erstem und zweitem Teil, die bereits in den vergangenen Ausgaben der ak[due]ll veröffentlicht wurden, berichtete Mike zunächst von seinem Weg nach Rojava von einer Demonstration in Deutschland bis an die Front im Norden Syriens und seine dortigen Erfahrungen. Im dritten Teil stehen Mikes Motive und die Schattenseiten vom Krieg in Rojava im Vordergrund.">
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HOCHSCHULPOLITIK

"Es ist es auch einfach nicht wert da an der Front zu sterben.“

YPJ-Kämpferinnen präsentieren ein Portrait des PKK-Vorsitzenden Abdullah Öcalan. (Foto: Kurdishstruggle 2015/ flickr.com/ CC-BY 2.0)

05.11.2015 09:40 - Gastautor*in



Anfang des Jahres ging Mike (Name geändert) ins nordsyrische Rojava, um die kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) in ihrem Kampf gegen den Islamischen Staat zu unterstützen. Kurz nach seiner Rückkehr ist dieses dreiteilige Interview entstanden. In dem Teil, die bereits in den vergangenen Ausgaben der ak[due]ll veröffentlicht wurden, berichtete Mike zunächst von seinem Weg nach Rojava von einer Demonstration in Deutschland bis an die Front im Norden Syriens und seine dortigen Erfahrungen. Im dritten Teil stehen Mikes Motive und die Schattenseiten vom Krieg in Rojava im Vordergrund.

Von Gastautor Philipp Adamik

ak[due]ll: Spannend finde ich, dass du dich selbst als Pazifisten bezeichnest. Trotzdem hast du in Rojava mit der Waffe in der Hand gekämpft. Wie vereinbarst du deinen Pazifismus mit dem Kriegseinsatz?

Mike: Ich bezeichne mich nicht in erster Linie als Pazifist, sondern nur im weitesten Sinne. Ich lehne Krieg ab, prinzipiell. Also eben nicht prinzipiell. Ich glaube, dass Krieg etwas Schlimmes ist. Ich möchte nicht, dass Menschen sterben oder verletzt werden. Mein höheres Ziel, mein Anspruch an eine befreite Gesellschaft ist, dass Krieg nicht mehr existiert.

ak[due]ll: Pazifismus ist für dich also eine Art ideologisches Ziel.

Mike: Ja, aber mir ist aber bewusst, dass die Realität anders aussieht. Imperialistische Kriege sind ein Teil der Realität, in der wir leben, in der viele Menschen außerhalb Europas leben müssen. Es ist auch teilweise eine Notwendigkeit dagegen vorzugehen. Und das ist für mich eben auch eine Frage meines Verhältnisses zur Militanz. Auch in Deutschland; auch in Europa. Für mich ist Militanz ein politisches Mittel. So wie Ulrike Meinhof das gesagt hat. Auch wenn ich Gewalt, genauso wie Krieg ablehne, bin ich der Meinung, dass Steinewerfen auf Demonstrationen – nicht mit dem Zweck Menschen zu verletzten, sondern um ein Zeichen zu setzen – eine politische Aktion ist. Ganz einfach. Für mich ist nach Rojava zu gehen und dort gegen Faschisten zu kämpfen, also mit Waffengewalt für die Revolution zu kämpfen, nur die Konsequenz daraus. Ich sehe hier in Europa aber genauso die Notwendigkeit gegen Faschisten zu kämpfen. Das ist für mich nur konsequent.

ak[due]ll: Human Rights Watch kritisiert zahlreiche Menschenrechtsverletzungen in Rojava, räumt aber gleichzeitig ein, dass diese in Rojava weitaus geringer seien, als unter syrischer Herrschaft. Hast du davon etwas mitbekommen?

Mike: Ja, natürlich. Vieles. An der Front viele Plünderungen und Zerstörungen. Die kurdische Partei in Rojava, die PYD [Anmerkung: Partiya Yekitîya Demokrat] hat auch ein Problem mit der Behandlung von Oppositionellen. Es gibt diese Berichte, jetzt nicht über Folterungen, aber über Prügel, unberechtigte Verhaftungen und so weiter. Letzteres konnte ich zwar nicht beobachten, das habe ich aber vorher gelesen. An der Front habe ich dann Einiges selber mitbekommen. Da wurden Gefangene tatsächlich von Kurden verprügelt. Jetzt nicht gefoltert, aber verprügelt. Und wenn Gefangene befragt wurden, kam es auch zu Scheinhinrichtungen.

ak[due]ll: Scheinhinrichtungen bedeutet?

Mike: Naja. Augen verbinden. Sehr grob mit denen umgehen. Sie auf die Knie schmeißen, die Waffe durchladen und so tun, als würde man die jetzt erschießen.

ak[due]ll: Erschossen wurden sie aber nicht, oder?

Mike: Nein. Das ist aber trotzdem ein Kriegsverbrechen. Das ist schwer zu vermitteln. Ich habe auch sehr lange gebraucht, um das zu verstehen. Am Anfang war ich sehr schockiert. Ich habe sehr viel Energie darauf verwendet so etwas zu verhindern. Aber das ist eben Krieg. Und Krieg macht krasse Sachen mit Menschen. Ich habe da natürlich immer die Kontrolle über mich gehabt, logischerweise. Aber irgendwann konnte ich zumindest nachvollziehen, dass Menschen, die das seit Jahren machen, so reagieren. Ich konnte verstehen, dass sie einen Gefangen erst mal verprügeln und ihm kein Wasser geben.

ak[due]ll: In Anbetracht der Schrecken, die du dort erlebt hast und dem Umstand, dass auch in Rojava bei weitem nicht alles perfekt ist, drängt sich die Frage auf, ob du noch mal nach Rojava gehen würdest?

Mike: Ich wurde zwar in vielen Punkten enttäuscht, aber Rojava ist nach wie vor ein Projekt, das ich unterstütze und nach wie vor für unterstützenswert halte. Ich würde wahrscheinlich nicht nochmal nach Rojava fahren wollen, aber ich würde es theoretisch, wenn es nötig wäre, tun.Ich wollte ursprünglich sehr viel länger dort bleiben. Aber ich habe irgendwann gemerkt, dass mein militärischer Nutzen dort eher gering ist. Und anderseits, dass mein politischer Nutzen als politischer Aktivist in Europa sehr viel größer ist. Es ist es auch einfach nicht wert, da an der Front zu sterben, während ich hier sinnvolle politische Arbeit machen kann. Es haben auch andere Sachen da mit rein gespielt. Zum Beispiel, dass ich jetzt schon wieder hier bin. Ich habe dort meine Gruppe verloren. Die wurde nach einem sehr heftigen Angriff aufgelöst. Und nach und nach kommen die meisten jetzt auch wieder zurück. Ich bin quasi nur der Erste.

ak[due]ll: Der militärische Nutzen der Meisten, die dieses Interview lesen, wird wahrscheinlich nicht besonders groß sein. Gibt es auch noch andere Möglichkeiten sich in Rojava zu engagieren?

Mike: Ja, in der Aufbauhilfe oder im medizinischen Bereich. Das halte ich auch für jemanden aus Europa für sehr viel sinnvoller als dort zu kämpfen. Davon würde ich auch jedem abraten.

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