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KULTUR

10 Jahre „Fick die Uni“

Koljah, Panik Panzer und Danger Dan sind die Antilopen Gang.
[Foto: Katja Runge]

19.12.2019 09:01 - Erik Körner

„Das ist schon Enthüllungsjournalismus, was du hier machst. Dieses ehrliche Gespräch über Fick die Uni gab es nie.” sagt Danger Dan von der Band Antilopen Gang lächelnd zu unserem Redakteur Erik Körner. Er hat die Rapgruppe anlässlich des zehnjährigen Jubiläums ihres Hitsongs Fick die Uni vom Album Spastik Desaster für ein Interview getroffen –- und bisher unveröffentlichte Antworten erhalten. Doch das ist nicht der einzige Grund zum Feiern: Am 24. Januar 2020 erscheint ihr neues Album Abbruch, Abbruch, mit dem sie auch durch Deutschland touren werden. 

ak[due]ll: Ihr habt ja alle mal studiert, auch Jakob (Anm. d. Red.: Jakob Wich, alias NMZS, war ein Gründungsmitglied der Antilopen Gang und hat 2013 den Kampf gegen seine Depressionen verloren). Wer von euch hatte denn die Idee für Fick die Uni?

Koljah: Das war wohl ich tatsächlich, in Göttingen. Ich habe meine Strophe während einer Vorlesung in so einem typischen Vorlesungssaal hingekritzelt, anstatt dem Professor zuzuhören. Eigentlich auch gar nicht meine Herangehensweise, weil ich normalerweise immer auf Beats schreibe. Aber ich hatte mich so umgeguckt, sah all diese Studenten und hatte so die Idee, man müsste mal was über die schreiben. Fick die Uni kam später bei der Aufnahmesession zum Spastik Desaster-Album ganz am Schluss.

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Panik Panzer: Meine Strophe kam so ganz kurz vor knapp. Das war schon damals meine Trademark. Ich hatte beim Schreiben das Gefühl, dass es für mich von Nachteil ist, dass ich mit Studieren noch gar keine Erfahrungen hatte. Ich war auch weit von meinem ersten und einzigen Studium entfernt. Punkt. Meine Strophe ist trotzdem großartig.

ak[due]ll: Wie viel von den Lyrics ist autobiografisch?

Koljah: Ich habe nicht mich selbst beschrieben. Das kann ja auch eine Strategie sein. Einfach über sich selbst reden und so tun, als würde man über andere reden. Aber ich erinnere mich, dass für mich ursprünglich weniger wichtig war, dass es um Studenten geht. Mir hat vor allem die Form gefallen, über eine Personengruppe herzuziehen und ihre Klischees auszubreiten. Das hat mir bei Benjamin von Stuckrad-Barre, einem meiner Lieblingsautoren, schon immer gefallen. Ich glaube, in einer Univorlesung, während der ich dann auch den Text schrieb, wurde mir klar: Mit Studenten kann man das sehr gut machen.

Danger Dan: Das hat schon etwas mit meinen Erfahrungen mit Aachener Studierenden zu tun, die, glaube ich, nicht genau wissen, was sie da entwickeln. Ich habe damals mit einer Freundin überlegt, die jetzt übrigens an einer Hochschule arbeitet, ob wir an der Rheinisch-Westfälischen Hochschule (RWTH) Aachen ein interdisziplinäres Forum initiieren sollen. In Aachen gibt es den Schwerpunkt Maschinenbau. Irgendwas mit Luft- und Raumfahrzeugen. Die entwickeln unglaublich viel Zeug, das später für militärische Zwecke genutzt wird. Wir wollten dann so eine Art Studium Generale anbieten und Ethikschulungen machen. Da habe ich ja auch erzählt: „Studenten fehlt das Rückgrat, sie sind Schreibtischtäter“. 

ak[due]ll: Kommt daher auch die „Studieren ist für mich noch schlimmer als zur Bundeswehr zu gehen“-Line?

Danger Dan: Irgendwie sowas werde ich mir dabei gedacht haben. Unter anderem wurde von der RWTH Aachen viel Geld für Panzertechnologien ausgegeben.

ak[due]ll: Es hieß zwar gerade, der Song handle nicht von dir beziehungsweise euch, aber kann man ihn nicht doch irgendwie als Selbstkritik verstehen? Beispielsweise strebsam zu sein oder die Kaffee-und-Kippen-Diät, was beides im Text vorkommt.

Koljah: Ich bin nach Göttingen gekommen, hab studiert, war aber absolut nicht in diese studentischen Kreise integriert. Das geht ja schon mit dieser Orientierungswoche los. Da war ich gar nicht dabei. Ich bin dann einfach beim ersten Pflichttermin erschienen und die anderen kannten sich dann alle schon ein bisschen. Ich habe mich dem aber komplett verweigert. Ich war immer der, der nur stumm in dem Seminar saß und bin allerhöchsten für Gruppenarbeiten oder so in Kontakt mit meinen Kommilitonen getreten. Stattdessen habe ich eher Beobachtungen angestellt, die dann auch in der Strophe ihren Ausdruck gefunden haben.

Danger Dan: Ich will dir nicht zu nahe treten, aber ich glaube, dass die Verweigerung auch ein gegenseitiges Einverständnis war. Zumal du damals noch Baggy Pants und 5XL-Shirts anhattest. Dafür aber sehr tighte, kleine Bärte.

Koljah: Meinst du, die hatten deshalb keinen Bock auf mich?

Danger Dan: Ich kann mir vorstellen, dass man dein Auftreten in so einem Soziologie-Studiengang mit vielen Klischees begutachtet hat.

Panik Panzer: Ich finde ja, dass so eine spöttische, bösartige Charakterisierung vorgenommen wird, aber man sich gleichzeitig auch an verschiedenen Stellen wiedererkennt. Das war das, was ich am Anfang so gefeiert habe, als die Strophen von Koljah und NMZS da waren. Und was mir auch so eine Ehrfurcht gegeben hat, dann auch mich selbst an eine Strophe zu setzen. Ich hatte sowas auch noch nie gehört. Ab dem Moment, als wir Fick die Uni rausgebracht haben, waren wir in dieser Schublade „Ironierap“ mit KIZ, 257ers und sowas. Aber ich finde, es ging darüber hinaus. Es war cleverer als das, was man damals in dieser Schublade gefunden hat. Ich finde, genau das macht den Song aus. Dass man sich daran erfreuen kann, wie viele Zeilen auf andere und sich selbst zutreffen.

Koljah: Das Ding war aber auch damals: Niemand wusste, wer wir sind. Wenn wir dann doch mal eins der wenigen Interviews hatten, haben wir nie Stellung bezogen, ob wir selbst studieren. Ich weiß auch noch, dass die sich auf YouTube in den Kommentaren uneinig waren, ob wir selbstironische Studenten oder Leute sind, die sauer sind, weil sie an der Uni nicht angenommen wurden. Dass ich irgendwann mal öffentlich gesagt habe, dass ich studiert habe, war erst nach meinem Abschluss. Zu meiner Studentenzeit habe ich nicht mal gesagt, in welcher Stadt ich lebe. Ich habe nur gesagt: „Ich bin Düsseldorfer Rapper“ und alles andere ist geheim.

Danger Dan: Das ist schon Enthüllungsjournalismus, was du hier machst. Dieses ehrliche Gespräch über Fick die Uni gab es nie.

ak[due]ll: Echt nicht? Obwohl der Track so ein Hit war?

Danger Dan: Also, wenn, dann haben wir krass gelogen oder es im Unklaren gelassen. Wir haben auch teilweise abstruse Nebelbomben geworfen oder wirr geantwortet. Man kann zur Entstehungsgeschichte schon Brisantes erzählen.

ak[due]ll: Klingt, als stecke da mehr als nur mal ordentlich zu ranten dahinter.

Danger Dan: Es gab damals einen Beat, der als Hochzeitsgeschenk für einen Freund, den damaligen Anti Alles Aktion-Star Nic Knatterton (Anm. d. Red.: Vorläufer der Antilopen Gang), komponiert worden war. Die ursprüngliche Hook war nämlich nicht „Fick die Uni, Fick die Uni“, sondern „Hochzeit! Hochzeit!“ Da hat unter anderem der Rapper Blöd One drauf gerappt – den einzigen Sechzehner seines Lebens, auch sehr schlecht.

Auf jedem Konzert ist ein Idiot, der sich nicht zu blöd ist, in einer Songpause „Fick die Uni!“ zu brüllen.

Das Lied hatte diesen Beat und der war einfach so scheiße, dass man den eigentlich nicht nutzen wollte. Aber während der Entstehung von Spastik Desaster sind euch nun mal Beats ausgegangen und ihr dachtet euch: „Na gut, schreiben wir einfach da mal was drauf.“ Und so ist Fick die Uni entstanden; ist eigentlich ein Unfall.

Koljah: Ich kann da noch etwas hinzufügen, was auch wirklich sehr entlarvend ist. Die Idee für den Refrain von Fick die Uni ist teilweise geklaut.

Danger Dan & Panik Panzer: [Lachen laut]

Koljah: 2008, während wir das Album gemacht haben, gab es ein Album von der Rapcrew Bassquiat. Da waren unter anderem Kaas und Tua dabei, die jetzt bei den Orsons sind. Die distanzieren sich heute davon. Es gab auf deren Album einen frauenfeindlichen Song mit dem Refrain „Was ist eine Frau? Eine Frau ist nichts.“ Wir fanden das total unmöglich. Als wir dann aber Fick die Uni gemacht haben, haben wir das einfach schamlos geklaut und gesagt: „Was ist die Uni? Die Uni ist nichts.“ Witzigerweise ist Fick die Uni dann so groß geworden. Und ich glaube, wir hatten damals das Gefühl: Bassquiat sind viel größer als wir, vielleicht versteht man sogar die Anspielung. Das kennt kein Mensch mehr. Unser Lied hat überdauert, während sich Tua und Kaas für ihr Lied schämen.

ak[due]ll: Wie findet ihr es, dass sich Studierende den Song zu eigen gemacht haben, obwohl ihr verbal gegen sie ausholt?

Koljah: Das war total abgefahren, als das losging. Das war das erste Mal, dass ein Song von uns die Runde machte. Plötzlich bekam man ständig Nachrichten von Freunden aus verschiedenen Städten, weil der Song auf Studipartys lief. Ich wurde auch an der Uni Göttingen darauf angesprochen: „Bist du das, mit diesem Fick die Uni-Lied?“ Selbst von Leuten, die mich schon immer als diesen Typ kannten, den ich eben beschrieben habe. Da kamen auch die ersten Auftrittsanfragen. Wir wurden  von Studenten eingeladen, die Konzerte organisiert haben.

Panik Panzer: Fick die Uni war der Initialzünder, dass man dann plötzlich ein Publikum hatte und dass mehr Leute Lust hatten, zu einem Auftritt zu kommen. Vorher waren es fünf, danach 35 oder so.

Koljah: Aber wir waren halt die Band mit Fick die Uni. Niemand wusste, was Antilopen Gang sein soll. Viele dachten auch, das ist vielleicht nur ein Spaßprojekt, dass wir keine ernstzunehmende Rapmusik machen. Es gab also keinen Hype um die Antilopen Gang, sondern nur um das eine Lied. Fick die Uni war mehr so ein Meme oder ein viralgehender Internethit.

Danger Dan: Woran man auch wieder erkennt, wie Studierende nicht in der Lage sind, eins und eins zusammenzuzählen und Hintergründe nicht selbstständig recherchieren können. Wenn die nicht mal in der Lage sind, herauszufinden, von welcher Band ein Lied ist, wie sollen die dann ihr Studium beenden? 

Panik Panzer: Was Koljah eben meinte hat auch dazu geführt, dass Leute eine ganze Zeit lang auf unseren Konzerten nur dieses eine Lied hören wollten.

Die ursprüngliche Hook war nämlich nicht „Fick die Uni, Fick die Uni“, sondern „Hochzeit! Hochzeit!“

Ich erinnere mich an ein Konzert, wo diese „Fick die Uni!“-Zwischenrufe so nervig und permanent waren, dass wir als Trotzreaktion den Song sehr oft hintereinander gespielt haben, bestimmt zehnmal. Beim zweiten oder dritten Mal fanden die Leute es noch ganz lustig. Danach sind einige schon rausgegangen. Wir haben den so lange gespielt, bis der Raum eigentlich leer war. Diese Zwischenrufe gibt es tatsächlich heute noch. Auf jedem Konzert ist ein Idiot, der sich nicht zu blöd ist, in einer Songpause „Fick die Uni!“ zu brüllen.

Koljah: Wir haben aber auch ein bisschen Glück. Es gibt ja eine Punkrock-Version von Fick die Uni. Diese Version ist bis heute in unserem Liveset. Die macht Spaß und so konnten wir wieder ein besseres Gefühl zu dem Lied entwickeln. Wir werkeln gerade an der Setlist für die neue Tour. Wir hatten kurz den Gedanken, ob wir nicht doch den Originalbeat spielen sollten. Uns wurde aber schnell klar: Das geht einfach nicht, der ist furchtbar. Als Punkrock-Version ist das Lied einfach gewachsen.

ak[due]ll: So lange es Fick die Uni gibt, werden euch Studis feiern. Auf eurer neuen Platte gibt es einige Lines, die gegen eure Zuhörer*innen schießen. Wünscht ihr euch denn manchmal, ihr könntet euch aussuchen, wer eure Musik hört?

Danger Dan: Wir haben uns schon Mühe gegeben, im Vorfeld zu sortieren. So richtige Arschlöcher können Antilopen Gang gar nicht mögen. Oder die peilen überhaupt nichts, hoffe ich zumindest. Ich glaube, wir haben, zum Beispiel, recht wenig Neonazis auf unseren Konzerten. Das haben wir schon ganz gut gemacht. Man sagt ja immer: Ab 500 kommen die Idioten. Bei uns kamen die leider schon im einstelligen Bereich. Aber tendenziell haben wir immer noch ein sehr nettes Publikum, gerade für eine Hiphop-Crew.

Koljah: Ich finde ja auch, dass Lied gegen Kiffer, was wir heute als neue Single veröffentlicht haben, so ein bisschen ein Nachfolger zu Fick die Uni ist. Dieses Prinzip, Klischees über eine Personengruppe auszubreiten und damit gegen Leute zu schießen, die unter den eigenen Zuhörern sind, ist genau das gleiche. 

Panik Panzer: Was sich da in der Kommentarspalte seit den letzten 16 Stunden anbahnt, ist ziemlich ähnlich zu dem, was damals bei Fick die Uni passiert ist.

Eine Studenten-bewegung stelle ich mir tatsächlich wie so eine FDP-Jugendgruppe vor. 

Das hatten wir in den letzten zehn Jahren in der Form nicht mehr, dass es so viel Groll gibt. Wir freuen uns da richtig drüber. Ich kann es kaum erwarten, sobald der Promotag rum ist wieder durch die Kommentarspalten zu scrollen und mich an all dem Hass der getroffenen Kifferseelen zu ergötzen.

ak[due]ll: Gibt es eine Sache, die ihr der aktuellen Generation von Studierenden sagen möchtet?

Danger Dan: Was mir wichtig wäre: keine Studentenbewegung. Also, dass es nie eine geben wird. Ich glaube, das hat konterrevolutionäres Potenzial. Studierende sind schon eher eine leistungsorientierte, angepasste Gruppe geworden, gerade nach Bologna. Eine Studentenbewegung stelle ich mir tatsächlich wie so eine FDP-Jugendgruppe vor. Das wäre schon wichtig, dass man das verhindert.

Koljah: Mir gefallen diese postmodernen Auswüchse nicht so gut, die sich in den letzten Jahren im akademischen Mainstream breitgemacht haben. Ich finde: Weniger Poststrukturalismus wäre angebracht, weniger Ausläufer wie zum Beispiel Critical Whiteness. Dann doch lieber ganz dogmatisch und orthodox so Marx, Adorno und solche Sachen.

Panik Panzer: Schämt euch.

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