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HOCHSCHULPOLITIK

Bewertet nach Fuckability

26.03.2019 13:06 - Dennis Pesch

"Attraktive Studentinnen" sollen in Bochum auf den Laufsteg. [Symbolbild: Pixabay]

Seit 20 Jahren veranstaltet das Akademische Förderungswerk (AKAFÖ) den Hochschulball an der Ruhr-Universität Bochum (RUB), an dem jährlich rund 1.500 Gäst*innen teilnehmen. Zum ersten Mal soll es nun eine Modenschau in Zusammenarbeit mit dem Unternehmen 7Slim Fashion geben, einer Schneiderei von vier Geflüchteten aus Syrien. Dafür sucht das Unternehmen Studentinnen, die die Kleider präsentieren – allerdings nur in Kleidergröße 36 und notfalls in 38.

Grundsätzlich hat der Hochschulball einen ganz anderen Zweck: Akademiker*innen, Politiker*innen, Wirtschaftsvertreter*innen und Studierende der RUB können sich beim Ball vernetzen. „Da gibt sich die akademische Szene die Klinke in die Hand“, sagt AKAFÖ-Pressesprecher Jonathan Ludwig. Was anfangs nur ein Netzwerk-Event war, sei auch ein Stück weit zur Tradition geworden. Dabei kommt es nun zum ersten Mal zur Kooperation mit einem Modeunternehmen.

Über Social Media suchte das Unternehmen Studentinnen für die Modenschau, vorzugsweise in Kleidergröße 36, notfalls in 38, wie Sieglinde Graf bestätigt. Sie ist ehrenamtlich Unternehmensberaterin für Vertrieb und Marketing bei 7Slim Fashion, unterstützt das Label. „Es ist generell bei einer Modenschau so, dass die Kleidergröße 36 oder maximal 38 haben.“ Das Unternehmen selbst bietet jedoch Maßanfertigungen an, ist also gar nicht auf eine bestimmte Kleidergröße reduziert.

bsz ruft „attraktive RUB-Studentinnen“ zur Teilnahme auf

Für die öffentlichkeitswirksame vier-minütige Modenschau werden allerdings keine Maßanfertigungen vorgenommen. Die Kleider kommen aus dem Bestand von anderen Modenschauen, bei denen die Models Kleidergröße 36 tragen. Rund 150 Kleider hat das Unternehmen im Bestand. 7Slim Fashion will beim Hochschulball die Kleider präsentieren, damit das Label bekannter wird und Frauen sich dort nach den Mustern Maßanfertigungen schneidern lassen. „Dann machen wir das gerne auch in 48“, sagt Graf.

„Wenn man bekannt werden möchte, dann muss man sich gewissen Zwängen unterwerfen“, erklärt sie die Gründe für die Entscheidung. „Da muss man das machen, was Masse ist.“ Für 7Slim Fashion gehe es im Anschluss darum, was sich die Frauen von der Maßanfertigung wünschen. Die Attraktivität von Frauen käme aber natürlich von innen und sei nicht vom Gewicht und dem Äußeren abhängig, ergänzt Graf. Trotzdem besteht das Unternehmen auf Kleidergröße 36. Dafür erhalten die Studentinnen eine Eintrittskarte und eine Verzehrkarte im Wert von 20 Euro für den Hochschulball.

Die Bochumer Stadt- und Studierendenzeitung (bsz) rief schon Ende Februar die RUB-Studentinnen auf, sich für die Modenschau zu bewerben: „Attraktive RUB-Studentinnen gesucht: 7Slim Fashion und das Akafö suchen die drei schönsten Laufstegläuferinnen“, heißt es in der Meldung. Weil der Hochschulball meist innerhalb von wenigen Stunden ausverkauft ist, gibt es nur wenige Möglichkeiten, noch an Karten dafür zu kommen. „Eine davon ist, als Model für die Designer von 7Slim Fashion, das sowieso schon geschmackvolle Hochschulballpublikum noch ein wenig zu verschönern“, so die bsz.

Was ist attraktiv?

AKAFÖ-Pressesprecher Jonathan Ludwig erklärte auf Anfrage der akduell, dass die Formulierungen der bsz weder von 7Slim Fashion stammen noch vom AKAFÖ. Dass es überhaupt eine Modenschau beim Hochschulball gibt, ist darauf zurückzuführen, dass 7Slim Fashion mit dem Kulturbüro des AKAFÖ zusammenarbeitet. Ludwig erklärt: „Was für uns im Vordergrund steht, ist der Integrationsgedanke. Wir wollten Menschen aus einem Bürgerkriegsland helfen, den Neustart zu wagen.“ Laut Ludwig gibt es für das AKAFÖ keine Definition, „was attraktiv ist. Wie die Models aussehen und welche Kleidergröße sie haben, ist für uns nicht relevant.“

Ziel der Aktion sei nicht gewesen, ein stereotypes Bild von Attraktivität oder eine Sexualisierung von Frauen zu transportieren. Dabei ist das Thema offenbar auch schon bei der Gleichstellungsbeauftragten der RUB angekommen, sagt Ludwig. „Ich glaube, das liegt daran, dass wir uns hier in einem Umfeld bewegen, in dem sich Menschen damit auseinandersetzen.“ Das akademische Umfeld sei sehr kritisch, weil viele Menschen an der RUB etwa zur Thematik forschen.

Ökonomische Zwänge auch bei Frauen-Körpern

Das Autonome Frauen*Lesben-Referat an der RUB kritisiert die Modenschau: „Generell sollten Studentinnen beziehungsweise Frauen natürlich nicht auf ihren Körper und vor allem nicht auf die Kleidergröße 36 reduziert werden, was für alle die über 1,60 sind auch nur mit Hungern und/oder einem großen gesamtgesellschaftlichen Zwang zur Selbstoptimierung zu erreichen ist.“ Dem Referat stößt eine Objektifizierung von Frauen bei Modenschauen grundsätzlich auf, besonders aber beim Hochschulball an einer Universität: „Dass dieser Ball stattfindet, ist das Eine, aber dass ausgerechnet Studentinnen nur nach ihrem Aussehen und ihrer Fuckability bewertet werden, ist an der Universität natürlich fehl am Platz.“

Die Universität sollte kein Ort sein, an dem der Konkurrenzdruck Frauen zu Objekten macht, statt sie als angehende Akademikerinnen wertzuschätzen

Die ökonomischen Zwänge, denen 7Slim Fashion unterliegt, machen dabei im Besonderen auch nicht halt vor den Körpern von Frauen, wie das Referat betont: „Natürlich wissen Studentinnen, dass sie trotz guter Noten später im Berufsleben auch Qualifikationen mitbringen müssen, die nach äußerem Erscheinungsbild und vermeintlich weiblichen Eigenschaften wie Teamfähigkeit eingeordnet werden, um überhaupt Aufstiegschancen zu haben.“

Es gäbe auch hier mehrfache Anforderungen an Frauen zur neoliberalen Selbstoptimierung. Dass die RUB sich diesen Kriterien beugt, steht in der Kritik der Studentinnen-Vertretung: „Die Universität sollte kein Ort sein, an dem der Konkurrenzdruck an sexistischen und patriarchalen Strukturen festhält und die Frauen zu Objekten macht, statt sie als angehende Akademikerinnen wertzuschätzen. Diesen sollte die Möglichkeit gegeben sein auf einem Ball zu feiern, wenn sie unbedingt wollen, ohne diesen Zwängen zu unterliegen.“

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