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KULTUR

City Pop: Nostalgie aus Plastik

Die nächtlichen Straßen Japans sind ein oft mit City Pop assoziiertes Bild.

[Foto: pixabay]

13.07.2020 13:45 - Erik Körner

Vor drei Jahren entdeckte die Welt durch Zufall das japanische Genre City Pop. Wie aus der Stimme nationalen Wohlstands ein internationales Popkulturphänomen wurde.

In den 70er und 80er Jahren boomte die Industrie Japans. Der Westen importierte japanische Produkte schiffeweise. Japanische Bürger*innen investierten zunehmend in Aktien, Grundstücke und Luxusgüter. Gleichzeitig begannen Musiker*innen, eine kulturelle Antwort auf den hyperoptimistischen Zeitgeist zu formulieren: den City Pop.

„City Pop ist städtische Musik für Leute mit einem städtischen Lebensstil“, erklärt Musikjournalist Yutaka Kimura in seinem Buch Disc Collection: Japanese City Pop. Pikante Basslines, Streicher, Bläser und üppige, seidenweiche Keys dominieren die akustische Landschaft. Vereinzelt unterstützen Hintergrundchöre die Vocals. Einflüsse von hauptsächlich amerikanischer Musik definieren das Genre, von Disco und Funk, über Jazz, zu R&B und Boogie.

Trotz dieser Grundlage verlor City Pop nie seine japanische Identität. Eines der Kennzeichen landestypischer Popmusik blieb vorhanden: „Das gleichzeitige Gefühl eines optimistischen Rhythmus mit einer melancholischen Melodie“, wie es Jazzsaxofonist Patrick Bartley beschreibt. Die Texte handeln vom Stadtleben, dem Tanzen, der Liebe. Sie sind oft flach, unterstützen den City Pop aber in seiner Absicht, leicht verdaulich und heiter zu sein – was nicht heißen soll, ruhige oder melancholische Tracks existierten nicht auch.

Das kleine Paradies

Bildsprache ist ebenfalls Teil des City Pop. Das wird anhand vieler Coverartworks deutlich: Scharfkantige Strand- oder Stadtszenerien in Pastellfarben, klare Himmel und Palmen zeichnen Bilder von handflächengroßen, sommerlichen Paradiesen. Eigentumshäuser, Sportwagen oder Supermärkte dienen als Symbole des Wohlstands beziehungsweise sorglosen Konsums.

Die technischen Entwicklungen der Zeit halfen nicht nur der japanischen Wirtschaft, sondern auch dem Wachstum des City Pop als Konsum- und Kulturgut. Sonys Walkman und die Serienproduktion von Autos mit Kassettendecks erlaubten ortsunabhängigen Musikgenuss. Kassetten waren leicht selbst zu kopieren, was die Verbreitung der Lieder beschleunigte. Parallel erschienen neue Instrumente japanischer Firmen, etwa Yamahas CS-80 Synthesizer oder Rolands TR-808 Drumcomputer. Mit ihnen konnten City-Pop-Musiker*innen ihre kreativen Visionen facettenreicher realisieren. Anfang der 90er Jahre platzte Japans Vermögensblase. Der Traum vom allgegenwärtigen Reichtum endete und riss den City Pop mit sich. In den zirka fünfzehn Jahren seines Erfolgs blieb dem Genre der internationale Erfolg verwahrt – zumindest bis vor drei Jahren.

Künstliche Liebe

Das Thumbnail eines YouTube-Videos ein schwarz-weißes Bild; darauf eine junge Frau, die sanft lächelnd in die Kamera blickt. Sie trägt eine weiße Bluse mit schwarzen Hosenträgern, dazu eine schwarze Fliege. Ihr dunkles, schulterlanges Haar schwebt. Anscheinend drehte sie ihren Kopf erst kurz vor der Aufnahme zum Objektiv. Ihr Name: Mariya Takeuchi. Das Video besteht nur aus diesem Portraitfoto und einer verlängerten Version ihrer Single Plastic Love (vom Album Variety). Eine Disconummer über gescheiterte Liebe, produziert von Takeuchis Ehemann Tatsuro Yamashita, der oft als „King of City Pop“ bezeichnet wird. Millionen Menschen schlug der YouTube-Algorithmus den Song damals zufällig vor. Heute hat er 33 Millionen Aufrufe, eine Klickzahl größer als die Zahl der Deutschen, die 2018 täglich Bahn gefahren ist. Ein zweiter, identischer Upload zog 23 Millionen Zuschauer*innen an.

„Hört man den Song zum ersten Mal, fühlt es sich an, als wäre er schon immer da gewesen.“

So entdeckte die Welt den City Pop. In den Kommentaren heißt es, Plastic Love zu hören, erwecke Raumzeit durchschneidendes Fernweh und konstruiere romantisch-verklärte Erinnerungen. An ein in Neonfarben gehülltes Tokyo der 80er Jahre. An Nächte in Seitenstraßenbars mit Asahi Bier, Zigaretten der Marke Seven Stars und Miki Matsubaras neuer Single über die Lautsprecher. An Geliebte, die Fremde blieben. Ein Artikel des Musikmagazins Noisey bezeichnet Plastic Love sogar als den besten Popsong der Welt. Autor Ryan Bassil schreibt: „Hört man den Song zum ersten Mal, fühlt es sich an, als wäre er schon immer da gewesen. Als marinierte er in deiner Hirnrinde oder wäre Teil einer Erinnerung aus dem Mutterleib.“

Aufgrund der neu gefundenen Euphorie stieg die Zahl von City-Pop-Playlists rapide an. Wenn sie keine Albencover zeigen, untermalen meist Szenen aus Anime der Achtziger oder Skylines in vertrauten Pastelltönen die Songs. Und so, wie Vertreter*innen des City Pop ihre Musik als Ausdruck ihres Hyperoptimismus verwendeten, äußern zeitgenössische Künstler*innen ihre Begeisterung für den City Pop in neuen Mikrogenres, beispielsweise Vaporwave oder Future Funk. Produzent*innen wie Macross 82-99 nutzen in ihren Liedern Remixes und Samples von City-Pop-Songs. Deren gleichermaßen optimistischen, modernen Interpretationen erzählen die Geschichte von Japans Wunderjahren weiter.

Empfehlungen (auf Spotify): Timely!!, COOOL (Anri), Mignonne (Taeko Onuki), Pocket Park (Miki Matsubara), A Million Miles Away (Macross 82-99)

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