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KULTUR

„Die NFL ist die politischste Sportliga der Welt“

Christoph „Icke“ Dommisch ist das Gesicht von ranNFL. [Foto: © ProSieben / Marc Rehbeck]

02.09.2021 15:59 - Canberk Köktürk

Christoph „Icke“ Dommisch ist Sportjournalist und Moderator unter anderem bei ranNFL. Durch seine Arbeit ist American Football mittlerweile nicht nur ein Hype, sondern fester Bestandteil der deutschen Sportkultur. Wir haben mit ihm über seine Faszination für die National Football League (NFL), die Entwicklung von American Football in Europa und seine Prognose für die nächste Saison gesprochen.

ak[due]ll: Was begeistert dich an American Football?

Christoph „Icke“ Dommisch: Da gibt es zwei Ebenen. Die erste ist die Fan-Ebene. Ich bin ein Dorfkind aus Königs Wusterhausen. Als die Mauer fiel, wollten wir natürlich die westliche Welt kennenlernen. Und da kam, im Alter von sechs oder sieben, der US-Sport. In meinem Umfeld gab es Wrestling-Fans, Basketball-Fans und junge Leute, die mit College-Jacken rumgelaufen sind. Dadurch habe ich diesen Kultur-Input bekommen. Mit Basketball ging es los, ich war erst Fan von Michael Jordan und dann von Dirk Nowitzki. In der Saison 2001 habe ich meinen ersten Super Bowl gesehen. Damals gab es den US-deutschen Offensive-Liner Tom Nütten bei den St. Louis Rams. Zu diesem Zeitpunkt wurde mehr mit der „Deutsche“-Brille übertragen, weswegen ich mir als Jugendlicher gedacht habe: „Da ist ein Deutscher, das schau ich mir jetzt an!“. Weil Tom Nütten aber als Offensive-Liner den Quarterback vor der gegnerischen Verteidigung schützen muss, hat er nicht den Ball bekommen, weswegen man seine Aktionen als neuer Zuschauer kaum verstanden hat. Trotzdem hat mich das gecatcht. Irgendwann habe ich mich immer mehr mit der Sportart beschäftigt.

ak[due]ll: Was ist die zweite Ebene?

Dommisch: Unsere Generation interessiert sich für politische Zusammenhänge, also den Zeitgeist. Und die NFL ist, auch weil sie die umsatzstärkste Profisport-Liga der Welt ist, vielleicht die politischste Sportliga der Welt. Man versteht durch die NFL jegliche Facetten der amerikanischen Gesellschaft, somit aber auch die der westlichen Gesellschaft.

ak[due]ll: Die Proteste der BPoC-Spieler gegen den strukturellen Rassismus in den letzten Jahren  kann man als Beispiel nennen. Aktuell hat sich Defense Spieler Carl Nassib der Las Vegas Raiders, wahrscheinlich als erster männlicher aktiver Profisportler weltweit, öffentlich als homosexuell geoutet.

Dommisch: Im weiblichen US-Sport ist bereits viel passiert. Sowohl in der Genderdiversität als auch in der Diversität der sexuellen Orientierung. Der männliche Sport ist die letzte Bastion der Homophobie. Das geht einher mit dem Männlichkeitsbild. Man muss dazu sagen, dass Carl Nassib nur ein Raider sein konnte. Die Raiders hatten mit Amy Trask als erste eine weibliche CEO in der Geschichte der NFL. Tom Flores wurde 1979 der erste lateinamerikanische Head Coach der Liga. 1989 wurde Art Shell bei den Raiders der erste BPoC Head Coach. Die Raiders waren immer sehr progressiv bei solchen Entscheidungen. Er hat das sicher vorher mit dem Franchise und der NFL abgesprochen.

ak[due]ll: In Deutschland und Europa findet die Sportart eben nur über die NFL statt. Im Breitensport wird hier kaum Football gespielt. Siehst du Potenzial dafür, dass American Football wie Fußball oder Basketball gespielt wird?

Dommisch: Die NFL will Flag Football (A.d.R.: American Football ohne Körperkontakt) in Europa und gerade in Deutschland ausbauen. Da wird es höchstwahrscheinlich einige Leistungsstandorte geben, an denen versucht wird, junge Leute an den Platz zu führen. Flag Football ist eine feine Sache, weil die Härte im ursprünglichen Football die Gesundheit sehr beansprucht. Es ist noch in den Kinderschuhen, aber ich könnte mir vorstellen, dass das funktioniert. Durch die neu gegründete European League of Football (ELF), die mein Kollege Patrick Esume aufgebaut hat, gibt es eine regionale, professionelle Ebene, die auch im Fernsehen sichtbar ist. Die German Football League, muss man leider sagen, hat es nicht geschafft, die Sportart in die breite Öffentlichkeit zu bringen. Ich glaube, das ist wichtig, um eine Sportart zu etablieren. Für die Leute muss ein Team in einem Dorf oder in der Stadt greifbar sein. Die ELF ist ein guter Schritt, damit sich auch Flag Football in den nächsten Jahren in Deutschland entwickelt. Ich versuche da mit der NFL in Kontakt zu bleiben, weil ich sehe, wie Football eine Chance für junge Menschen ist. Bei dieser Sportart musst du nicht unbedingt der Superathlet sein. Es gibt schnelle, große, kleine, starke, schlanke Spieler, die alle eine Rolle im Team haben. Und es kommen Leute zusammen, die vielleicht nie miteinander gesprochen hätten.

Football 2.jpgDas AT&T Stadium ist das Zuhause der Dallas Cowboys.  [Foto: pixabay]

ak[due]ll: Solange sich die ELF entwickelt, schauen wir weiter gespannt der NFL zu. Tom Brady hat letzte Saison mit seinem Wechsel die große Frage gestellt: „Kann er auch ohne seinen langjährigen Trainer Bill Belichick den Super Bowl gewinnen?“ Die Antwort: Ja! Gibt es eine Headline für die kommende Saison?

Dommisch: Free for all! Jeder kann gewinnen. Ich glaube, dass Tom Brady mit 44 Jahren bei dieser Härte, und da lege ich mich fest, nicht mehr im Super Bowl spielen wird. Patrick Mahomes ist der Tom Brady seiner Generation und will sie dementsprechend genauso prägen. Trotzdem ist American Football ein Teamsport, weswegen er mit den Kansas City Chiefs nicht jedes Jahr im Finale stehen wird. Deswegen glaube ich, dass es eine große Überraschung geben wird. Ich würde es dem Washington Football Team gönnen. Sie haben vielleicht mit Ryan Fitzpatrick einen der interessantesten Quarterbacks der NFL. Mit 38 Jahren war er bereits bei so vielen Teams und blieb trotz guter Leistungen nicht lange bei einer Mannschaft , weil diese auf jüngere Quarterbacks gesetzt haben. Zusätzlich ist in Washington viel passiert. Die Namensänderung durch öffentlichen Druck von der rassistischen Bezeichnung Washington Red Skins zu Washington Football Team allen voran. Sonst gibt es noch einige Geschichten. Starqarterbacks Russell Wilson von den Seattle Seahawks sowie Aaron Rodgers von den Green Bay Packers wollten ihre Teams im Sommer eigentlich verlassen und starten nun mit ihnen in die nächsten Saison. Deshaun Watson werfen 23 Frauen sexuellen Missbrauch vor und ich glaube nicht, dass das einfach so verschwinden wird, sobald die Saison beginnt. Michael Vick war 2007 wegen illegaler Hundekämpfe im Gefängnis und man dachte vorher, er wird der nächste Superstar der NFL. Das ist für Watson nicht unmöglich.

ak[due]ll: Gönnst du es ihnen nur oder siehst du das Washington Football Team als ernsthafte Contender für den Super Bowl? Und welche Teams noch?

Dommisch: Washington hat eine super Defense und ich glaube, die Kombination mit Ryan Fitzpatrick könnte sie sehr weit bringen. Ansonsten sind es die üblichen Verdächtigen. Mit den Green Bay Packers um Aaron Rodgers muss man immer rechnen und wie schon gesagt, Patrick Mahomes ist der beste Spieler des Planeten, weswegen die Kansas City Chiefs, mit Travis Kelce, der beste Tight End der Liga, oder Wide Receiver Tyreek Hill immer um die Meisterschaft spielen werden. Aber dadurch, dass Legenden wie Drew Brees in New Orleans aufgehört haben und Ben Roethlisberger in Pittsburgh auch in die Jahre gekommen ist, wird es eine sehr offene Saison. Das ist die Magie der NFL. Irgendwann kommt der Zeitpunkt, in dem neue Teams für fünf bis sechs Jahre um den Super Bowl mitspielen. Dieses Jahr wird es ein Team sein, das wir alle nicht auf dem Schirm haben.

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