Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

GESELLSCHAFT

Woher Oberflächlichkeit kommt - und warum sie tötet.

Essstörungen werden geschürt durch Neoliberalismus. [Foto: Pixabay]

23.11.2021 20:51 - Julika Ude

„Steht dir richtig, der flache Bauch!“ oder „Mit ein bisschen mehr auf den Rippen siehst du gleich viel weiblicher aus“, sind nur zwei der tagtäglich, fast schon automatisiert getroffenen, oberflächlichen Kommentare, bei denen sich niemand etwas denkt, nach denen nur leider auch niemand gefragt hat. Dass das ständige Bewerten politischen Ursprungs und sogar tödlich ist, begreifen nur die Allerwenigsten.

Eine Kolumne von Julika Ude

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Gegen Ende des Jahres 2020 lädt ein deutscher Youtuber auf seinem Kanal „Leeroy will`s wissen“ ein Video hoch, in dem er eine Magersüchtige interviewt. Im Präteritum steht auf dem Thumbnail geschrieben: „Josi (ƚ24) war magersüchtig“, denn einige Tage vor Veröffentlichung des Videos gehört sie zu den 10 Prozent der Magersüchtigen, die an ihrer Krankheit sterben. Josis Geschichte ist kein Einzelfall. Sie ist ein Abbild der vorherrschenden Gedankenkultur über Körper, geprägt von ungesunden Idealen und Kontrollzwang. Außerdem, und noch viel grundlegender, ist sie ein Abbild unserer Gesellschaft mit dem naiven Glauben an eine neoliberale Ideologie, die uns erzählt, wir müssten all unsere Fehler beheben um erfolgreich sein zu können.

Hast du dich eigentlich schon mal gefragt, warum du dich dafür bedankst, wenn dir jemand sagt, dass er oder sie etwas an deinem Körper schön findet? Oder erscheint es dir schon völlig normal, andere zu bewerten und von anderen bewertet zu werden? Ein Kompliment zu einem flachen Bauch ist sicher nett gemeint. Aber warum findest du es nicht komisch, dass Menschen deinen Körper zu analysieren scheinen, sich eine Meinung dazu bilden und das als so legitim empfinden, dass sie ihre Gedanken auch noch äußern?

Neoliberalismus und Bewertungskultur

Stephen Metcalf sieht die Ursache dafür in unserem Wirtschaftsmodell. In seinem Artikel Die Idee, die die Welt verschlingt schreibt er: „Neoliberalismus ist die herrschende Ideologie unserer Zeit – eine, die den Gott des Marktes verehrt und uns das nimmt, was uns menschlich macht“. Wir sind es gewöhnt ständig im Vergleich zu stehen, denn uns wird „selbstverständlich mit auf den Weg gegeben, dass Wettbewerb das einzige legitime Organisationsprinzip menschlichen Handelns ist.“ Uns wird erzählt, wir könnten alles erreichen, wenn wir nur fleißig genug sind. Sind wir nicht erfolgreich, dann weil wir uns nicht genug angestrengt haben und es andere gibt, die besser sind als wir. Die Folge dieses Denkens ist ständiger Konkurrenzdruck, der schon längst nicht mehr nur auf der Arbeit oder in der Schule präsent ist. Besonders im Alltag geht es darum teurere Klamotten zu tragen, mehr Gewicht zu heben; besser oder attraktiver als die anderen zu sein oder zumindest mit ihnen mitzuhalten. Unser Körper ist zu unserem Kapital geworden. Und weil wir uns ständig damit beschäftigen müssen, nicht daran zu verlieren und den vorherrschenden Schönheitsidealen zu entsprechen, erscheint es uns als völlig normal Mitmenschen zu bewerten, zu beneiden, oder gar zu beleidigen.

Folgen der Wettbewerbsgesellschaft

Josi berichtet in ihrem Interview von genau diesem Phänomen. Bereits in der Grundschule beginnen ihre Mitschüler:innen sie zu beleidigen und als zu dick zu bezeichnen. Obwohl sie nie übergewichtig war, entwickelt sie als Reaktion darauf den Willen, ihren Fettanteil stark zu reduzieren. Als sie Gewicht verliert und dafür viele Komplimente bekommt, will sie immer weiter abnehmen. Sie beteuert, als Magersüchtige übernehme man das in der Gesellschaft geltende Bild, man würde durch das Zunehmen von Gewicht Schwäche und durch das Abnehmen Disziplin zeigen.

Betrachtet man die Zahlen, so wird deutlich wie groß der Kreis der Leidenden tatsächlich ist. Ganze fünf Millionen Menschen in Deutschland sind betroffen und an einer Essstörung erkrankt, davon wurde bei 3,7 Millionen bereits gefährliches Untergewicht festgestellt. 90 Prozent der weiblichen Teenager möchten abnehmen, 66 Prozent aller 11 bis 19-jährigen Jungen und Mädchen wollen dünner sein. Eine von zehn Personen stirbt an ihrer Essstörung.

Damit sich Josis Geschichte nicht wiederholt, muss uns allen klar werden, aus welchem Irrglauben heraus wir Oberflächlichkeiten verbreiten und dass durch sie zwanghafter Drang zu ungesunder Selbstoptimierung ausgelöst werden kann. Wir müssen aufhören, den Körper unseres Gegenüber kritisch zu betrachten und uns ständig zu vergleichen. Wir müssen weg von Bewertungen, hin zur Neutralität. Wir müssen uns endlich die Fragen stellen, die Autorin Tara-Louise Wittwer schon längst aufgeworfen hat: „Kann es denn nicht einfach mal nichts sein? Nicht mutig, nicht super, nicht doof, nicht hässlich, nicht schön, einfach nichts?“

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