Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

KULTUR

Abschied auf der Tanzfläche

Im April ist es im Studio Essen mit den Parties vorbei.

[Foto: Jacqueline Brinkwirth]
04.02.2019 10:47 - Jacqueline Brinkwirth

Im Butan in Wuppertal wurde die letzte Party bereits gefeiert, nun schließt im April das Studio in Essen seine Pforten. Auch das Heinz Gaul in Köln steht vor dem Aus – NRW verliert damit drei Diskotheken, die jahrelang fester Bestandteil der Techno-Szene waren. Welche Gründe es für das Aussterben großer Clubs gibt und wie Betreiber*innen und Gäste damit umgehen.

Für viele Menschen gehört zum Wochenende ein guter Rave einfach dazu. Ein Glück also, dass es Clubs gibt, die es jede Woche ermöglichen, die Samstagnacht zum Tag zu machen.

Wenn man dann mal eben acht oder mehr Stunden auf besagten Tanzflächen steht, wird die Diskothek auch schon mal zum ausgelagerten Wohnzimmer. Umso trauriger ist es, wenn der Lieblingsclub zumacht. Schlichtweg tragisch ist es jedoch, wenn in kürzester Zeit gleich drei solcher Clubs ihre Pforten schließen.

Überraschende Abschiede

Das Butan in Wuppertal machte am 25. Dezember 2018 den Anfang. 21 Jahre lang war der Club neben dem Gaskessel ein fester Bestandteil der deutschen Partyszene. Im September vermeldete das Team um Betreiber Tobias Wicht via Facebook das Aus: „Wir konnten uns mit unserem Verpächter leider nicht auf einen neuen Pachtvertrag für 2019 einigen und werden nun (auch für uns recht überraschend) die letzten 16 Wochen die Möglichkeit haben, uns von unserem Wohnzimmer gebührend zu verabschieden.“

Was Verbraucher*innen im Privaten längst spüren, trifft natürlich auch Gaststätten, Bars und Diskotheken: steigende Lebenshaltungskosten, immer teurer werdende Mieten, explodierende Strompreise. Das alles spielt für das Überleben solcher Veranstaltungsorte natürlich eine Rolle, bestätigt auch der Betreiber des Studios Essen, Andrej Buhonov: „Klar, GEMA-Gebühren, Strom und so weiter – das wird auch alles teurer.“ Das Studio prägt mittlerweile seit über acht Jahren die Clubszene im Ruhrgebiet. Ähnlich wie das Butan, das Fans der elektronischen Musik auf insgesamt vier Floors Raum zum Tanzen bot, zählt auch das Studio mit einer Kapazität von rund 1.000 Gästen zu den größeren Clubs der Szene.

Doch anders als in Wuppertal gaben letztlich nicht allein äußere Umstände den Ausschlag für den Abschied. „Das Unterhaltungs-Business lebt einfach von den Emotionen und der Leidenschaft, die man an den Tag legen kann. Und je länger man das macht, umso schwieriger wird es, sich jede Woche nochmal neu zu erfinden und sich für das Daily Business zu motivieren,“ erzählt Buhonov im Interview. Trotz zuletzt steigender Gästezahlen sei es letztendlich eine Entscheidung aus persönlichen Gründen gewesen, das Studio im April zu schließen: „Es fehlt einfach die absolute, hundertprozentige und bedingungslose Begeisterung, die es für das Geschäft braucht.“

Clubs sind Orte der Gemeinschaft

Beim Butan-Closing am ersten Weihnachtsfeiertag platzte der Club aus allen Nähten. Im Gespräch mit einigen Raver*innen wurde vor allem eins sehr deutlich: Der Abschied tut weh, denn das Butan konnte aufgrund der großen Fläche die verschiedensten Geschmäcker bedienen. Vereint habe am Ende immer die tolle Stimmung und die gute Musik, berichtet Partygänger Felix: „Das Butan war immer ein Ort, an dem man sich frei fühlen, den Alltag für ein paar Stunden vergessen und sich einfach nur friedlich mit guter Musik auf den Ohren gut fühlen konnte. Das werde ich schon vermissen.“

Im Gespräch mit einigen Raver*innen wird vor allem eins sehr deutlich: Der Abschied tut weh.

Auch Studio-Betreiber Andrej fällt die Schließung nicht leicht: „Ich trage die Entscheidung schon länger mit mir herum. Der Laden ist natürlich auch ein Stück weit wie ein Kind. Die ersten Wochen waren hart.“ Eine Chance auf ein Zurück gebe es jetzt allerdings nicht mehr: „Dass wir schließen ist sehr traurig, aber mittlerweile akzeptiere ich das so.“

Woran also liegt es, dass immer mehr große Clubs schließen? Die eine Antwort gibt es auf diese Frage nicht. Im Fall des Butans scheint es hauptsächlich eine Sache des Geldes gewesen zu sein. Denn wenn sich aufgrund hoher Mieten und unrentabler Pachtverträge das Geschäft nicht mehr lohnt, ist es völlig verständlich, dass Betreiber*innen sich neu orientieren.

Etwas anders sieht es beim Heinz Gaul in Köln aus. Der Club im Stadtteil Ehrenfeld, der auf dem Gelände eines ehemaligen Metallgroßhandels liegt, soll bald Wohnungen, Büros und Gewerberäumen weichen. Auf der Website der Aurelis Real Estate Gesellschaft, die das Viertel um den Club herum vermarktet, heißt es: „Moderne, locker gruppierte Wohngebäude bilden eine von Bäumen durchzogene Lebenswelt.“

Keine rosige Zukunft

Für Clubbetreiber*innen, Gastronom*innen und Anwohner*innen hätte das gezwungenermaßen einen Umzug zur Folge – Gentrifizierung in Reinform. Denn Industriekultur und Nachtleben wollen so gar nicht in die schicke und moderne Realität des neu-konzipierten „Ehrenveedels“ passen.

Für die Clubszene in NRW würde die Schließung des Heinz Gauls einen weiteren großen Verlust bedeuten. Damit sieht die Zukunft der Techno-Welt nicht sonderlich rosig aus. Diesen Eindruck teilt auch Andrej Buhonov: „In den nächsten Jahren werden in jeder Stadt ein bis zwei massentauglichere Clubs wie die MuPa überleben und Clubs im Nischenbereich wie zum Beispiel das Turock oder der Goethebunker. Größere Clubs haben in der heutigen Zeit in unserer Region keine Chance.“

Allzu traurig sollten Techno-Fans allerdings nicht sein, denn sowohl das Butan-Team als auch Buhonov und seine Mitarbeiter*innen planen weitere Events für 2019 abseits der heimatlichen Clubwände. Niederlagen, Rückschläge und Machtlosigkeit – Clubbetreiber*innen müssen sich in der heutigen Zeit jede Menge neuer Herausforderungen stellen. Eine gute Nachricht gibt es allerdings immer: Alles hat ein Ende, nur der Rave hat keins!

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