Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

KULTUR

Das Privileg der Selbstbestimmung

(Foto: Lisa Griesmann)
12.11.2018 12:44 - Gastautor*in

In #Female Pleasure gehen fünf Frauen ihren Weg in die Öffentlichkeit, um über Aufklärung und Selbstbestimmung zu sprechen. Denn der Film zeigt auch im Jahr 2018 erschreckend deutlich: Selbstbestimmte weibliche Sexualität ist weltweit keine Selbstverständlichkeit. Darum kämpfen Frauen für sexuelle Befreiung. Zum Kinostart am vergangenen Donnerstag, 8. November, zeigte das Filmstudio Glückauf den Film in Anwesenheit der Schweizer Regisseurin.
 
Deborah Feldman streicht ihrem Sohn über den Kopf. Ihr Blick richtet sich über das Wasser, hin zur New Yorker Skyline. New York ist ihre Heimat, dennoch blieb die Stadt ihr lange unbekannt. Abgeschottet lebte sie lange in einer ultraorthodoxen jüdischen Familie im Stadtteil Williamsburg. Ihre Familie gehört den Satmarer an, einer der verschlossensten chassidisch-jüdischen Gruppierungen in Nordamerika. Mit 17 Jahren wurde sie mit einem Mann verheiratet, den sie zuvor noch nie gesehen hatte. Als sie beschließt aus der Gemeinde zu fliehen, nimmt sie ihren Sohn mit. Als erste ausgestoßene Frau der Gemeinde gelingt es ihr, das Sorgerecht für ihr Kind zu behalten. 

Deborah Feldman ist eine von fünf Frauen, die im Dokumentarfilm #Female Pleasure begleitet wird. Die Schweizer Regisseurin Barbara Miller bildet die Geschichten von Frauen ab, die aus unterschiedlichsten Kulturen kommen und sich für die Rechte der Frauen einsetzen. Es ist nicht das erste Mal, dass die Regisseurin in ihrer Arbeit feministische Themen dokumentiert. Auch ihr erster Dokumentarfilm Forbidden Voices begleitete mutige Bloggerinnen im Kampf gegen diktatorische Regimes.
 

„Du verlierst nicht nur deinen Körper, du verlierst Vertrauen“

 
„Häusliche Gewalt ist Körperverletzung, Kinderehen sind legalisierte Pädophilie, Beschneidung ist Menschenrechtsverletzung“, sagt Leyla Hussein, die als Kind einer strenggläubigen muslimischen Familie genital verstümmelt wurde. Leyla Hussein verliert an diesem Tag nicht nur ihren Körper, sondern auch das Vertrauen in die Menschen in ihrer engsten Umgebung. Geboren ist sie in Somalia, nun lebt sie seit mehreren Jahren in London. Als Vertreterin der Organisation „The Girl Generation“ setzt sie sich global gegen die Beschneidung von Mädchen ein und spricht regelmäßig vor der UNO und dem britischen Parlament. Es macht fassungslos zu erfahren, dass Leyla Hussein auch in einer westlichen Millionenmetropole nur unter Polizeischutz leben kann. 

Im Norden Indiens sieht die Situation für Vithika Yadav nicht besser aus. Ohne Polizeischutz gerät sie immer wieder in brenzlige Situationen, auch während der Dreharbeiten. Einschüchterungsversuche und sexuelle Belästigung von Frauen sind in Indien alltäglich, sagt sie. Für Vithika Yadav musste sich etwas ändern. In einem Land zu leben, in dem es legal ist, Frauen in der Öffentlichkeit sexuell zu belästigen, machte sie wütend. Sie gründete die Plattform „Love Matters“ und kämpft gegen den Mangel an Aufklärung. Dabei ermutigt sie Frauen und Männer, sich mit dem Konzept der Liebesheirat auseinanderzusetzen. Online behandelt die Plattform Artikel wie „Von einem Kuss zu einem Baby: Was mir Bollywood über Sex beigebracht hat“, oder hilft Frauen, aus gewalttätigen Beziehungen zu entkommen. 


 „In der Welt, in der ich als Frau gelebt habe, war ich eine Gefahr“


Während viele Übergriffe in Indien in der Öffentlichkeit geschehen, hat Doris Wagner dies im Verborgenen als Nonne erlebt. Sie ging an die Öffentlichkeit, als weder die Justiz noch der Vatikan gegen den Pater, der sie jahrelang vergewaltigt hatte, etwas unternahm. Aufgewachsen in Bayern in einer strenggläubigen katholischen Familie, ging sie mit 19 Jahren in das Ordenshaus „Das Werk“. Doris Wagner spricht über die „Entkernung“ ihrer Persönlichkeit durch den Orden und den Verlust ihrer Identität als Frau. Nach ihrem Austritt findet sie neue Perspektiven für sich und engagiert sich für Missbrauchsopfer der katholischen Kirche. 

Nach der Filmvorführung erklärt Regisseurin Barbara Miller, dass sie um eine Stellungnahme von Papst Franziskus gebeten hatte. Fünf Tage vor dem offiziellen Kinostart kam die knappe Antwort: „Danke für Ihr Schreiben. Der Papst hat von Ihrem Schreiben Kenntnis genommen. Beten Sie für den Papst.“ 

Trotz der ernsten Thematik lässt der Film an verschiedenen Stellen schmunzeln, sogar lachen. Dafür sorgt vor allem die japanische Künstlerin Rokudenashiko, die 2014 verhaftet wurde, weil sie einen 3D-Abdruck ihrer Vulva anfertigte. Der richterliche Beschluss: Ihre Kunst ist nach japanischem Gesetz sittenwidrig. Und das in einem Land, wo beim Fruchtbarkeitsfest Kanamara-Matsuri tausende Menschen Phallusse auf riesigen Holzemporen durch die Straßen tragen.

Was also ist das Besondere an #Female Pleasure? Der Film zeigt neue, eindrucksvolle Wege zur Selbstbestimmung auf. Alle Frauen entwerfen auf ihre eigene Art neue Perspektiven, mit weiblicher Sexualität umzugehen. Bei einer Vorführung des Films haben sich die Protagonistinnen inzwischen kennengelernt. Regelmäßig tauschen sie sich in einer gemeinsamen WhatsApp-Gruppe aus. Barbara Miller bildet ungeschönt die Realität ab, ohne die fünf Protagonistinnen in die Opferrolle zu drängen. Sie sind Frauen, die zu Hoffnung und Veränderung aufrufen und vor allem auch umsetzen. Dabei bleibt die Regisseurin selbst im Hintergrund, lässt die Geschichten für sich sprechen. Vorgefertigten Antworten gibt es nicht.

Kampf dem Schlaf

Sich ins Bett legen, gemütlich die Augen schließen und am nächsten Tag ausgeruht aufwachen. Klingt leichter, als es in der Praxis ist.
 

Keine Debatte ist auch eine Debatte

Für eine Kontroverse bei der letzten StuPa-Sitzung sorgte eine Debatte um das autonome Referat für Behinderte und chronisch Kranke.
 

–>Mein Campuserlebnis<–

Hier lest ihr, was die Beschwerdestelle der Uni nach einer ungerechten Note für euch tun kann.
 
Konversation wird geladen