Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

HOCHSCHULPOLITIK

„Jeder Körper ist schön“

Viel zu oft hängt unser Wohlbefinden von unserem Äußeren ab - auch bei Männern. (Foto: seg)

08.04.2018 14:33 - Julia Segantini

Body-Shaming ist die Scham für den eigenen Körper und das abfällige Gerede anderer Menschen darüber. Wer glaubt, dabei handele es sich um ein rein weibliches Problem, irrt. Auch Männer kämpfen mit Unsicherheiten bezüglich ihres Körpers. Zwei Studenten der Universität Duisburg-Essen (UDE) sprachen mit der akduell darüber.



Viele Menschen gehen noch immer davon aus, Männer hätten ein unerschütterliches Selbstbewusstsein und würden Schamgefühle nicht kennen. All diese Probleme seien typisch für Frauen. Nur sie  müssten sich ständig gesellschaftlichen Normen beugen. Trotzdem ist Unsicherheit, was den eigenen Körper betrifft, immer noch ein geschlechtsübergreifend Phänomen.

Ein Blick in den Spiegel und die Laune wandert in den Keller. Ein Student - nennen wir ihn der Anonymität wegen Alex - kennt das nur zu gut. Er erlebte wegen seiner Körpergröße von 1,70 Meter zwar weniger Spott von anderen Männern, dafür aber von Frauen. „Wenn ich mich zu Dates verabredet habe, war das erste, was sehr viele gesagt haben ‚Oh, ich dachte du wärst größer‘“. Bei Dating-Apps sei die Frage nach der Körpergröße eine der am häufigsten gestellten. „Zum Teil wollten sie sich dann nicht mit mir verabreden, wenn ich gesagt habe, dass ich ‚nur‘ 1,70 Meter groß bin. Das scheint für viele ein ausschlaggebendes Kriterium zu sein; Männer müssen anscheinend groß sein“, erzählt er. „Diese Frauen haben ein sehr genaues Bild vor Augen, wie ein Mann zu sein hat. Dabei ist Körpergröße ja etwas, worauf man keinen Einfluss hat“, stellt er klar.

Scham im Schwimmbad

Auch das Thema Gewicht komme immer wieder auf, bestätigt Samuel - der ebenfalls auf seinen Wunsch ein Pseudonym erhält. Selbst Männer, die viele vielleicht als mindestens durchschnittlich gebaut bezeichnen würden, litten unter Body-Shaming, so Samuel. Obwohl er nie übergewichtig war, schämte er sich lange für seinen Bauch. „Ich war nicht so durchtrainiert wie ich es gern gewesen wäre. Aber dann habe ich erkannt, dass das nicht alles ist, was zählt und dass ich einfach gerne esse“, sagt er. Auch Alex kämpfte lange mit seiner Figur. „Man hört halt nicht gerne, dass man zugenommen hat, egal von wem. Das ist auch verletzend, wenn das von Freunden kommt. Schließlich hat man das auch schon selbst gemerkt, auch ohne dass es jemand kommentiert“, sagt Alex. Oft würden solche Kommentare dann vermeintlich witzig formuliert - man meine es ja nicht böse. Deshalb sei es aber nicht weniger verletzend, so Alex.

Seiner Meinung nach habe der Fitness-Trend stark zur Ausbildung von Körperkomplexen beigetragen. Als Mann traue man sich kaum noch ohne Sixpack ins Schwimmbad, es würde  Überwindung kosten, das Shirt auszuziehen. Alex hat allerdings noch einen anderen Grund, warum er Schwimmbäder meidet. „Das ist noch aus meiner Kindheit. Über meinen Bauch zieht sich eine riesige Narbe. Ich möchte nicht, dass die jemand sieht und sich lustig macht“, gesteht er. „Weil sie sich an einer ungünstigen Stelle befindet, sieht es so aus, als hätte ich zwei große Speckrollen, die von der Narbe getrennt werden. Dabei ist das gar nicht der Fall“, beschwert sich Alex. Nur allzu gut erinnert er sich an die Verspottungen aus seiner Kindheit. „‚Smiley-Gesicht‘ haben die anderen dazu immer gesagt. Weil die Narbe mit den Brustwarzen wohl so eine Art Gesicht formt“, erinnert er sich. Eine ähnliche Erfahrung machte auch Samuel. „Aufgrund einer OP besitze ich eine unschöne Narbe und hatte früher, zum Beispiel in Schwimmbädern, das Gefühl, man würde mich auslachen - auch wenn das nicht so war.“

Schluss mit Schubladen

Im letzten Jahr hat Alex einiges an Gewicht verloren und fühlt sich dadurch besser. Trotzdem trage er bestimmte Oberteile nicht, wenn er sie unvorteilhaft findet. „Durch meine enorme Gewichtsabnahme, habe ich an vielen Stellen Dehnungssstreifen. Ich achte immer darauf, sie zu kaschieren“, erklärt er. Nicht nur weil sie unschön seien, auch weil allein der Begriff „Schwangerschaftsstreifen“ weibliche Assoziation hervorrufen würde. Darüber hinaus würden Mitmenschen ihn manchmal als weniger männlich empfinden. „Ich habe eine sehr weiche Art und wirke dadurch nach außen oftmals eher weiblich.“, erklärt er. Oft hätten andere daraus dann Rückschlüsse auf seine Sexualität gezogen. Er werde zudem öfter darauf hingewiesen, dass er eine feminine Stimme habe. „Ich sehe diese Tatsache aber mittlerweile als Stärke an, weil mich diese Stimme auf gesanglicher Ebene stark zeichnet und sie sehr viele genau aus diesem Grund mögen“, sagt er stolz.

„Es geht darum, dass die Beschreibung einer Person auf die Figur reduziert wird und man nur anhand dessen in Schubladen gesteckt wird, was die Persönlichkeit und Sexualität angeht“, resümiert Alex. Samuel sieht die Wurzel des Problems in der binären Geschlechterordnung. Die Assoziation „Männer gleich stark Frauen gleich schwach sei an sich schon falsch. „Ich denke, dass das Schwarz-Weiß-Denken ein großes Problem darstellt. Ein Mensch ist nicht das eine oder das andere. Jeder hat von allem ein bisschen und das macht uns doch auch so einzigartig“, findet er.

Beratungsangebote, die sich konkret mit Body-Shaming beschäftigen sind eher rar, besonders solche, die sich explizit an Männer richten. In jedem Fall kann man(n) sich aber an die richten. Termine können per Mail vereinbart werden. Für den Anfang raten Alex und Samuel allen Betroffenen dazu, sich Zeit für sich selbst nehmen und zu lernen, seinen Körper so zu akzeptieren, wie er ist. „Jeder Körper ist schön. Und wenn dich etwas wirklich stört, ändere es. Aber tu es für dich, nicht für andere“, meint Alex. Auch Samuel ist inzwischen mit sich im Reinen. „Ich denke, dass das Über-Den-Tellerrand-Gucken mir sehr gut getan hat. Ich habe gemerkt, dass man die schönsten Erlebnisse hat, wenn man sich mal was traut. Gerade das hat mir auch extrem geholfen, selbst toleranter zu werden“, stellt er fest. Samuel rät Betroffenen, Ängste bewusst zu konfrontieren. „Fahr alleine weg. Erleb was. Geh alleine aufs Konzert, sing laut in der Öffentlichkeit oder blamier dich auf der Tanzfläche. Schlimmstenfalls stellt sich jemand zu dir und macht mit.“

Vorlesungsreihe an der UDE: "We don’t need another hero?"

Sie sind irrsinnig-besonders. Sie haben Grausames durchgemacht und dennoch nicht den Glauben verloren. Und sie retten meist die ganze Welt. Gelegentlich sogar das Universum. Held*innen sind eben super. Die elfteilige Vorlesungsreihe „We don’t need another hero?“, die vom 17. April bis zum 10. Juli an der Universität Duisburg-Essen (UDE) stattfindet, stellt nicht nur Klischees infrage, sondern begutachtet die sogenannten Held*innen aus aktuellen Serien und Filmen mit wissenschaftlicher Akribie. Und das auf Englisch.
 

–>Mein Campuserlebnis<–

In unserer Serie Campuserlebnisse erzählen Studierende von ihren schönsten, peinlichsten, kuriosesten oder verwirrensten Momenten an der Universität Duisburg-Essen.
 

Vorhang zu für das Grammatikoff?

Das Duisburger Grammatikoff steht vor dem Aus. Was da gerade in der Duisburger Kulturpolitik los ist, lest ihr hier.
 
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