Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

KULTUR

20 Jahre City of God

Der Kontrast aus Schönheit und Gewalt wird bereits auf dem Cover ersichtlich. [Foto: Nikita Verbitskiy]

30.05.2022 14:00 - Nikita Marcus Verbitskiy

Fernando Mereilles’ Meisterwerk jährt sich. Im Mai 2002 feierte City of God beim Filmfestival in Cannes europäische Premiere. 20 Jahre später schauen wir uns an, was diesen Film so besonders macht, dass er immer noch auf Platz 23 der 250 besten Filme aller Zeiten bei der IMDb zu finden ist.

City of God, oder im Original Cidade de Deus, erzählt uns eine wahre Geschichte. Die letzte Szene des Films, in dem wir den echten Mané Galinha im Interview sehen, ruft uns das noch einmal ins Gedächtnis. Eine Entscheidung, die das gerade Verdaute noch etwas schwerer im Magen sitzen lässt. Mereilles will nicht, dass das Publikum den Kinosaal verlässt und das Gesehene bloß als Kunst abtut und vergisst. Der Großteil seiner Entscheidungen zielt genau darauf ab. Sei es die unverblümte Darstellung von Gewalt an Kindern und durch Kinder, oder das Casting von Amateur:innen, die in der porträtierten Gegend aufwuchsen. 

Die „Stadt Gottes“ ist Namensgeber und Protagonist seiner Geschichte. Im Westen Rio de Janeiros aus dem Staub gestampft sollte sie Landflüchtlingen einer anhaltenden Dürre im Nordosten Brasiliens ein neues Zuhause bieten. Doch statt eines sicheren Hafens wurde die Stadt zum Nährboden und Schauplatz eines der blutigsten Bandenkriege, die Brasilien bis dahin erleben sollte. Gefilmt wurde in benachbarten Dörfern, da die Stadt Gottes sich immer noch als zu gefährlich für die Darsteller:innen und Beteiligten erwies. 

Brüder im Blutbad

Der Film begleitet uns durch drei Generationen der Gewalt und stellt ihre beunruhigende Weiterentwicklung ohne jegliche Scheu zur Schau. Wir lernen zu Beginn unseren Protagonisten Buscapé kennen und durch ihn die älteste Generation: seinen Bruder Marreco und dessen Komplizen, Cabeleira und Alicate. Sie rauben Lieferwagen, insbesondere Tanklaster aus und verteilen dabei ihre Beute à la Robin Hood an die Bewohner:innen der Stadt, weshalb ihnen von diesen Schutz vor der Polizei geboten wird. Doch während die drei noch als harmlose Amateure bezeichnet werden können, eskalieren Gewalt und Größenordnung mit der nachfolgenden Generation drastisch. 

Cabeleiras kleiner Bruder lernt früh, dass das Morden ihm nicht schwer fällt und macht sich diese Tatsache zu Nutze, um einen Konkurrenten nach dem Anderen aus dem Weg zu räumen, seien es alte Freunde oder sogar Kinder. Begleitet wird er dabei von seinem besten Freund seit der Kindheit, Bené, der einerseits als „coolster Gangster Rios“ viele Sympathien von anderen Figuren und auch Zuschauer:innen einheimst, gleichzeitig aber ohne Bedenken der Mordserie seines Freundes beiwohnt. Die beunruhigendste Generation ist jedoch zweifelsohne die letzte. Die aus teilweise 10 Jahre alten Kindern bestehende Bande ist von der anhaltenden Gewalt so desensibilisiert, dass sie eine „Kill List“ erstellt, um sich an allen zu rächen, die ihnen Unrecht taten. Ein beängstigender Blick auf eine sich zuspitzende Zukunft. 

No Way Out

Buscapé indes versucht, nicht im Blutbad seiner Kindheitsfreunde zu ertrinken. Er möchte einen Joint am Strand mit seiner Freundin rauchen und Fotos machen. Ein Hobby, das eine interessante Linse und ein roter Faden für Zuschauer:innen wird, um einen alternativen Blickwinkel auf das Gesehene zu finden. Die Kamera begleitet den Protagonisten durch den Film, spielt eine zentrale Rolle in seiner Beziehung zu den Bandenkriegen und wird später zu seinem Beruf und seinem Ticket raus aus den Favelas. Sein gewohnter Spießrutenlauf entlang einer Armada an Artillerie scheint ihn wenig zu beeindrucken und dient als effektives Werkzeug, dem Zuschauer die Normalität der Leichenstapel der Stadt Gottes zu vermitteln. 

Sie sind keine Menschen, die bloß Rollen verkörpern sollen, sie sind die Rollen.

Zivilist:innen sind von verstorbenen Verwandten bestürzt, tragischerweise doch wenig überrascht. Darunter auch Mané Galinha, der dem Tod seines Bruders und der Vergewaltigung seiner Freundin beiwohnen muss. Seine Geschichte zeigt den immensen Druck des Krieges, der selbst den aufrechtesten Mann zu einem Kriegstreiber verbiegt. Er möchte die Stirn bieten und Bewohner:innen schützen, weshalb er sich mit Zé's Konkurrenten Karotte zusammentut. Wir sehen in einer Reihe an Überfällen, wie seine Moral unter der Lebensgefahr schwindet und er anstatt einer Lösung zum Teil des Problems wird. Hier wird uns klar, dass der Strudel der Gewalt alles und jeden mit sich reißt. Die Polizei ist Teil des Problems und der einzige Weg raus aus der Situation ist der Weg raus aus der Stadt.

Authentische Angst

Mané Galinha und Karotte sind tatsächlich die einzigen Figuren, die von professionellen Schauspielern dargestellt werden. Mereilles entschied sich bewusst dazu, fast ausschließlich Menschen ohne schauspielerische Erfahrung, die der Stadt Gottes oder umliegenden Favelas entstammen, zu casten. Stattdessen hielt das Produktionsteam mit den Darsteller:innen einen sechsmonatigen Workshop ab, um sie auf einen professionellen Dreh vorzubereiten. Der Effekt, den Mereilles dadurch erzielen konnte, ist durchweg spürbar. Anstelle gekünstelter Darstellungen finden sich im Film authentische Emotionen. In einer Szene erklärt Buscapé einer Mitarbeiterin des Magazins, für das er fotografiert, er habe noch nie heiß geduscht. Es handelte sich dabei um eine echte Unterhaltung zwischen den Darsteller:innen, die zufällig mitgefilmt wurde. Sie sind keine Menschen, die bloß Rollen verkörpern sollen, sie sind die Rollen.  

Die Ästhetik von City of God bietet ein willkommenes Gegenstück zu der erbarmungslosen Geschichte. Innovative und verspielte Winkel, dynamische Cuts und Kamerafahrten sorgen für Spaß beim Zuschauen, eine Balance, die das Publikum bitter benötigt. Hier sorgt das Team dafür, dass man trotz grauenvoller Szenen den Blick nicht abwenden möchte und den Film genießt. Und zu genießen gibt es viel, City of God hat eine unvergleichliche Dichte an atemberaubenden Shots und Szenen. Zusammen mit dem Soundtrack ergibt sich ein Rhythmus, der uns quasi durch den Film tanzen lässt. Der Soundtrack stellt sich aus einer Mischung aus Samba, Funk und Disco zusammen. Seine Leichtigkeit kontrastiert nicht nur schwungvoll die von Gewalt durchzogene Thematik, die Genres fungieren auch als ein zeitlicher Leitfaden für die jeweilige Ära, die gerade dargestellt wird. Als Zuschauer:in kann es passieren, dass man den Realitätsbezug verliert, dem wird hierdurch entgegengewirkt. Es sind echte Menschen und eine echte Geschichte die zu der Zeit stattfand, in der überall Disco gehört wurde. Bloß, dass hier die Discokugeln ein Licht auf Leichen werfen.
 

Filmrezension: So war The Batman

Unsere Rezension der neuen Batman-Verfilmung.
 

Irreversibel: Porträt menschlicher Brutalität

Regisseur Gaspar Noé portätiert in Irreversibel die “Realität menschlicher Erfahrungen”, doch wie weit können Bilder sexualisierter Gewalt gehen?
 

„Ein Leben auf der Straße ist kein Urlaub”

Das Folkwang Museum Essen zeigte vom 18. Februar bis zum 03. April im Rahmen der 6 ½ Wochen Ausstellung ein Projekt mit Fotos von Wohnungslosen. Worum es in dem Projekt geht und was diese Ausstellung besonders macht.
 
Konversation wird geladen