Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

GESELLSCHAFT

Beziehungsweise

Wenn man(n) keinen Bock auf Sex hat

11.02.2019 11:23 - Julia Segantini

Wenn man enttäuscht neben seinem Freund liegt, weil er wieder keine Lust auf Sex hat, kann das eine Beziehung belasten. Vor allem wenn beide insgeheim denken: „Männer haben doch immer Lust auf Sex”. Warum das ein Mythos ist und was man tun kann, wenn beide unterschiedliche Erwartungen haben, haben wir mit einer Diplom Psychologin, einem Sexualpädagogen und zwei Studierenden besprochen.

Ein fragender Blick, eine wandernde Hand. „Schatz, ich hab’ echt Kopfschmerzen und will nur noch schlafen. Nächstes Mal.“ Ja, auch Männer haben mal keine Lust auf Sex. Trotzdem haben viele das Bild vom dauergeilen Mann im Kopf, sagt Claudia Kader-Tjijenda. Sie arbeitet als Diplom Psychologin und analytische Gestalttherapeutin in Essen und Düsseldorf mit den Schwerpunkten Paartherapie und Sexualberatung. „In der Praxis erlebe ich es immer wieder, dass Männer verunsichert von sich sagen ‚ich habe nicht immer und ständig Lust, ich bin kein richtiger Mann‘ oder ‚ich bin anders als die anderen.‘“

So erlebt es auch Matthias bei seinem Job häufig. Er arbeitet als Sexualpädagoge und leistet Aufklärungsarbeit in Schulen. „Männer müssen eine bestimmte Rolle erfüllen. Sie lernen: Der Mann muss eine Frau befriedigen und am besten so zufrieden stellen, indem er immer bereit ist. Keinen Bock auf Sex zu haben, gilt einfach als unmännlich“, erklärt er. Das Pendant bei den Frauen lautet laut Kader-Tjijenda: Wir haben nicht so oft Lust und auf jeden Fall weniger als Männer. „Frauen im Gegensatz dazu sind also eher verunsichert, wenn sie mehr Lust als ihr Partner haben. Hier höre ich oft: ‚Ich fühle mich total komisch, weil eigentlich müsste es ja genau anders herum sein.’“

Amy ist Wirtschaftsinformatik-Studentin an der Universität Duisburg-Essen. „Ich bin eine Frau, die man als dauergeil bezeichnen kann. Weil dieses Bild den Männern zugeordnet wird, habe ich oft das Gefühl, ein Mann zu sein“, erzählt sie lachend. Dass seine Freundin Lust hat und er nicht, kennt auch Felix*, Medizin-Student an der Ruhr-Universität Bochum. „Klar, manchmal bin ich einfach müde von der Arbeit. Uni geht mir auch sehr nah. Manchmal falle ich dann ins Bett und will nur noch schlafen, dann hab ich gar keinen Bock mehr, gerade in Klausurphasen.“ Oft schaffe sie es dennoch ihn umzustimmen, sei aber auch nicht enttäuscht, wenn es mal nicht klappt.

Entspannung und Kommunikation

Das sei eine gesunde Reaktion, sagt der Sexualpädagoge. „Man sollte nichts auf eine Beziehungsebene ziehen, was da gar nicht hingehört. Wenn er sagt, dass er Stress hat und sie ihn unter Druck setzt, indem sie traurig ist, entstehen falsche Mechanismen: Beim nächsten Mal hat er dann vielleicht keine Lust, weil er sich unter Druck gesetzt fühlt“, so Matthias. „Der Mann muss sich entspannen. Wenn er sich nicht entspannen kann, dann kriegt er auch keinen hoch. Wenn man dauernd angespannt ist, gerade wenn man die Frau total mag und eine besondere Leistung bringen will, macht dieser Druck es einem sehr schwer.“

„Keinen Bock auf Sex zu haben, gilt einfach als unmännlich“

Amy weiß, warum sie viel Lust auf Sex hat. „Ich kenne mein Körper sehr gut und weiß, was mir gefällt. Ich benutze tagsüber mein Fantasie, deswegen bin ich auch sehr oft dauergeil“, berichtet sie. Ihr Partner sei hingegen weniger zu Sex motiviert. Ihre Lösung: Masturbation und Sexspielzeug. Zu offenen Beziehungen hat sie eine teilweise ambivalente Meinung. „Ich toleriere offene Beziehungen, aber ich kann das nicht mit mir vereinbaren. Ich denke, ich würde daran kaputt gehen.“

Trotzdem flirtet sie gern und spricht darüber offen mit mit ihrem Freund. „Ich sage zu ihm manchmal auch wenn ich keinen Sex bekomme: ‚wundere dich nicht, wenn ich eines Tages fremd gehe‘. Wir haben selten Sex, aber unser Sex gefällt mir“, sagt sie. Zwar sei ihr Freund eifersüchtig, er habe aber gelernt damit umzugehen, dass sie gern flirtet. Verheimlichen tut sie ihm nichts. „Ich sage ihm zum Beispiel auch, wenn ich einen Professor total attraktiv finde und von ihm schwärme“, erzählt sie. Streit gibt es deswegen nur noch selten. Sie hätten beide gelernt, einander so zu akzeptieren, wie sie sind und dass sie den anderen weder ändern können noch wollen. „Ich hatte schon mal Schluss mit ihm. Und dann war ich mit jemanden zusammen, der genauso getickt hat wie ich. Er hatte aber offene Beziehungen und hat weit weg gewohnt.“ Letztendlich habe das nicht funktioniert und sie sei wieder mit ihrem jetzigen Freund zusammen gekommen.

Über Sexualität reden

Dass Amy so offen über ihre Sexualität spricht, hängt auch mit der sexuellen Emanzipation zusammen. „Emanzipation gibt es ja noch gar nicht so lange und das war auch überwiegend so, dass Sex für Frauen nicht unbedingt lustvoll war und es darauf auch nicht ausgerichtet war, sondern nur auf die Befriedigung des Mannes“, sagt Psychologin Kader-Tjijenda.

„Die Rolle der Frau, die Stellung und die Möglichkeiten von Frauen haben sich total geändert. Wenn man sich überlegt, was Sie jetzt dürfen, was Ihre Mutter und Ihre Großmutter durften, da liegen Welten zwischen. Frauen sind total erstarkt und wir sind nicht noch nicht am Ende. Das lässt sich natürlich auch darin wiederfinden, wir wir Frauen heute unsere Sexualität leben. Nämlich viel selbstbestimmter und selbstbewusster. Viele Männer verunsichert das, denn es gibt nicht mehr die einfachen Antworten und sie müssen ihren Weg finden, wie sie damit umgehen wollen“, meint sie.

Der beste Weg mit Unsicherheiten fertig zu werden, ist laut Matthias über Sexualität zu reden. Unter Männern ist das nicht immer einfach, denn über Sex reden heißt dann oft mit Eroberungen prahlen, so der Sexualpädagoge. Auch Felix findet es nicht immer leicht, Freunde um Rat zu fragen. „Wenn ich etwas nicht weiß, google ich das eher“, meint er. „Ich würde damit nicht zu jedem gehen. Eher zu einem, der etwas erfahrener ist. Oder zu meinem besten Freund, den ich seit dem Kindergarten kenne. Mit ihm habe ich darüber schon mal gesprochen. Manchmal funktioniert das aber auch in einer geselligen Bierrunde. Dann lacht man kurz darüber, kann dann aber auch darüber reden. Oft stellt sich dann heraus, dass andere die gleichen Probleme haben“, erzählt er.

Dass in einer Beziehung einer mehr und einer weniger Lust auf Sex hat sei normal und nicht vom Geschlecht, sondern eher vom Typ abhängig, erläutert Kader-Tjijenda. „Auch, dass unsere Lust nicht jeden Tag gleich ist und es Phasen gibt, wo sie uns ganz abhanden kommt, kommt vor“, erklärt sie. Wenn man dauerhaft keine Lust auf Sex hat, gilt es herauszufinden, woher die Lustlosigkeit kommt, was also der Grund dahinter ist, so die Diplom Psychologin. „Stress haben ist total beliebt, aber das ist an der Oberfläche. Das heißt, ich muss mich fragen, ist das wirklich der Grund oder schiebe ich ihn nur bequem vor? Oder bin ich wirklich gestresst und gehe in Richtung Burn Out? Mute ich mir dauerhaft zu viel zu, gehe ständig über meine Grenzen, habe keinen Ausgleich mehr? Dann bin ich auch dazu aufgerufen, etwas in meinem Leben zu ändern. Einfach zu sagen ‚ich bin zu gestresst‘, ist zu einfach“, stellt sie klar.

Selbstbewusstsein stärken

Nicht nur Männer müssten an sich arbeiten, das gleiche gelte für Frauen, meint Matthias: „Im Optimalfall sollte der Wunsch nach Sex nicht gleichgesetzt sein mit dem Wunsch nach Bestätigung“, betont er. Man solle sich fragen, warum man ein Problem damit hat, wenn das Bedürfnis nach Sex nicht befriedigt wird und man nicht bestätigt wird. Sich also fragen, wo man an seinem Selbstbewusstsein arbeiten kann, damit eine*n das nicht so mitnimmt.

„Ich bin eine Frau, die man als dauergeil bezeichnen kann.“

Genau das hat Amy gemacht. „Selbstbewusstsein muss man trainieren, das ist reine Kopfsache. Sei dir bewusst: Wenn jemand dich nicht richtig behandelt, hat er dich nicht verdient. Sei dir bewusst, dass du eine unabhängige, hübsche Frau bist“, rät sie. Auch wenn Felix’ Freundin selbstbewusst ist, hat er das bei anderen Frauen schon anders erlebt. „Ich hatte schon oft das Gefühl, dass Mädchen, auch wenn sie gerade nicht so viel Lust haben, das dann trotzdem für den Jungen machen.“ Bei ihm habe sich ein Mädchen ein mal ganz kleinlaut dafür entschuldigt, als sie kurz vor ihrem ersten Mal mit ihm – er war schon erfahrener – doch nicht mit ihm schlafen wollte.

Einen weiteren Hinweis für langfristigere Beziehungen hat Matthias: „Man sollte gerade in einer langfristigen Beziehung immer wieder Räume dafür schaffen. Also nicht um halb zehn abends sagen, ‚okay, jetzt haben wir noch eine halbe Stunde Zeit‘, sondern sich wirklich Zeit nehmen und vielleicht auch weg kommen vom rein genitalen Sex. Das heißt, man kann sich ja auch einfach streicheln, sich liebkosen, sich verwöhnen und so vielleicht schon etwas auflösen. Und in manchen Fällen kommt es dann vielleicht auch noch zu etwas.“ Für den Partner kann es auch schwierig sein, den anderen abzulehnen, weiß Kader-Tjijenda. Oft leide das Selbstbewusstsein darunter, gerade bei Männern, weil sie sich ihre Lustlosigkeit nicht erklären können. Zudem fühlen sie sich schlecht, weil sie wissen, der*die Partner*in ist enttäuscht. „Spätestens wenn es ein Problem für die Beziehung wird, sollte man sich Hilfe suchen“, sagt sie.

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