Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

GESELLSCHAFT

Zu Hause in der neuen Heimat Ruhr?

Eine Ausstellungsbesucherin in „Neue Heimat Ruhr“ (Foto: lenz)

14.02.2018 08:46 - Lorenza Kaib



Arbeitsmigration, Asylsuchende, internationale Studierende Ausschau haltend nach neuen Möglichkeiten – das Ruhrgebiet wird seit Jahrzehnten geprägt von sich hier neu ansiedelnden Menschen. Die Ausstellung „Neue Heimat Ruhr“ zeigt im Gelsenkirchener Wissenschaftspark sowie auf einer interaktiven Online-Plattform fotografische Arbeiten von Künstler*innen und Amateur*innen zur Suche von Menschen nach einem neuen Zuhause. Ein bunter Mix aus guten, mittelmäßigen und fragwürdigen Positionen wird in der Ausstellung nebeneinander präsentiert.

Der Wissenschaftspark Gelsenkirchen: Eine Mischung aus Stadtverwaltung, Tagungsräumen und einem Hauch Industriegeschichte. Es scheint ein passender Ort zu sein, an dem Zeitebenen und Arbeitsbereiche aufeinander treffen, um eine Ausstellung zu sich verändernden Bevölkerungsstrukturen im Ruhrgebiet zu zeigen. Arbeiten von 47 Künstler*innen warten an Wänden zwischen Büroräumen auf interessiertes Publikum. Doch leider fehlen vor Ort allgemeine Informationen zur Ausstellung, Kurator*innen, dem Online-Projekt – all das lässt sich erst via Internetrecherche in Erfahrung bringen. Um sich die Ausstellung anzuschauen, muss man den gesamten Wissenschaftspark abgehen. Es ist auch eine Reise durch die Jahrzehnte.

Angefangen mit türkischen und koreanischen Gastarbeiter*innen seit den 1960er Jahren bis zu Geflüchteten aus afrikanischen Ländern und Syrien in der heutigen Zeit sind viele Thematiken in „Neue Heimat Ruhr“ präsent. Bei manchen Arbeiten handelt es sich um eine zur jeweiligen Zeit stattgefundenen Dokumentation von Arbeitswelt, wie etwa Arbeitswelt von Manfred Vollmer, oder der Suche nach Asyl. Für andere Projekte haben sich die Künstler*innen auf den Weg gemacht, vor Jahrzehnten ausgewanderte Menschen zu fotografieren. Kim Sperling portraitierte für Kyopo Koreaner*innen, die zwischen 1963 bis Anfang der 1980er Jahre nach einem Abkommen zwischen Südkorea und Deutschland in die Bundesrepublik kamen. Die Aufnahmen entstanden in Deutschland und Korea: „Mein Projekt ist eine Serie von Portraits dieser noch hier lebenden koreanischen Migranten der ersten Generation“, äußert sich Sperling. Vermutlich aus Platzgründen sind maximal vier Fotografien von jeder Arbeit zu sehen, was in manchen Fällen die Aussagekraft der Arbeit fast auf Null setzt. Emine Ercihan verfolgt mit Die erste Generation einen spannenden Ansatz: Sie fotografierte Menschen, die aus verschiedenen Ländern in die Bundesrepublik kamen und nicht nur ihre Arbeitszeit, sondern auch ihren Ruhestand, hier verbringen.

Gastarbeitende und Geflüchtete

Hinter den meisten der in Gelsenkirchen gezeigten Arbeiten steckt eine Person, die sich mit einem anderen Lebensstil auseinandersetzt. Oftmals ist es ein Blick von außen, aus dem heraus die gezeigten Arbeiten entstanden sind. Ganz extrem ist das etwa in der Serie Fenster von Cornelia Wimmer zu sehen und spüren. Sie hat durch Schaufensterscheiben die Auslagen fotografiert, welche sie als fremd empfand – zu sehen sind etwa eine japanische Maneki-neko („winkende Katze“) oder eine Ghanesh-Statue. Eine der Ausnahmen ist Evi Links Arbeit Was mache ich hier?. Ihre sehr nahen, dunklen und zu größten Teilen unscharfen, sich teilweise überlagernden Aufnahmen zeugen von einer großen Nähe. Doch es liegt auch eine Beklemmung in den Fotografien. „Die experimentelle fotografische Arbeit beschäftigt sich mit dem Wartezustand zwischen Flucht und Asyl. Dieser Zeitraum beträgt in Deutschland für einige Geflüchtete sogar mehrere Jahre. In dieser Phase verschwimmt die Wahrnehmung von Raum und Zeit. Die Geflüchteten sind gezwungen, inaktiv darauf zu hoffen, dass sich etwas in ihrem Leben verändert und sie dann wieder ein selbstbestimmtes Leben führen können“, erläutert Blink in dem Text neben ihrer Arbeit.

Die Wandtexte zu den einzelnen Arbeiten sind nicht etwa von einer*einem Kurator*in, sondern den Fotograf*innen selbst geschrieben worden. Das macht sie oft interessant, aber manchmal auch problematisch. So bietet etwa die Aussage von Matthias Bozellec zu seiner Arbeit Wohnheim Portendiek-Straße wenig Information und wirkt gleichzeitig unreflektiert: „2002 wurde ein Wohnheim für Roma in der Portendiekstraße in Essen eingerichtet. Sie kamen aus Serbien und wurden nach dem Krieg zurückgeführt.“ Ob die Rom*nija freiwillig zurückgegangen sind oder es sich hier beim Begriff der Rückführung nicht etwa um eine Verharmlosung von Abschiebung handelt, ist ungewiss.

Vor noch mehr Fragen stellt einen die Serie Vom Mensch zum Flüchtling, wo bereits die Titelwahl problematisch wirkt. Cornelia Suhan zeigt in ihren Fotografien Menschen, die sie nah an Werbeästhetik – etwa für Arbeits- und Bundesministeriumsbroschüren – inszeniert hat: Ein Mann in einem Schneiderladen, eine Frau in Krankenpfleger*innenuniform, ein junger Mann mit Bass-Gitarre im Baum. Den Wandtext zu den drei ausgestellten Fotografien hat Ralf Jäger (SPD), ehemaliger nordrhein-westfälischer Innenminister, geschrieben. Er bedankt sich bei der Fotografin und verlautbart: „Etwa 60 Millionen Menschen sind derzeit weltweit auf der Flucht. Im Jahr 2015 haben rund 300.000 Flüchtlinge eine erste Zuflucht in Nordrhein-Westfalen gefunden. Allen hier ankommenden Männer, Frauen, Kinder und Jugendliche werden menschenwürdig untergebracht, versorgt und dürfen sich bei uns sicher fühlen. Aber nicht alle Menschen, die Deutschland und Nordrhein-Westfalen als Flüchtlinge erreicht haben, werden nach Abschluss ihres Asylverfahrens auch hier bleiben können.“ Verschiedene Fotoprojekte, in denen subjektiv unterschiedliche Themen behandelt werden – schön und gut. Solche Texte unkommentiert stehen zu lassen, zeugt jedoch nicht nur von künstlerischer Freiheit, sondern vor allem von fehlender Auseinandersetzung mit dem Material seitens der Organisator*innen. Doch wie wenig zutreffend Jägers Aussage ist, wird durch andere Arbeiten der Ausstellung schnell entlarvt: Jutta Schmidt zeigt in 4 Tonnen Luft etwa eine Traglufthalle in Dortmund/Stadtkrone Ost, die 2015 als Erstaufnahmeeinrichtung erbaut und genutzt wurde. Von Menschenwürde kann bei einer Unterbringung für 300 Menschen, die „wenig mehr für eine Familie bietet als eine offene Holzkiste“, kaum die Rede sein. Auch Rainer Bigges Arbeit To go or not to go zeigt eine Erstaufnahmeunterkunft. In Recklinghausen konzipiert und für 1.000 Geflüchtete konstruiert, erweckt sie den Eindruck einer steril-anonymen Stätte des Wartens.

React!

Wie es Menschen geht, die vor der Abschiebung stehen und bis dahin in Gefängnissen leben müssen, zeigt Michael Kerstgens sehr eindringlich in seiner Arbeit Asyl. Zudem informiert er über die juristischen Verschärfungen der Sicherungshaft in den letzten Jahren.

Das Persönliche, erzählt aus der eigenen Perspektive: Was bei der Ausstellung im Wissenschaftspark an einigen Stellen fehlt, ist dafür auf der Online-Platform „“ verstärkt anzutreffen – zumindest das Potential dafür. Man kann sogar von Selbstermächtigung am eigenen Bild sprechen, wenn etwa die syrische Familie Abdullah Yunes zwei Bilder von sich – draußen und drinnen im Wohnzimmer – ssamt Text hochlädt.

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