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KULTUR

Das allerletzte Interview

Visa Vie gilt als Pionierin im Hip-Hop-Journalismus. (Foto mit Genehmigung von Spotify.com)
02.07.2018 11:48 - Britta Rybicki

Wortwörtlich ist dieser Titel von Charlotte Mellahns - auch bekannt als Visa Vie - neuem Hörbuch nicht gemeint. Sie bleibt dem deutschen Hip Hop als Moderatorin erhalten. Knapp zehn Jahre nach Beginn ihrer Karriere ist sie ein fester Bestandteil der Rap-Welt geworden, jetzt wagt sie etwas Neues. In zehn Podcast-Episoden erzählt sie die Geschichte von Clara, die in den Musikjournalismus einsteigt einen todbringenden Racheplan schmiedet. Erschienen ist Das allerletztes Interview am 18. Juni auf Spotify. akduell-Redakteurin Britta Rybicki spricht mit ihrer Kollegin über Fiktion und Wirklichkeit.

Clara ist eine junge, sehr unsichere und sozial-inkompetente Frau, die den bekanntesten Rapper Deutschlands umbringen möchte. „Er” - wie sie ihn bis zur letzten Episode nennt - hat ihr etwas weggenommen, was ihr viel bedeutet hat. Das vermutet sie, ausgelöst durch eine Talkshow, Jahre später jedenfalls. Sie ist so vernarrt in ihre Idee, dass sie sich als Moderatorin beim größten Hiphop-Magazin Deutschlands namens Raphead einschleust. Und schon am ersten Tag realisiert sie, dass dort kein leichter Weg vor ihr liegt.

Nach der zehnminütigen Einweisung von ihrer schwangeren Vorgängerin Nina, stehen ihr schon die Schweißperlen auf der Stirn: „Du musst dich schminken, aber nicht zu stark. Sei freundlich und offen, aber flirte bloß nicht. Halte die Rapper grundsätzlich auf Distanz. Ums mal ganz deutlich auszudrücken: Es wäre gut, wenn du dich in einen lebendigen Eisblock verwandeln würdest.” Klare Anweisungen sind ja erstmal nichts Schlechtes. In ihrem ersten Interview mit dem Rapper Torpedo hapert es dann eher an Claras Umsetzung. Er beantwortet nicht eine ihrer Fragen ernsthaft. Noch bevor Clara sich ausgiebig über ihre Panne ärgern kann, erhält sie am darauffolgenden morgen eine Nachricht ihres Chefs: Sie soll weiter dabei bleiben.

Warum Interviews mit
Rapper*innen besonders sind

Auch wenn die Geschichte fiktiv ist, Visa Vie weiß ganz genau, wovon sie spricht. Sie kennt die Besonderheiten von Gesprächspartner*innen aus dem Rap-Biz. Ihre Regel Nummer eins lautet: Sich neutral zu verhalten. „Manche Rapper wollen dich testen und provozieren dich absichtlich”, sagt Visa Vie. Und trotz dieser Machtkämpfe würde sie ihre Interviewpartner*innen bis heute nicht eintauschen. „Ich würde jederzeit lieber einen komplizierten Rapper als einen langweiligen Gesprächspartner interviewen, der nichts zu erzählen hat.”

Claras Gesprächspartner*inne sind ebenfalls alles andere als langweilig. Während der eine beinahe wutentbrannt auf den Kameramann losgeht, redet ein anderer mit ihr über seine Zeit im Gefängnis und warum er einen seiner engen Freunde umgelegt hat. Mit einer nur aus Frauen bestehenden Rap-Crew wird Clara versehentlich high und landet in der Insta-Story einer der Rapperinnen.

„Ich habe die Trolle in meinem Kopf immer wieder entmenschlicht und mir als fiese Monster vorgestellt.”

Ungewollt auf Drogen war Visa Vie in Interviews bisher noch nicht. Trotzdem musste sie einiges in ihrer Karriere aushalten. „Es gibt sehr viele dreiste und böse Menschen, denen man insbesondere unter Rap-Videos auf Youtube begegnet.” Irgendwann habe sie die sexistischen Kommentare und Vergewaltigungsandrohungen nicht mehr ausgehalten. „Eines Tages bin ich damit an die Öffentlichkeit getreten. Habe gesagt, dass auch ich ein Mensch bin und Gefühle habe.” Ihre offenen Worte haben Wirkung gezeigt. Der Online-Hass ist weniger geworden, verschont bleibt sie davon aber nicht; weshalb sie Schutzmechanismen entwickelt hat. „Ich habe die Trolle in meinem Kopf immer wieder entmenschlicht und mir als fiese Monster vorgestellt. Mir immer wieder gesagt, wer ich bin und was ich kann. Und dass es erbärmlich wäre, sich vor diesen Leuten zu ergeben.” Nur so ist es ihr gelungen, dem Druck zehn Jahre standzuhalten.

Wenn die Bedrohung zu groß wird

Nur zu einem Zeitpunkt ihrer Karriere hätte sie diese Herausforderung mal fast so sehr in die Knie gezwungen, dass sie alles hinschmeißen wollte. Ein Rapper, dessen Namen Visa Vie nicht nennen möchte, hat sie monatelang auf Facebook bedroht, indem er Gewaltphantasien über sie veröffentlichte und mit seiner Community diskutierte. „Wie er mich zum Beispiel mit einer Kettensäge sezieren würde.” Dass er sich Jahre später bei ihr öffentlich entschuldigt hatte, findet sie gut und richtig. Das Trauma, was seine Aktion hinterlassen hat, kann sie dadurch trotzdem nicht bekämpfen.

Angst, dass ihr sowas nochmal passiert, hat die Journalistin nicht. Denn mittlerweile scheint die Rap-Community verantwortungsvoller mit genau solchen Vorfällen umzugehen. „Heute könnte sich im Netz keiner mehr so äußern, ohne dass man ihn bloßstellt und für verrückt erklärt”, so Visa Vie. Wenn Rapper sie heute auch nur beleidigen, schalten sich Kolleg*innen und Künstler*innen sofort zu ihrer Unterstützung ein. Früher, als die Moderatorin noch unbekannter war, blieb ihr nicht viel mehr übrig, als die Vorfälle zu ignorieren.

Auch Clara wird online bedroht. Auf einer etwas zu wilden Partynacht greift ihr ein namhafter Rapper sogar gegen ihren Willen in die Hose. Solch einen Übergriff habe Visa Vie bisher selbst zum Glück nicht erleben müssen: „Dieses Problem liegt aber nicht allein am Rap-Biz, sondern darin, dass wir in einer männerdominierten Welt leben, durch die sich jede Frau schlagen muss.”

Visa Vies Status heute: Unantastbar

Aber auch Rapper mit Sexismus in ihren Texten zu konfrontieren, sei nahezu unmöglich. „Viele Rapper können die Kritik an ihrer Musik nicht gut ertragen”, sagt Visa Vie. In einigen Fällen verstehe sie es, da ihre Existenzen von ihrer Musik abhängig wären. Auch wenn die Journalistin fürchten muss, dass Rapper ihrem Image nach einem kritischen Interview schaden wollen oder ihr gar ein weiteres verweigern könnten, wagt sie den Schritt.  Und schafft es zum Beispiel, fast eine halbe Stunde lang mit dem Rapper Bushido über seine homophoben Lines zu diskutieren. „Natürlich sind seine Aussagen in solchen Debatten nicht immer politisch korrekt, aber wenigstens stellt er sich solchen Gesprächen.” Diese Sorte von Rapper*innen könne man allerdings an wenigen Fingern abzählen. „Gegenseitige Kritik ist auch schwer, da alle miteinander befreundet sind und sich keiner auf den Schlips treten will.” Ihre Prognose daher: Rap-Rezensionen werden bald aussterben, da sich keiner traut, ein Album zu zerreißen.

Ihr Markenzeichen: Ihre investigativen Formate

Während sich Clara ihren Respekt durch ein Interview mit einem Rapper, der einen Mord begangenen hat, erkämpft, beweist Visa Vie ihrer Community, dass Rapper*innen einfach auch Menschen sind. Besonders glänzte sie so im in der Szene gefeierten und sehr offenen Gespräch mit Haftbefehl. „Es war zum einen sein erstes Interview und ist zum anderen sehr ungewöhnlich abgelaufen. Wir haben stundenlang geredet und getrunken, am Automaten gespielt.”

 

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