Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

GESELLSCHAFT

Wenn der zwölfte Mann singt

Symbolbild Deutschlandfahnen (dpe)

23.06.2018 10:59 - David Peters


Wer dachte, dass die sogenannten Malle-Hits das allerschlimmste ist, was einem musikalisch passieren kann, hat noch keine WM- oder EM-Songs gehört. Alle zwei Jahre tun sich dort pünktlich zu den anstehenden Fußballturnieren wahre Abgründe auf. Das Programm dort ist klar: Musik, die nicht überfordert, damit auch jede*r besoffene Deutsche mitgrölen kann.
 
Während zur WM 2006 Herbert Grönemeyer mit „Zeit, dass sich was dreht“ noch einen halbwegs akzeptablen Song ablieferte, der zumindest nicht nur mit Partypatriotismus oder hohlen Phrasen glänzte, darf sich inzwischen jede*r mal an einem WM-Song probieren. Das Ergebnis treibt den Fremdschämfaktor auf die Spitze. Trotzdem werden diese Hits auf YouTube tausendfach geklickt oder laufen auf jeder Public Viewing-Veranstaltung. Deswegen haben wir uns gefragt, was man für einen WM-Song so braucht: 

Erstmal jemanden für den Gesang. Ob dieser Mensch auch wirklich singen kann, scheint dabei eher nebensächlich zu sein. Perfekte Voraussetzungen für Ballermannsternchen, C-Promis, unlustige Comedians, DSDS-Gewinner*innen oder die netten Jungs vom Kleingartenverein, man darf sich nur für nichts zu peinlich sein. Fehlt noch die Horde Nachbar*innen, die im Hintergrund – in sämtliche Schland-Fanartikel gekleidet – Deutschlandfahnen schwenken und enthusiastisch mitgrölen. Da können die Grenzen zwischen Pegida-Demo und WM-Song schon mal verschwimmen.

Ohne Text funktioniert so ein Meilenstein der Musikgeschichte natürlich auch nicht. Hier ist der Mitgrölfaktor besonders wichtig – das muss ja auch nach einem Kasten Paderborner noch klappen. Um die Zielgruppe nicht zu überfordern, wird hier am besten zum Fußball-Schland-Textbaukasten gegriffen. Phrasen wie „Wir holen den Pokal“, „Schwarz-Rot-Gold“, „Wir stehen hinter euch“, „Schalalalalaaa“ oder einfach „Deutschland“ dürfen nicht fehlen. Nicht überfordern war ja das Stichwort! Diese Phrasen werden aneinandergereiht, irgendwas mit „Saufen“ geht auch immer und (ganz wichtig) die deutsche Vormachtstellung gegenüber den anderen teilnehmenden Ländern. Das Ganze wird dann mit einer aus maximal sechs Tönen bestehenden Melodie unterlegt oder man greift einfach auf eine altbekannte zurück. Ihr erinnert euch, man will ja niemanden überfordern. Fertig ist der deutsche WM-Hit.

Und wenn man denkt, man hätte jetzt den wirklich schlechtesten Song gefunden, dann klickt man auf das nächste Video und stellt fest: Schlimmer geht immer. Oh Deutschland, blüh im Glanze dieses Glückes. 
 
Eine Kolumne von David Peters
 

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