telefonieren mit fremden Personen. Mit Freund:innen kein Problem. Mit Fremden: Totstellen, warten bis es aufhört zu klingeln, im besten Fall gleich wieder verdrängen. Wenn es wichtig war, wird sich die Person schon schriftlich melden.

Sommer: Ich habe das auch schon früh gemerkt, wenn ich in der Schulzeit am Wochenende nicht mit feiern gegangen bin oder in Gruppen rumstand wie bestellt und nicht abgeholt, weil ich nicht wusste, was ich sagen oder wie ich mich verhalten soll. Smalltalk ist die Hölle.

ak[due]ll: Ihr gebt regelmäßig Introvert-Tipps in eurem Podcast. Zum Beispiel hat der „Gemüse ans Ende vom Einkaufsband“- Tipp mein Leben verändert. Was ist euer Lieblingstipp?

Sommer: Mein Lieblingstipp ist, dass einige Krankenkassen einen Terminservice für Fachärzt:innen anbieten. Wenn man es also nicht schafft, sich durch Praxen zu telefonieren, kann man einfach die Krankenkasse online damit beauftragen, einen Termin für einen zu machen.

Becker: Ich liebe den „Gemüse ans Ende vom Einkaufsband“-Tipp auch am meisten. Er ist leicht anwendbar und sehr wirksam. Man gewinnt dadurch wertvolle Einpack-Sekunden.

ak[due]ll: Die Pandemie hat die Situation für introvertierte Menschen sicher nicht vereinfacht. Gibt es Dinge im Pandemie-Alltag, die euch mit dem Umgang der neuen sozialen Situationen helfen?

Becker: Es mag zynisch klingen, aber für uns ist die Situation gerade tatsächlich in vielerlei Hinsicht sehr gut machbar. Es ist ein bisschen so, als hätten wir unser Leben lang dafür geprobt. Viele Meetings finden online statt, mehr Homeoffice, Treffen, auf die man nur so halb Bock hat, fallen ganz weg. Und die Menschen nehmen im öffentlichen Raum einen gesunden Abstand voneinander. Das sind alles erstmal Sachen, die wir auch sonst begrüßen würden. Man muss aber dazu sagen, dass wir sehr privilegiert sind, weil wir ausschließlich von zuhause arbeiten können. Wir verstehen alle, denen es damit richtig beschissen geht.

Sommer: Manche Sachen im Alltag sind aber auch nochmal schlimmer geworden. Zum Beispiel, wenn ich gezwungen werde, jemanden anzusprechen, der mir zu nahe kommt oder seine Maske nicht auf hat. Das widerstrebt mir eigentlich total, aber ich hab schon irgendwie Bock noch ein bisschen länger zu leben. Da muss man dann als Drinnie über seinen Schatten springen.

ak[due]ll: Viele Studierende sind jetzt in ihrem dritten Digitalen Semester. Ständige Video-Calls in Seminaren gehören zu ihrem Alltag. Habt ihr spezielle Tipps für Video-Calls?

Sommer: Wir begrüßen es sehr, wenn uns freigestellt wird, ob wir die Kamera in Meetings an haben oder nicht. Jede:r sollte das selbst entscheiden dürfen. Ansonsten: Heizdecke und bequeme Klamotten! Ich empfehle auch die Zoommütze, also eine Mütze, die immer und ausschließlich neben dem Laptop griffbereit liegt und für mich da ist, falls ich mich vor der Kamera mit meiner Frisur super unwohl fühle. Dann schnell Mütze über und gut ist.

Becker: Seht es auch ein bisschen als Chance: Wann hattet ihr jemals in euren Seminaren die Chance, heimlich ein Fußbad unterm Tisch zu nehmen?

Sommer: Aber im Ernst: Haltet durch, lasst auch mal Fünfe gerade sein. Die Zeiten sind emotional und für uns alle gerade sehr fordernd, Leistungsdruck ist das letzte, was wir jetzt gebrauchen können.

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