Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

HOCHSCHULPOLITIK

Im Fadenkreuz türkischer Nationalisten

Prof. Dr. Burak Çopur ist Lehrbeauftragter am Institut für Turkistik an der Universität Duisburg-Essen. [Foto: privat]
18.12.2019 10:26 - Anna Riemen

Burak Çopur ist Lehrbeauftragter am Institut für Turkistik an der Universität Duisburg-Essen. Als Kritiker des Erdogan-Regimes muss der promovierte Politikwissenschaftler, Türkei-Experte und Migrationsforscher bereits seit Jahren Drohungen und Anfeindungen türkischer Nationalisten über sich ergehen lassen. Diese gingen nun noch einen Schritt weiter: Die Universitätsleitung erhielt E-Mails mit der Forderung, Çopur den Lehrauftrag zu entziehen. Und bezog daraufhin klar Stellung. 

„Wir werden uns für die Freiheit der Rede und der Wissenschaft stark machen. Wir stellen uns vor den Kollegen.“ Diese deutlichen Worte fand Ulrich Radtke, Rektor der Universität Duisburg-Essen, während der letzten Senatssitzung. Er tat damit stellvertretend für die gesamte Universitätsleitung seine Solidarität mit Burak Çopur kund. Neben den via E-Mails geführten Angriffen auf seine Karriere wurde der Professor vor allem im Netz mit Hetze konfrontiert. „Es gab viel Hass und Anfeindungen auf meinen sozialen Netzwerk-Accounts, die bis hin zu Morddrohungen gingen,“ berichtet Çopur. 

Verschleierungsversuche dunkler Kapitel 

Artikeln der WAZ sowie der NRZ ist zu entnehmen, dass der Anlass für die neuesten Anfeindungen die öffentliche Beschäftigung Çopurs mit einer Sendung des ARD-Magazins Titel, Thesen, Temperamente war. Ihr Thema war das Dersim-Massaker, das die türkische Armee an Angehörigen der alevitischen Minderheit 1937/38 verübt hatte. Der Politologe hatte nach Ausstrahlung des Formats auf seinem Facebook-Profil historische Einschätzungen zu der Sendung geäußert. 

Ali Ertan Toprak, Bundesvorsitzender der Kurdischen Gemeinde Deutschland (KGB), meldete sich hierzu in einer Pressemitteilung auf der Webseite der KGD zu Wort: Laut ihm sei die Leugnung dunkler historischer Kapitel Teil der türkischen Staatsdoktrin. Sie passen nicht zum „Heldenmythos einer großen, unbezwingbaren und unbefleckten Nation“, den die Regierung propagiere. Die Bemühungen Çopurs, „historische Verbrechen der Türkei aufzuarbeiten und Studierende für einen interkulturellen Dialog zu sensibilisieren“ stehen den Bemühungen türkischer Nationalisten, diese Verbrechen zu verschleiern, folglich direkt entgegen. Toprak zufolge seien die von türkischen Rechtsextremisten ausgehenden Drohungen somit „nichts weiter als der Export repressiver Maßnahmen über die türkischen Staatsgrenzen hinaus nach Deutschland.“ 

Toprak selbst habe Çopurs Beitrag auf Facebook geteilt. Daraufhin sei er von Nutzer*innen mehrfach dem sozialen Netzwerk gemeldet und schließlich von Facebook gesperrt worden. Dies berichten die Kreisverbände Bündnis 90/Die GRÜNEN Essen und Duisburg in einer Pressemitteilung, die der Redaktion vorliegt. In den sozialen Medien werde somit auch die Meldefunktion missbraucht, um einen „kritischen und faktenbasierten Diskurs“ zu unterbinden. „Das ist nicht nur ein feiger Angriff auf Burak Çopur, sondern auch auf unseren demokratischen Diskurs. Wir erklären uns mit Burak Çopur solidarisch,“ heißt es von Gönül Eğlence, Sprecherin von Bündnis 90/Die GRÜNEN in Essen.

Solidarisch gegen radikale Kräfte

Çopur selbst möchte sich weniger zum Hass, als viel mehr zu der Welle an Unterstützung äußern, die ihm zuteilwurde: Die massiven Einschüchterungsversuche gegen seine Person hatten großes öffentliches Interesse gefunden und noch viele weitere Solidaritätsbekundungen nach sich gezogen. Neben kurdischen und alevitischen Dachverbänden hätten auch prominente Politiker, wie die Bundestagsabgeordnete Sevim Dağdelen (Die Linke), ihre Verbundenheit ausgedrückt.

„Das ist nicht nur ein feiger Angriff auf Burak Çopur, sondern auch auf unseren demokratischen Diskurs.”

„Das macht natürlich Mut und Hoffnung in Zeiten, wo man von türkisch-nationalistischen Kreisen mundtot gemacht werden soll.“ Auch die Studierendenschaft stärke ihm den Rücken. „Es gab eine große, breite Unterstützung. Vom AStA, von der alevitischen Hochschulgruppe. Es haben auch ganz neue Studenten mein Seminar besucht und ihre Solidarität mit mir erklärt, auch mein Kurs hat deutlich gemacht hat, dass er hinter mir steht.“ 

Er wolle sich vor allem beim Dekanat, dem Rektorat und dem Institut für Turkistik bedanken. Es habe ihn sehr aufgebaut, dass solche Angriffe gegen die Wissenschaftsfreiheit von der Universitätsleitung abgewehrt wurden und man sich schützend vor die Lehrkräfte stelle. „Meine Botschaft wäre: Nur so kann man gemeinsam gegen Nationalisten und radikale Kräfte in einer Gesellschaft angehen. Nur durch eine gemeinsame Solidarität.“
 

Studio Ghibli: Magie in Bildern

Unser Redakteur Erik Körner über die Faszination Ghibli.
 

„Tschick“: Inklusives Road-Trip-Theater

Der Road-Trip-Bestsellers „Tschick” wurde am Theater Essen in die deutsche Gebärdensprache übersetzt.
 

AStA kritisiert Essener Ausländerbehörde

Terminmangel, schwer erfüllbare Anforderungen und unfreundliche Behandlung: Das soll sich jetzt ändern.
 
Konversation wird geladen