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GESELLSCHAFT

Reinigungskräfte in der Corona-Krise: Großer Druck, schlechte Bezahlung

Ohne Reinigungskraft keine Hygiene [Foto: pixabay]
​​​​​​​13.04.2020 12:35 - Redaktion

Systemrelevante Berufsgruppen wie Ärzt*innen, Pflegepersonal und Mitarbeiter*innen im Einzelhandel erhalten derzeit nicht nur medial viel Beachtung. Auch seitens der Bundesregierung und der Bevölkerung wird ihre Arbeit während der Corona-Krise besonders wertgeschätzt. Eine Berufsgruppe wird dabei allerdings nicht bedacht: Reinigungskräfte. Besonders in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen tragen sie einen großen Teil dazu bei, die Verbreitung des Covid-19-Erregers zu verhindern. Wie es sich anfühlt, nicht systemrelevant genug zu sein hat uns eine Betroffene erzählt.

„Normalerweise herrscht im Krankenhaus immer geschäftiges Treiben. Momentan ist es jedoch erschreckend ruhig, weil keine Besucher da sind und nur Notfälle aufgenommen werden. Das bedrückt mich schon“, erzählt Simone*. Seit fast 14 Jahren arbeitet sie als Reinigungskraft in einem Krankenhaus im Ruhrgebiet, sechs Tage pro Woche. Ihr Arbeitgeber ist eine Reinigungsfirma, das Krankenhaus ein Kunde. „Ich mache meine Arbeit gern, auch wenn es natürlich hart ist. Irgendjemand muss den Job ja machen“, meint sie. Simone ist immer früh unterwegs, denn ihr Arbeitstag beginnt schon um 5.30 Uhr. Bevor sie auf die Station fährt, für die sie verantwortlich ist, bereitet sie ihren Putzwagen vor. Reiniger, verschiedene Desinfektionsmittel, mehrere Sätze Lappen und Schutzhandschuhe müssen jederzeit griffbereit sein. 

„Meine Station umfasst ungefähr 900 Quadratmeter. Das sind 12 Patientenzimmer, ein Versorgungsraum, ein Außenflur und der Bereich vor den Fahrstühlen.“ Dafür hat sie täglich genau dreieinhalb Stunden Zeit, obwohl ihre Aufgaben deutlich mehr Zeit in Anspruch nehmen. „Ich reinige jedes Zimmer und jedes Bad, wische alle Böden und Flure, entstaube alle Ablageflächen, ziehe den Müll, desinfiziere alle Kontaktflächen und fülle Seife, Handtuch- und Toilettenpapier auf“, zählt sie auf. Braucht sie länger als vorgesehen, bekommt sie die Überstunden nicht bezahlt. „Ich reinige so gewissenhaft, wie ich es mir als Patientin auch wünschen würde. Dafür reicht die Zeit aber vorne und hinten nicht. Gründlich zu putzen geht eben nicht auf die Schnelle.“

Turboputzen und schlechte Bezahlung

Rund 670.000 Menschen sind in Deutschland in der Gebäudereinigung tätig, die meisten davon sind Frauen. Weil sie eine „statusniedrige“ Tätigkeit ausüben, wird ihre Arbeitsleistung innerhalb der Gesellschaft wenig bis gar nicht anerkannt – was bei Vielen für Verdruss und Ärger sorgt. Seit Beginn der Corona-Pandemie ist auch Simone zunehmend wütend darüber. „Ich war richtig enttäuscht, als wir Reinigungskräfte in der Fernsehansprache der Bundeskanzlerin nicht erwähnt wurden. Dabei sind wir ja das wichtigste Glied in den Krankenhäusern und in den Altenheimen, um die Hygiene aufrecht zu erhalten. Und da dachte ich dann nur: Ok, wir sind wieder das Allerletzte.“ Das zeigt sich auch im Krankenhausalltag. Da die Kantinen der Klinik gerade nicht arbeiten, steht für Pflegepersonal und Ärzt*innen ein Buffet mit frischem Obst und Getränken bereit. „Weil wir nicht beim Haus angestellt sind, dürfen wir dort nichts verzehren. Wir müssen sogar unser eigenes Wasser mitbringen”, bedauert Simone. 

Gebäudereiniger*innen in medizinischen Einrichtungen zählen aktuell nicht zu den systemrelevanten Berufsgruppen – ein Problem, wie die Gewerkschaft IG Bau deutlich macht. „Die Corona-Pandemie hat gezeigt, wie wichtig eine qualitativ hochwertige Reinigung ist. Damit sind die Beschäftigten und ihre Tätigkeit in den Fokus gerückt. Das ist zuerst einmal gut“, erklärt Pressesprecher Ruprecht Hammerschmidt. Das müsse nun allerdings auch von der Regierung anerkannt werden. „Wir sagen, dass Reinigung systemrelevant ist. Damit würden diesen Beschäftigten die gleichen Sicherheitsvorkehrungen zugutekommen wie Ärzten und Pflegepersonal. Sie würden die gleichen Rechte erhalten.“ Die Entscheidung, ob eine Berufsgruppe systemrelevant ist, treffen Landes- und Bundesregierungen nach bestimmten Leitlinien. Was dieser Status für Arbeitnehmer*innen bedeutet, ist beispielsweise ein Anspruch auf Notfallbetreuung trotz geschlossener Kitas und Schulen oder Sonderbezahlung wegen erschwerter Arbeitsbedingungen. Reinigungskräfte haben darauf momentan keinen Anspruch. Doch das ist nicht das einzige Problem.

Weggespart statt wertgeschätzt

Ein weiterer Missstand ist die unzureichende Bezahlung für sogenanntes „Turboputzen“, Höchstleistung in streng begrenzter Zeit und unter großem Druck. „Rund 80 Prozent aller Reinigungskräfte sind in der Lohngruppe 1 mit einem Stundenlohn von 10,80 Euro Brutto“, erläutert Hammerschmidt. Auch Simone putzt für diesen Stundenlohn. Übrig bleiben ihr am Monatsende zwischen 700 und 800 Euro. Besonders für Alleinstehende und Alleinerziehende sichern solche Niedriglöhne gerade einmal die Existenz. „Wir machen jeden Tag für kleines Geld einen sehr harten Job mit großer Verantwortung, ohne ein Dankeschön zu hören. Das ist natürlich ein beschissenes Gefühl“, macht Simone klar. Dieses Problem existiert nicht erst seit der Corona-Krise, das bestätigt der jahrelange Kampf der Gewerkschaften für bessere Arbeitsbedingungen. Dirk Rademacher, Branchensekretär der IG Bau, findet dafür deutliche Worte: „Es hat etwas mit Respekt und Anstand zutun, dass Reinigungskräfte vernünftig entlohnt werden müssen. Beim Thema Krankenhäuser sehen wir es genau wie in der Pflege: Krankenhäuser dürfen keine Gewinne machen. Der Mensch muss wieder im Vordergrund stehen und nicht der Kommerz.“ 

Für Simone hat sich der Arbeitsalltag seit Ausbruch der Corona-Pandemie grundsätzlich wenig verändert, sie macht ihre Arbeit höchstens noch gewissenhafter. „Wir sollen verstärkt darauf achten, uns selber zu schützen. Wir tragen jetzt Sicherheitshandschuhe, arbeiten mit Mundschutz und müssen alles desinfizierend reinigen, sogar die Böden.“ Dass Arbeitgeber die notwendige Schutzkleidung zur Verfügung stellen, sei besonders zu Beginn der Pandemie nicht immer der Fall gewesen, berichtet IG-Bau-Sprecher Hammerschmidt. „In Kliniken wurden die Reinigungskräfte zuerst nur in Infektionsbereichen ausreichend geschützt, nicht aber in der Zimmerreinigung. Das hat sich weitgehend positiv verändert. Soweit uns bekannt ist, sind die Schutzmaßnahmen in den Krankenhäusern aktuell ausreichend vorhanden.“ Das bestätigt auch Simone. „Mehr Sorgen als vorher mache ich mir eigentlich nicht. Krankheitserreger gehören im Krankenhaus nun mal dazu.“ 

Wegen der Corona-Krise wird gegenwärtig wieder mehr Geld für die Reinigung medizinischer Einrichtungen zur Verfügung gestellt. Ein guter Schritt, findet Simone. Aber: „Wir sorgen tagtäglich dafür, dass sich gefährliche Bakterien wie MRSA nicht weiterverbreiten, nicht erst seit Corona. Dass nur in Krisenzeiten mehr für Hygiene investiert wird, ist für mich Sparen am falschen Ende.“ Was sie sich für die Zukunft wünscht? „Ein bisschen mehr Anerkennung wäre schön. Dass einfach auch mal darüber nachgedacht wird, was wir da eigentlich für einen Job machen und warum der so wichtig ist. Denn wenn wir ausfallen würden, würden die Krankenhäuser in Keimen ersticken.“

*Name von Redaktion geändert
 

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