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KULTUR

Was tun, wenn Künstler*innen scheiße sind?

Ist das noch Kunst oder kann das boykottiert werden? (Symbolbild: Jacqueline Brinkwirth)

10.03.2019 11:17 - Jacqueline Brinkwirth

Mit den jüngsten Vergewaltigungsvorwürfen gegen R. Kelly steht erneut ein etablierter Künstler wegen sexualisierter Gewalt, Machtmissbrauch und Sexismus im Fokus der Medien. Deshalb stehen nun auch seine Werke bei vielen Medienkonsument*innen in der Kritik.

Frauenfeindliche Äußerungen, Nötigung und sexualisierte Gewalt – Spätestens mit der #MeToo-Bewegung sind Sexismus, Machtmissbrauch und sexualisierte Gewalt durch einige Künstler*innen Grundlage hitziger Diskussionen geworden. Namen wie Kevin Spacey und James Franco lösten dabei vor allem auch innerhalb der Fangemeinden Entsetzen aus.

Dass auch das Verhalten von Künstler*innen näher betrachtet wird, ist mehr als Sensations-freude.

Der jüngste Skandal um US-Sänger R. Kelly, der sich wegen Vergewaltigungs- und Missbrauchsvorwürfen in mehreren Fällen vor Gericht verantworten muss, zeigt abermals auf, wie viele etablierte und bekannte Künstler*innen auch Täter*innen sind. Die Liste der Beschuldigten ist lang, die Liste ihrer Opfer noch länger. Dass neben dem Wirken nun auch das Verhalten von Kunstschaffenden näher betrachtet wird, ist dabei mehr als Sensationsfreude. Es ist zur Notwendigkeit geworden. Denn Sexismus und der Missbrauch von Macht bekannter Persönlichkeiten sind weder ein Hollywood-Phänomen noch eine Neuigkeit.

Das Picasso-Problem

Schon Künstler Pablo Picasso fiel zu Lebzeiten durch sein ambivalentes Verhältnis zu Frauen auf. Arbeitete er seine Erfahrungen vielfach erfolgreich in seine Bilder ein, war sein Verhältnis zu Weiblichkeit privat doch eher angespannt. Seiner Studentin und Affäre Françoise Gilot gegenüber drückte Picasso seine Meinung zu Frauen folgendermaßen aus: „For me there are only two kinds of women, goddesses and doormats.“ Für den Kubisten hatten Frauen somit nur zwei mögliche Funktionen: entweder göttliche Muse oder Fußabtreter. Diese misogyne Aussage rückt für reflektierte Kunst-Konsument*innen auch Picassos Werke in ein anderes Licht. Das Problem dabei: Kann man die Person überhaupt von ihrem Werk trennen?

In der Literaturwissenschaft kam Mitte des 20. Jahrhunderts mit dem New Criticism eine Bewegung auf, die auf diese Fragen möglicherweise eine Antwort hat. „Literarische Werke werden rein aufgrund ihrer ästhetischen Qualität bewertet. Der Autor/die Autorin sowie der sozio-historische Kontext sind irrelevant“, erklärt Literaturdozent Dr. Torsten Caeners von der Universität Duisburg-Essen zu dieser vor allem in den USA praktizierten Form der Literaturkritik. Texte können von Leser*innen demnach unabhängig von ihrem Ursprung betrachtet werden.

 Wenn man also ein Bild oder einen Film ebenfalls als ‚Text‘ betrachtet, könnte diese Theorie durchaus befreiend wirken. Im Falle Picassos wären frauenfeindliche Aussagen egal. Seine Werke könnten ohne Bezug zu seiner Person bewertet werden. Betrachter*innen kämen kaum in Konflikt mit ihrem eigenen Bewusstsein, sondern müssten lediglich beurteilen, ob Das Mädchen vor dem Spiegel oder Guernica ästhetisch überzeugen. 

Der Autor ist tot

Auf die Spitze getrieben ist diese Ansicht in der Aussage „Der Autor ist tot.“ Philosoph und Literaturkritiker Roland Barthes verweigerte sich mit diesem Statement der Anfang des 20. Jahrhunderts verbreiteten Annahme, dass ein Text immer nur die vom Autor intendierte Bedeutung tragen kann. Und obwohl Barthes‘ Leitsatz auch in der heutigen Zeit häufig zitiert wird, wenn es um den Zusammenhang von Künstler*innen und ihren Werken geht, sollte hier der zeithistorische Kontext nicht außer Acht gelassen werden, meint Torsten Caeners: „Barthes baut in seinem Text recht polemisch den Autor zum Inbild oppressiver Macht auf, um ihn dann stürzen zu können und dem Leser die Macht über die Bedeutungskonstruktion des Textes zu verleihen. Was Barthes natürlich nicht meint, ist, dass der Autor als natürliches Wesen nichts mit dem Text zu tun hat.“ 

Ein Verzicht fällt vielen Menschen dennoch schwer.

Das Dilemma bleibt also bestehen: Sollten Konsument*innen Werke anders beurteilen, wenn Künstler*innen sich scheiße verhalten? Im Fall der Missbrauchsvorwürfe gegen Kevin Spacey sah der Streamingdienst Netflix keine Alternative als die Erfolgsserie House of Cards mit Spacey in der Hauptrolle nach der sechsten Staffel einzustellen. Auch R. Kelly bekam die Folgen der Anschuldigungen gegen ihn deutlich zu spüren. Unter dem Hashtag #MuteRKelly setzen sich Tausende Menschen für den Boykott seiner Musik im Radio und auf Streamingdiensten wie Spotify ein. 

Für viele Fans wie Nicht-Fans ist die einzige Konsequenz seiner Straftaten offensichtlich der Ausschluss aus der öffentlichen Musikwelt. Damit einher geht vermeintlich die Bedrohung seiner Existenzgrundlage als Künstler. Je weniger seine Werke konsumiert werden, desto weniger verdient R. Kelly letztlich mit seiner Musik. Auch Kooperationen rücken in unerreichbare Ferne. Musiker*innen wie John Legend sprachen sich zuletzt ausdrücklich gegen R. Kelly aus.

Die Konsequenz

Ein Verzicht fällt vielen Menschen dennoch schwer. Denn auch wenn der eigene moralische Kompass deutlich in eine andere Richtung zeigt, als der einiger Künstler*innen, bleibt oft doch Vergnügen und die Freude am Kunstwerk ausschlaggebend. Ob das immer die richtige Entscheidung ist, ist trotzdem fraglich. Torsten Caeners betrachtet es so: „Ich persönlich denke, dass Künstler und Werke immer in einem Verhältnis stehen. Gerade in unserer heutigen medialen Gesellschaft lässt sich das nicht trennen. Wie und in welchem Maß dieses Verhältnis aktualisiert wird, ist jedoch extrem subjektiv und hängt von der individuellen Entscheidung […] ab.“

Auf komplexe Fragen gibt es anscheinend keine einfachen Antworten. Im Vordergrund für Konsument*innen sollte allerdings Folgendes stehen: Gewaltsame Eingriffe in die zivilen Rechte eines Menschen können guten Gewissens nicht unterstützt werden. Im Gegenteil muss hier die Gesellschaft ein Zeichen dagegen setzen – egal in welcher Form.

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