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GESELLSCHAFT

Wenn Satire an ihre Grenzen stößt

Viele Frauen, die Kopftuch tragen, sehen sich immer noch mit Diskriminierung konfrontiert. [Symbolbild: pixabay]

30.07.2019 12:40 - Erik Körner

Die Cartoonistin Franziska Becker veröffentlicht seit über 30 Jahren ihre Zeichnungen in der Emma, der Titanic oder dem Stern. Am 29. Juni bekam sie die Hedwig-Dohm-Urkunde für ihr Lebenswerk vom Journalistinnenbund verliehen. Diese Entscheidung sorgte für harsche Kritik. Einige Journalist*innen, wie Sibel Schick, sehen Beckers Zeichnungen als zu undifferenziert und diskriminierend an. Dennoch sind andere, wie Twitter-Nutzerin Leyla Fagizadeh, zutiefst für Beckers Darstellungen dankbar.

Die Karikaturen zeigten Bilder eines Landes, in dem „die Scharia beziehungsweise Islamisten das Sagen haben“, sagt Becker. So stellte eine Zeichnung einen Ladendieb dar, dem noch im Geschäft die rechte Hand mit einem Schwert abgetrennt wird. In einer anderen werden Burkas im Schaufenster eines Modehauses als en vogue beworben. Außerdem illustrierte Becker eine Szene in einer Bank: Eine muslimische Angestellte weist eine Kundin darauf hin, dass Auszahlungen ausschließlich mit der schriftlichen Genehmigung eines männlichen Familienmitglieds erfolgen können.

Journalistin Sibel Schick ist der Ansicht, Beckers Karikaturen mangelt es primär an Differenzierung zwischen Islamistinnen und Frauen, die Kopftuch tragen: „Es geht gar nicht darum, inwiefern welche Gruppen unterdrückt werden. In diesen Karikaturen kann man nirgends

„Nein, ich bin gegen die Schere im Kopf“, sagt sie der akduell.

festmachen, inwiefern zwischen diesen zwei Gruppen unterschieden wird.“ Sie beanstandet, dass Becker in diversen Interviews kein Interesse an Differenzierung zwischen Musliminnen und Islamistinnen gezeigt habe: „Von daher bleibe ich auf jeden Fall bei meiner Meinung, dass diese Zeichnungen nichts machen, außer Vorurteile über eine ohnehin schon diskriminierte Gruppe zu zeigen.“ Becker findet die Kritik ungerechtfertigt: „Ich differenziere sehr wohl, im Gegensatz zu meinen Shitstormer*innen“.

Becker machte in ihrer Preisrede klar, dass eine Religion oder Gläubige zu verspotten nicht ihr Ziel gewesen sei. „Glaube ist Privatsache, aber ich zeige den Missbrauch der Religion, jeder Religion, für ideologische Zwecke fanatischer Gotteskrieger jeder Couleur“, so die Cartoonistin. Dass die negative Rezeption an ihren Werken erst jetzt so schlagartig kommt, überrascht Becker. Zumal sie schon andere Religionen, wie das Christentum, aufs Korn nahm. „Übrigens sind die Karikaturen schon älter und ich frage mich, warum das jetzt hochgehoben wird“, eröffnet die Cartoonistin in einem Interview mit dem Magazin Cicero. Trotz des negativen Feedbacks hat sie nicht vor, ihre Karikaturen künftig umzugestalten, um Missverständnisse zu vermeiden. „Nein, ich bin gegen die Schere im Kopf“, sagt sie der akduell.

Nicht alles schlecht?

Allerdings gibt es auch Personen, die Beckers Islamkritik verteidigen und sie für wichtig halten, beispielsweise Twitter-Nutzerin Leyla Fagizadeh. Sie weist darauf hin, dass die Karikaturen nicht bloß Frauen mit Kopftuch verallgemeinernd als Gefahr darstellen wollen. „Stattdessen werden Täterinnen gezeigt, die sich islamistisch betätigen.

Die Karikaturen zeigen absolut kritikwürdige muslimische Frauen. Solche Frauen existieren. Auch in Deutschland“, merkt sie an.
Des Weiteren zeigen die Karikaturen, was für eine Gesellschaft muslimischen Frauen unter der Scharia vorschweben könnte. „Und auch, wenn diese Gesellschaft nicht morgen und nicht übermorgen realisiert wird, ist das das erklärte Ziel. Deshalb sind solche Individuen kritikwürdig“, meint Fagizadeh. Für sie scheint es keine Rolle zu spielen, wie groß die Wahrscheinlichkeit ist, dass der radikale Islam sein Ziel erreichen wird: „Wir kritisieren auch die AfD, die sich einen ethnisch einheitlichen Volksstaat mit autoritärer Herrschaft und Abschottung wünscht, auch wenn dieser Kampf (noch) nicht erfolgreich ist.“
Fagizadeh lebte laut eigenen Aussagen einen Großteil ihres Lebens in patriarchalen islamischen Familienstrukturen und litt unter der Unterdrückung von Frauen. „Gerade für Menschen wie mich ist diese Kritik empowernd, notwendig, hilfreich, trost- und kraftspendend“, teilt sie auf ihrem Twitter-Account mit.

Schluss mit Unterdrückung

Fagizadeh fand außerdem Worte der Kritik für Schicks bisherige Arbeit zum Thema. Sie ist der Ansicht, die Karikaturen seien eben doch differenziert, haben weder nur Muslime noch den Islam, sondern den politischen Islam, also der Islam, der die Gesellschaft nach religiösen seinen Vorstellungen verändern will, als Gegenstand. „Die Karikaturen treffen keine Aussagen über *alle* Musliminnen“, so Fagizadeh. Schick ist jedoch überzeugt, dass es bei Beckers Zeichnungen von vornherein überhaupt nicht darum ginge, was das Ziel der Kritik der Cartoons ist.
„Gegen Musliminnen wird rassistisch gehetzt. Keine Unterdrückung der Frauen rechtfertigt, dass diese selben Frauen von einer anderen Gruppe noch mehr unterdrückt werden“, konstatiert Schick. Frauen mit Kopftuch diskriminierend darzustellen, nur, um auf die Oppression dieser Frauen hinzuweisen, könne nicht der richtige Weg sein. „Musliminnen werden unterdrückt, also unterdrücken wir sie noch mehr. Das ist doch kein Argument“, fügt sie hinzu. Nichtsdestotrotz ist es Schick wichtig, die Probleme Fagizadehs – trotz aller Meinungsunterschiede – ernst zu nehmen: „Selbstverständlich glaube ich ihr und ich bedauere es sehr, dass sie solche Unterdrückungserfahrungen gemacht hat.“

Lizenzfreies Foto von pixabay
 

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