Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

GESELLSCHAFT

Wie die Isolation Ameisen erschafft

Selbstisolation macht aus Menschen auch mal Ameisen.
[Symbolfoto: pixabay]

04.05.2020 11:28 - Erik Körner

Die kurze Geschichte einer Ameise, die eine Facebook-Gruppe findet, deren Mitglieder so tun, als seien sie Ameisen.

Eine Glosse von Erik Körner

Vor kurzem war ich auf dem Weg zu einem Haus, das ich regelmäßig besuche, um nach Delikatessen zu suchen. Ständig nur Samen und Pflanzen zu essen, ist wenig aufregend. Neulich habe ich mitbekommen, dass wohl eine weltweite Pandemie herrscht, wegen der die Menschen lieber drinnen bleiben. Ich musste also vorsichtig sein, um nicht entdeckt zu werden.

Nachdem ich mir meinen Weg über die Terrasse ins Wohnzimmer gebahnt hatte, sah ich einen Mann auf dem Sofa sitzen, der lächelnd auf den Bildschirm seines Laptops schaute. Er scrollte durch eine Seite namens „A group where we all pretend to be ants in an ant colony“, eine Facebook-Gruppe mit fast zwei Millionen Mitgliedern. Merkwürdig. Ich weiß ja, dass sich Menschen seit diesem Kafka die Frage stellen: Wie muss es sich anfühlen, ein Käfer zu sein? Aber solche Ausmaße sind mir neu. Vielleicht ist ihre wochenlange Selbstisolation der Grund. Da käme ich auch auf eigenartige Ideen.

Alle Posts folgen einem Muster. Eine Person teilt ein Bild aus unserem Alltag. Das reicht von Lobpreisungen einer Ameisenkönigin – das ist ziemlich akkurat – zum Essen von Honig bis zu Memes und Puns mit dem Wort „Ant“. Viele zeigen sogar Fotos und Videos von uns. Ich habe mich schon ein wenig geschmeichelt gefühlt. Vorher dachte ich immer, die Menschen mögen uns nicht.

W E G L A U F E N

Darunter kommentieren alle Mitglieder, ebenfalls nach einem Muster. Meistens enthalten die Kommentare nur ein Wort, wie „bite“ oder „lift“, je nach Inhalt des Posts. Alle Buchstaben sind großgeschrieben und durch Leerzeichen getrennt – also eher „B I T E“. Über diese Darstellung ärgerte ich mich. So sprechen wir gar nicht!

Außerdem habe ich einige Bilder von Spinnen oder, viel schlimmer, Ameisenbären gesehen. Mein kleines Herz wäre mir wahrscheinlich dankbar gewesen, hätte ich meine Augen sofort vom Bildschirm gelöst. Die anderen Mitglieder waren gleichermaßen erschrocken; manche wollten sogar kämpfen. Die Kommentare reichten von „R U N“ bis „F I G H T“. Daran erkannte ich genau, dass in der Gruppe keine echten Ameisen sein können. Keine*r von uns käme jemals der Gedanke, einen Ameisenbären anzugreifen.

Nach wenigen Minuten klebten sie an meinen Lippen wie Pollen an einem Hummelpo. 

Zumindest freute es mich zu sehen, wie umsichtig die Mitglieder miteinander umzugehen scheinen. Neulich hat eine Person gefragt, ob die Leerzeichen zwischen den Buchstaben künftig weggelassen werden könnten. Manche Menschen haben Lese- oder Sehschwächen und müssen sich Texte von Text-to-Speech-Programmen vorlesen lassen. Doch durch die vielen Leerzeichen können die Programme die Kommentare nicht akkurat vorlesen. Alle Kommentierenden fanden die Idee gut. Ich hoffe, sie machen damit weiter.

Es wurde spät. Ich machte mich auf den Heimweg, um meinen Freund*innen von meinem Abenteuer zu erzählen. Bereits nach wenigen Minuten meiner Geschichte klebten sie an meinen Lippen wie Pollen an einem Hummelpo. Nächste Woche werden wir in kleinen Gruppen zum Haus marschieren. Die anderen wollen die Facebook-Seite ebenfalls sehen.

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