Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

Drafts

Der schöne Schein vom Unsichtbaren

10.06.2018 19:47 - Maren Wenzel


Rezension von Maren Wenzel

„‚Ich hatte eine Herztransplantation.’ – ‚Wann?’ – ‚Vor einem Jahr.’ – ‚Oh.’ Ich wartete, bis er die üblichen Fragen stellen würde: Warum brauchtest du die OP, bist du jetzt ok, was ist mit dem*der Spender*in? ‚Du hast tolle Brüste’, sagte er stattdessen.“ (S. 25) Die Geschichte stammt aus einem Essay von Adina Talve-Goodman, zitiert wird sie von Journalistin Michele Lent Hirsch in ihrem vor kurzem erschienenen Sachbuch. Ein vermeintlich leichter Einstieg für ein schweres Thema: Schwere Erkrankungen und Behinderungen von jungen Frauen*.
Es ist nämlich nur eine von vielen Dating-Geschichten im ersten Kapitel rund um Liebe in Lent Hirsch’ Buch Invisible: How Young Women with Serious Health Issues Navigate Work, Relationships, and the Pressure to Seem Just Fine. Und für diese Erfahrungen gibt es bis jetzt kaum Aufmerksamkeit. Lent Hirschs Veröffentlichung ist sozusagen ein Underdog in der Sachbuchecke.
Dabei liefert die Autorin in sechs Kapiteln Fakten und Argumente, warum das Gegenteil der Fall sein sollte. „Wie das NIH (Anm. der Autorin: Das US-amerikanische Nationale Institut für Allergien und Infektiöse Krankheiten) berichtet, treten Autoimmunerkrankungen (...) fast zu 80 Prozent bei Frauen auf.“ (S.116) Trotzdem gebe es kaum geschlechterbasierte Forschung, Selbsthilfegruppen und Angebote für marginalisierte Gruppen wie Frauen, schwarze Frauen und Transfrauen, so Lent Hirsch.

Die Autorin ist selbst eine dieser jungen Frauen. Die gebürtige New Yorker Journalistin hatte gleich mehrere Erkrankungen in ihren Zwanzigern. Eine Hüftoperation, Schilddrüsenkrebs, Lyme-Borreliose sowie Mastozytose, die sie „durch mehrere anaphylaktische Schocks beinahe tötete“. Lent Hirsch weiß, wovon sie schreibt und große Teile des Buches sind autobiographisch. Aber die Autorin reicht auch das Mikrofon weiter und lässt andere Betroffene zu Wort kommen.
Darin liegt die Stärke von Invisible – in den Geschichten, die sich ähneln und so strukturelle Probleme zeigen. Wenn etwa mehrere Frauen* erzählen, dass ihren Symptombeschreibungen bei Ärzt*innen wegen ihres Geschlechts oder Alters kein Glauben geschenkt wurde und sie beinahe gestorben wären. Wenn sich die Berichte über Partner, die ihre Frauen* verlassen, wenn sie krank werden, häufen. Oder wenn Probleme am Arbeitsplatz geschildert werden.
 
Mal witzig, mal ernst, mal aufrüttelnd – Invisible handelt von unsichtbaren und sichtbaren Erkrankungen. Davon, wie Frauen* ihre Lebensrealität selbst noch unsichtbarer machen. Wie sie ihre Erkrankungen verstecken, um in einer Leistungsgesellschaft keine Nachteile erfahren zu müssen. Und wie es ist, von jungen Menschen als krank und von alten Menschen als zu jung für eine Erkrankung gesehen zu werden. Hirsch legt damit ein überfälliges und vielschichtiges Gruppen-Portrait vor, das einen bislang oft privaten Diskurs öffentlich sichtbar und so politisch wirksam macht.

Es bleibt aber ein US-amerikanisches Buch, das sich mit dem dortigen Gesundheitssystem und Arbeitswelt auseinandersetzt und das an Stellen auch nur oberflächlich. Ein solches Buch sollte aber in jedem Land geschrieben werden. Sexismus ist leider immer noch international und Baustellen gibt es genug.
 

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