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KULTUR

Chernobyl: Die Realität ist der wahre Horror

Tschernobyl 2013, Block 4
[Symbolfoto: pixabay, Bildquelle: lizenzfreies Foto]

05.06.2019 21:26 - Gastautor*in

Von Gastautor Alexander Weilkes

Die TV-Serie Chernobyl von HBO ist seit dem 15. Mai in Deutschland zu sehen und erzählt die Ereignisse rund um die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl auf beklemmende und verstörende Weise nach.

Spätestens seit der Öffnung für Touristen im Jahr 2011 ist die ukrainische Geisterstadt Prypjat zu einem beliebten Reiseziel für Neugierige geworden, die den kleinen oder großen Nervenkitzel suchen. Bekanntheit erlangte die einst von 50.000 Menschen bewohnte Stadt durch das Reaktorunglück von Tschernobyl, dem Kernkraftwerk und dessen Block 4, der aufgrund einer fehlgeschlagenen Simulation und Verstöße gegen die Sicherheitsvorschriften in der Nacht zum 26. April 1986 explodierte und damit als bisher größter anzunehmender Unfall (GAU) im Bereich der Kernenergie in die Geschichte einging.

Erste Eindrücke

Die erste Folge der amerikanisch-britischen Miniserie Chernobyl trägt den Namen 1:23:45, die Uhrzeit, zu der sich die erste Explosion im Block 4 ereignete. Die erste Szene befindet zeitlich am Ende des Lebens einer der wichtigsten Entscheidungsträger des Krisenmanagement des nuklearen GAUs: Man sieht wie der sowjetische Wissenschaftler Waleri Alexejewitsch Legassow, gespielt von Jared Harris, in seiner Wohnung rauchend am Küchentisch sitzt und seine Erlebnisse rund um das Unglück mittels Mikrophon und Kassettenrekorder für die Nachwelt festhält, bevor er sich, nachdem er seiner Katze zuvor Futter gab, an der Decke erhängt. Obwohl Legassow posthum vom russischen Präsidenten Boris Jelzin die Auszeichnung als Held der Russischen Föderation erhielt, wird durch diese Szene klar, dass sich in dieser Geschichte niemand als Held fühlt.

Die Protagonisten

Von der Anfangsszene springt man nun zum Zeitpunkt der ersten Reaktorexplosion, die einen Feuerwehrmann in der vier Kilometer von Tschernobyl befindlichen Stadt Prypjat aus dem Schlaf rüttelt und der sich gleich auf den Weg macht, das vermeintliche Feuer zu löschen. Er gehört zu den ersten 40 Feuerwehrleuten, die am Reaktor eintrafen und der radioaktiven Strahlung ungeschützt ausgesetzt waren. Anatoli Stepanowitsch Djatlow (Paul Ritter), stellvertretender Chefingenieur während des fehlgeschlagenen Versuchs im Block 4 des Reaktors, weigert sich derweil, entgegen der Augenzeugenberichte und aller verfügbaren Fakten, zu akzeptieren, dass der Kern des Reaktors explodiert ist. Die mit dieser Fehleinschätzung informierte Kraftwerksleitung behandelt den Vorfall mit der gleichen Ignoranz und wehrt sich infolgedessen gegen jede ihr verfügbare Expertenmeinung.

Es liegt an dem Wissenschaftler Legassow, dem ehemaligen Generalsekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU), Michail Sergejewitsch Gorbatschow (David Dencik), davon zu überzeugen, dass es sich um einen unvergleichlichen nuklearen Unfall handelt, der sich nicht wie ein gewöhnliches Feuer beseitigen lässt. Legassow wird der Politiker und Leiter des Krisenmanagements der Regierung Boris Jewdokimowitsch Schtscherbina (Stellan Skarsgård) zur Seite gestellt, um eine Eindämmung der Folgen des GAUs zu erreichen. So war es auch Legassow, der die Regierung über die bestehenden Gefahren aufklärte und sich vehement dafür einsetzte, dass die Stadt Prypjat evakuiert wurde, was am 27. April geschah. Schschterbina, der zuvor Energieminister war, ist zum Zeitpunkt der Katastrophe stellvertretender Vorsitzender des Ministerrats der UdSSR. In Chernobyl berichtet er Generalsekretär Gorbatschow, dass die Lage am Kraftwerk unter Kontrolle stehe, es keine Gefahr gäbe und die ausländische Presse nichts ahnen würde. Legassows energischer Widerspruch in der Gefahreneinschätzung überzeugt den Generalsekretär und er beauftragt die beiden damit, sich zum Kraftwerk zu begeben und sich selbst ein Bild zu machen. 
Schschterbina wirkt zunächst so, wie man sich einen Apparatschik vorstellt und er hält nichts von Legassow und seinen Schreckensszenarien. Seine Arroganz gegenüber dem Wissenschaftler offenbart sich auf dem Helikopterflug zum kollabiertem Reaktorblock.

Er lässt sich in vereinfachter Form die Funktionsweise eines Kernkraftreaktors erklären und resümiert: „Good. I know how a nuclear reactor works. I don’t need you!”, knurrt er Legassow im englischen Original mit Reibeisenstimme entgegen.  Diese ablehnende Haltung verändert sich jedoch mit der Zeit, weil Schschterbina einsieht, dass Legassow der einzige seiner Berater ist, der das Know-how und die Aufrichtigkeit besitzt, die tatsächliche Gefahrenlage einschätzen zu können. Dies offenbart sich, als er während des Helikopterflugs sieht, dass sich verstrahlte Graphitbrocken auf dem Reaktordach von Block 4 befinden und nicht, wie von den Kraftwerksbetreibern behauptet, harmloser Beton. Schschterbinas Charakter entwickelt sich zu einer ambivalenten Figur, die im weiteren Verlauf immer mehr zu der Erkenntnis kommt, dass man den GAU in Regierungskreisen, zu dem er auch gehört, zuerst nicht ernst nimmt und dann vertuschen will. Er und Legassow, darin gleichen sich die beiden und das macht ihre Zusammenarbeit erst möglich, wollen die Folgen der Nuklearkatastrophe für die betroffenen Menschen bekämpfen.

Neben den Haupt-protagonisten werden die Geschichten mehrere Einzelschicksale und Gruppen erzählt.

Das heißt allerdings auch, dass es, wenn die Lage aussichtlos erscheint, Menschen geopfert, gezwungen oder in Unwissenheit gelassen werden, um ein Ziel zu erreichen.
Als dritte wichtige Protagonistin wird die Physikerin Ulana Khomyuk (Emily Watson) in die Handlung eingeführt, die allerdings keine historische Persönlichkeit darstellt, sondern vom Regisseur der Serie, Craig Mazin, als fiktive Figur integriert wurde. Khomyuk wird als energische und selbstlose Physikerin dargestellt, die durch ihr Fachwissen und forschen Einsatz einen wesentlichen Anteil an der Verhinderung weiterer katastrophaler Folgen des GAUs hat und mit Legassow und Schterbina zusammenarbeitet.

Craig Mazin begründet diese künstlerische Freiheit mit der Tatsache, dass zwar die Regierungskreise und das Krisenmanagement der Sowjetunion männlich dominiert gewesen seien, es aber für diese Zeit relativ viele Frauen gegeben habe, die im Bereich der Wissenschaften, insbesondere in der Medizin und Chemie, tätig waren. So seien beispielsweise zwischen 1962-1964 40 Prozent der Doktorwürden der Chemie an Frauen verliehen worden. Die Arbeitskräfte im Bereich der medizinischen Versorgung hätten, Mazin zufolge, sogar zu 70 Prozent aus Frauen bestanden, was sich in der Serie in den Krankenhausszenen in Prypjat und Moskau ebenfalls deutlich widerspiegelt.

Neben den Hauptprotagonisten werden die Geschichten mehrere Einzelschicksale und Gruppen erzählt, wie die der Ingenieure des explodierten Reaktorblocks, dem radioaktiv verstrahlten Feuerwehrmann und seiner Frau, der drei Mitarbeiter des Kraftwerkes, die sich auf eine Selbstmordmission zum Ablassen des Wassers der Reaktortanks einlassen und die Minenarbeiter, die einen Tunnel unter Block 4 graben, um eine größere Katastrophe zu verhindern. Die als Liquidatoren bekannt gewordene Personengruppe, die an der Eindämmung und Vermeidung einer weiteren Eskalation des GAUs arbeiteten, setzten sich meist ungeschützt der radioaktiven Strahlung aus. Sie taten dies teils unwissend, teils gezwungen oder aus Pflichtbewusstsein. In der Serie wird besonders der nicht immer subtile Zwang überzeugend vermittelt. Die überlebenden Arbeiter beklagen bis heute eine fehlende Kompensation und mangelnde medizinische Versorgung.

Anblicke, die Unbehagen hervorrufen

Neben der dramaturgischen Umsetzung weiß auch die visuelle Qualität zu überzeugen. Die Settings wurden mit viel Liebe zum Detail gestaltet und so sind beispielsweise die Lautsprecherdurchsagen bei der Evakuierung von Prypjat identisch mit denen von 1986. Man bekommt so den Eindruck, tatsächlich dabei zu sein und der unsichtbaren Gefahr, in Form der radioaktiven Strahlung, ausgesetzt zu werden. An dieser Stelle sei erwähnt, dass es in der Serie einige Bilder gibt, die nicht leicht zu ertragen sind. Für einen gemütlichen Abend mit dem Partner oder der Partnerin auf dem Sofa ist Chernobyl also eher nicht zu empfehlen.

Fazit

Die Atmosphäre in Chernobyl ist beklemmend, die Ignoranz der politischen Führung erschreckt auch heute noch und viele Bilder wirken, auch aufgrund der hervorragenden akustischen Unterstützung, einfach verstörend. Die Serie zeigt, dass der größte Horror immer noch die Realität ist. Diese bekommt man hier schonungslos und durchaus authentisch präsentiert. In dieser Form wurden die Ereignisse um die Nuklearkatastrophe wahrscheinlich noch nie so eindringlich dargestellt. Auf der Website der Internet Movie Database (IMdB) wird Chernobyl derzeit mit der Höchstwertung von 9,7 Sternen geführt und befindet sich damit auf Platz Eins der TV-Shows– noch vor Serien wie Game of Thrones oder Breaking Bad.

Chernobyl ist grundsätzlich allen empfohlen, die sich für die bisher größte Katastrophe der Kernkraft interessiert, weil sie fesselnd inszeniert wird, ohne dabei dramaturgisch zu übertreiben oder geschichtlich zu verfälschen. Im deutschsprachigen Raum ist die fünf Folgen umfassende Serie bei Sky Atlantic HD zu sehen . 

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