Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

GESELLSCHAFT

Wenn man sich wie im falschen Vortrag fühlt

Gegen die Islamische Republik Iran gehen derzeit viele Menschen auf die Straße. (Symbolbild: BRIT)

30.01.2018 12:38 - Britta Rybicki



„Propaganda und Uninformiertheit“ waren Vorwürfe, die promovierte Iranistin Golrang Khadivi am vergangenen Mittwoch, 24. Januar, nach ihrem Vortrag über „Frauen*rechte im Iran“ zu hören bekam. Dieser fand im Rahmen des Jahresprojekts „Fluchtursachen“ der Medizinischen Flüchtlingshilfe Bochum e.V. (mfh) im Bahnhof Langendreer statt. Nicht nur die Zuhörer*innen waren irritiert.

„Ich fühle mich als wäre ich auf der falschen Veranstaltung. Beinahe auf einem Propaganda-Abend für Rohani“, sagt ein älterer Mann in der anschließenden Diskussionsrunde. Seine Aussage erhält Zustimmung im Saal. Einige nicken, wenige Zuhörer*innen klopfen auf den Tisch. Die Veranstaltung ist gut besucht. Alle Stuhlreihen sind besetzt, weitere Interessierte häufen sich um Stehtische und an der Theke. Den Fokus in ihrem Vortrag legt die gebürtige Iranerin Khadivi auf die Fluchtursachen und Perspektiven von Frauen* im Iran. Derzeit forscht sie an der Universität Hamburg zu Genderfragen in der Islamischen Republik. Maren Wenzel, Projektkoordinatorin der mfh und ehemalige Redakteurin der akduell, leitet den Vortrag ein und zählt die Missstände auf, die Menschen dort zur Flucht zwingen: "Menschenrechtsverletzungen, die Verfolgung von religiösen und ethnischen Minderheiten, Hinrichtungen, Folter, Ermordungen in Haftanstalten und nicht zuletzt die Unterdrückung von Frauen*." Im Jahr 2017 stellten 7.795 Iraner*innen einen Antrag auf Asyl in Deutschland. Womit Iran auf Platz sechs der Herkunftsländer landet.

Gendergleichheit unmöglich?

"Die Situation von Frauenrechten im Iran ist komplex." Neben den massiven Einschränkungen der religiösen Obrigkeit – dem Revolutionsführer Khamenei – würde auch Hassan Rohani als Regierungspräsident nicht viel für die Rechte von Frauen tun. Eins von vielen Beispielen sei die Wiedereinführung im August 2016 des soganneten Familien-Exzellenz-Plan, der die Geburtenrate steigern soll. "Dieser schränkt den Zugang zu Verhütungsmitteln und die Förderung für Familienplanungsprogramme noch weiter ein", sagt Wenzel.

Einen rechtlichen Schutz gegen sexuelle Gewalt würde es laut UN bis heute weiterhin nicht geben. Insbesondere in der Ehe würde eine Vergewaltigung nach wie vor nicht unter Strafe stehen; die Frau muss laut iranischen Gesetz die sexuellen Bedürfnisse ihres Mannes erfüllen. Entsetzliche Verbrechen wie der Mord von Großvätern und Vätern an weiblichen Familienmitgliedern oder die Zwangsheirat bereits im Kindesalter sind straffrei. "Auch die Menschenrechtslage im Iran ist düster", so Wenzel.

Trotz der düsteren Lage, gibt es derzeit einige Dynamiken im Land. Wenzel macht auf die Widerstände aufmerksam, die von Frauen angeleitet werden. Seit Anfang dieses Jahres sorgen Proteste im Land, die auch von Frauen*rechtsaktivistinnen genutzt werden, für internationales Aufsehen. Gestartet sind sie bereits im Mai 2017 mit der Internet-Aktion „White Wednesday“, organisiert von der Exil-Journalistin Masih Alinjad und ihrer Gruppe „My Stealthy Freedom“. Als Zeichen ihres Protests sammeln sie Fotos von Frauen* in weiß oder mit weißem Kopftuch und veröffentlichen diese im Netz. Besonders viral ging ein Video, auf dem eine Aktivistin zu sehen ist, die ihr weißes Kopftuch wie eine Fahne an einem Stock schwenkt. Später berichtete Masih Alinjad auf Social Media über die Verhaftung dieser Frau und dass sie nach ihrer Freilassung bis heute verschwunden sei. Für ihr Engagement gewann die Exil-Journalistin Alinjad den UN-Preis für Menschenrechte.

Als die Referentin Khadivi über die Perspektiven der Frauen* im Land spricht, kommt sie zu den „staatlichen Bekleidungsregeln“ und relativiert die politischen Proteste: Derzeit würden Frauen damit „spielen“. Während schwarz verschleierte Frauen von ihren Männern unterdrückt würden, wollten Frauen mit weißen und farbigen Schleiern und Kopftüchern „ihrer Identität und Persönlichkeit neuen Ausdruck verleihen“. Außerdem würde es sich dabei „nicht unbedingt“ um einen „politischen Ausdruck oder gar Widerstand handeln“. Es klingt fast so, als könnte man es als eine Art modische Neuinszenierung fernab von jedem politischen Zwang oder einer Botschaft der Aktivistinnen verstehen.

Rohanis Versprechen im Wahlkampf

Sie schwankt von einer wenig fundierten Aussage zur Nächsten. Natürlich würden Frauen* strukturell diskriminiert und geschlechtsspezifisch verfolgt werden, die Zahl der Sittenwächter sei mit dem Machtantritt von Staatspräsident Hassan Rohani aber spürbar zurückgegangen. Statistiken oder andere Belege nennt sie nicht. „Die Schminke gehört zum alltäglichen Leben von Iranerinnen und das Kopftuch ist kein islamisches Symbol mehr“, fügt sie hinzu – ohne sich zu erklären. Hinsichtlich Bildung und Berufstätigkeit habe Rohani auch einige Wahlkampfversprechen erfüllt. Frauen* würden in Bewerbungsverfahren der Studiengänge Naturwissenschaften, Kunst und Sprachen jedes Jahr die vorderen Plätze belegen und die besseren Abschlüsse erlangen. „Die Anzahl der weiblichen Führungskräfte ist inzwischen höher als in Deutschland.“ Und auch das Sport treiben gehöre mittlerweile zum Alltag, was man insbesondere an neu errichteten Sportzentren und kostenlosen Fitnessgeräten in Parkanlagen sehen könnte. Für all ihre Aussagen vergisst sie weiterhin Belege.

Des Weiteren widerspricht sie sich an einigen Stellen. Die Iraner*innen würden sich einen Wandel wünschen; sie seien bereit für die Demokratie und freie Wahlen. Bereit, um auf Augenhöhe mit der Welt zusammenzuarbeiten. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International verkündete kurz vor der Vereidigung von Hassan Rohani für seine zweite Amtszeit, dass sich die Menschenrechtslage seit seiner Amtsübernahme im Jahr 2013 enorm verschlechtert hätte. Auch Khadivi bennent die stiegende Anzahl der Hinrichtungen unter Rohani. Für ihre vorherige Bewertung scheinen diese jedoch nicht relevant.

Konservative Politikerinnen als Zeichen der Gleichberechtigung?

Endgültig verliert das Publikum dann die Geduld als die Wissenschaftlerin vier Frauen in Regime-Positionen vorstellt. Nach der islamischen Revolution im Jahr 1979 sei das schließlich eine Premiere. Eine Frau nimmt im Anschluss dazu Stellung: „Es ist sehr fraglich inwiefern diese Frauen liberalen und säkularen Frauen auf der Straße, die massiv eingeschränkt werden, weiterhelfen können.“ Deren gänzlich unkritische Vorstellung wurde auch von Veranstalterin Wenzel kritisiert und zurückgemeldet. Wie auch das Wording der Wissenschaftlerin. „Ich finde es äußerst problematisch und nicht richtig, von einer Regierung und nicht von einem Regime zu sprechen. Auch im wissenschaftlichen Kontext nicht“, so Wenzel.

Dass Khamenei als Revolutionsführer uneingeschränkte Machtbefugnisse über alle politischen und religiösen Institutionen im Land besitzt, sagt Khadivi selbst als sie wegen ihrer Auswahl der konservativen Politikerinnen kritisiert wird: „Es gibt nur Reformerinnen in politischen Ämtern und diese Frauen müssen auch die Bekleidungsregeln einhalten, sonst verlieren sie ihre Positionen.“ Schließlich sei die geistliche Obrigkeit auch im Stande über den Kopf von Rohani hinweg zu handeln und Politiker*innen auszusortieren. Dieser Vortrag gleicht einer wilden Achterbahnfahrt der Gefühle. Einerseits werden Auch wenn die Argumentationen an
diesem Abend völlig unklar und schwammig verlaufen, sind sich alle Anwesenden in zumindest einer Sache einig: Eine Realisierung einer gendergerechten Gesellschaft im Iran ist immer noch nicht vorstellbar.
 

Wie trauern Studierende?

An wen können sich Studierende wenden, wenn sie traurig sind?
 

„Zum Kongress? Die rechte Tür!“

Der Alternative Wissenskongress diskutierte in Fröndenberg Themen wie Zensur, Medienlügen und Vertuschung. Presse unerwünscht.
 

Ersti-Ratgeber: So läuft's mit der Krankenkasse

Als Ersti muss man sich durch viel Bürokratie kämpfen. Wir haben aufgeschrieben wie es mit der Krankenversicherung läuft.
 
Konversation wird geladen